Todesfall & Biometrie

Vom starren Sterbegeld zum Vorsorge-Budget

Anonyme Hotlines und reine Geldauszahlungen aus der Sterbegeldversicherung lösen die Probleme von Hinterbliebenen oft nicht. Die Lösung liegt im Wandel hin zu einem flexiblen Vorsorge-Budget mit Assistance-Leistungen, findet Thomas Stabenow, Leiter Vertrieb bei Zeitreicher.
Thomas Stabenow ist Leiter Vertrieb bei der Zeitreicher GmbH.
© Zeitreicher
Thomas Stabenow ist Leiter Vertrieb bei der Zeitreicher GmbH.

Der Markt für Vorsorge und Hinterbliebenenschutz steht an einem historischen Wendepunkt. Ist es nur ein spezialisiertes Interesse, oder eine selektive Wahrnehmung? Fakt ist, zwei aktuelle Branchenereignisse aus dem Frühsommer 2026 zeichnen ein deutliches Bild vom sperrigen Thema der Hinterbliebenenversorgung.

Auf der einen Seite belegt die neue, im Juli 2026 veröffentlichte Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), dass in mehr als 20 Millionen Haushalten mit Absicherungsbedarf essenzieller Schutz im Todesfall fehlt. Auf der anderen Seite hat das erste umfassende Sterbegeld-Rating von Franke und Bornberg im Mai 2026 eine gravierende Qualitätsschwäche offengelegt: Das sogenannte Assistance-Dilemma.

Bei den Unterstützungsleistungen hapert es

Für Versicherer, Risikoträger und die Maklerschaft ergibt sich daraus eine dringende Notwendigkeit, Produkte grundlegend neu zu denken und klassische Bedingungswerke zu modernisieren.

Im Mai 2026 veröffentlichte Franke und Bornberg das erste Bedingungsrating für Sterbegeldversicherungen und nahm dabei 59 Tarife von 30 Versicherern genau unter die Lupe. Das Ergebnis könnte ein Weckruf für die gesamte Branche sein: Kein einziger Tarif konnte in der wichtigen Kategorie „Assistance“ die Höchstnote (FFF+) ergattern; 23 Tarife fielen sogar komplett durch. Der Grund für dieses schlechte Abschneiden liegt in einem möglichen Missverständnis der Versicherer über die tatsächlichen Bedürfnisse von Hinterbliebenen im akuten Ernstfall.

Was Assistance leisten sollte

Bislang verstehen viele Anbieter unter Assistance vor allem finanzielle Sofortleistungen oder starre, anonyme Telefon-Hotlines, die juristische oder organisatorische Standardtipps geben. Das Problem dabei: In einer emotionalen Ausnahmesituation hilft ein reiner Ratschlag am Telefon oder die bloße Auszahlung von Geld nicht weiter.

Die Hinterbliebenen stehen vor physischen und logistischen Herausforderungen vor Ort, die durch reine Liquidität schlicht nicht gelöst werden können. In unserer mobilen Gesellschaft leben Kinder, Verwandte und enge Angehörige oft hunderte oder gar tausende Kilometer vom Sterbeort entfernt. Wenn der Ernstfall eintritt, bricht oftmals ein logistisches Chaos aus: Haustiere müssen ad hoc versorgt, Wohnungen geräumt, Verträge gekündigt, digitale Accounts gelöscht und Behördengänge absolviert werden.

Nur Geld auszahlen hilft nicht viel

Ein reines „Geld-auszahlen“ lässt die Angehörigen mit dieser Last allein. Hier schlägt die Brücke zur aktuellen GDV-Studie vom Juli 2026. Die Zahlen der Forscher sprechen eine deutliche Sprache: Jedes Jahr verlieren mehr als 100.000 Menschen (darunter rund 50.000 minderjährige Kinder) einen Partner oder Elternteil. In mehr als 20 Millionen Haushalten mit echtem Absicherungsbedarf fehlt jegliche Absicherung.

Besonders dramatisch: Gerade in der Lebensphase zwischen 25 und 35 Jahren – wenn Familien gegründet und Immobilien finanziert werden –, ist die Verbreitung von Vorsorgeprodukten extrem gering.

Vorsorge-Budget statt starrer Kapitalwert

Wie lässt sich dieser gordische Knoten im Vertrieb durchschlagen? Bislang gelten klassische Sterbegeld- oder Absicherungsprodukte bei jüngeren Zielgruppen oft als verstaubt. Sie werden auf den reinen Todeszeitpunkt und die Bestattungskosten reduziert.

Wenn Versicherer und Makler jedoch den Hebel vom starren Kapitalwert zum flexiblen „Vorsorge-Budget“ umlegen, wandelt sich das Produkt von der ungeliebten „Beerdigungspolice“ zum modernen Lifestyle- und Sicherheitsanker. Moderne Dienstleistungsansätze knüpfen genau hier an. Anstelle eines starren Leistungskatalogs erhalten Hinterbliebene im Ernstfall ein zweckgebundenes Budget und vor allem einen persönlichen Case-Manager an die Hand. Dieser koordiniert lokale Alltagshelfer – von der professionellen Haustierversorgung über den Wohnungsauflösungs- und Wäscheservice bis hin zur tatkräftigen Begleitung bei Behörden.

Für Risikoträger bedeutet das: Sie bieten kein abstraktes Sterbegeld mehr, sondern echte, materielle Entlastung. Zukunftsfähige Versicherer integrieren ganzheitliche Service-Ökosysteme direkt in ihre Tarifstrukturen, um sich im Wettbewerb klar zu differenzieren. Und die Beratenden? Für sie schlägt die Versorgung der Angehörigen eine Brücke in die Zeit „danach“.

Über den Autor

Thomas Stabenow ist Leiter Vertrieb bei der Zeitreicher GmbH. Er verfügt über mehr als 30 Jahre Führungserfahrung im Vertrieb und Key-Account-Management der Versicherungs- und Finanzdienstleistungsbranche, unter anderem als Vertriebsleiter bei den führenden Analysehäusern Morgen & Morgen sowie Franke und Bornberg. Der gelernte Versicherungskaufmann und Malik-Absolvent ist zudem zertifizierter Sachverständiger für Berufskunde und Tätigkeitsanalyse (SRH Heidelberg), HBDI-Coach sowie Experte für Betriebliche Altersversorgung (DMA).

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