Pfefferminzia: Inwiefern halten sich Vermittler daran, die Vorgaben der Präferenzen ihrer Kunden für Nachhaltigkeit abzufragen?
Volker Bohn: Die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen ist zum Standard geworden. Sie wird stichprobenartig überprüft. Freie Vermittlerinnen und Vermittler nehmen diese Abfrage ernst. Es gibt aber auch Unsicherheiten bei den Beteiligten. Das nehmen wir wahr und bieten deshalb Unterstützung an, indem wir Wissen vermitteln und damit versuchen, auch Kundinnen und Kunden mittelbar die Ängste zu nehmen.
Was sind typische Unsicherheiten der Kunden in Bezug auf Nachhaltigkeit und was stimmt davon?
Bohn: Kundinnen und Kunden fragen sich: Was ist mit dem Risiko von nachhaltigen Geldanlagen? Wie sieht es mit der Rendite aus? Da können wir beruhigen. Denn es gibt mittlerweile mehrere Meta-Studien, die zeigen, dass Nachhaltigkeit kein Verzicht auf Rendite und kein höheres Risiko bedeuten muss. Ganz im Gegenteil, es gibt sehr viele Hinweise darauf, dass eine nachhaltige Anlageorientierung sehr positive Auswirkungen auf die Rendite haben kann.
Wir versuchen auch, Vermittlerinnen und Vermittlern die Scheu zu nehmen. Die hakelige Abfrage zielt auf zwei Wirkungsrichtungen ab: Positives bewirken und/oder Negatives vermeiden. Wenn Sie einen nachhaltigkeitsbewussten Kunden fragen, wie viel Prozent er in nachhaltige Anlagen investieren möchte, erhalten Sie für gewöhnlich einen hohen Wert als Antwort.
Wenn wir heute in den Markt schauen, sehen wir, dass eine Taxonomie-konforme Quote von 6 bis 8 Prozent im Hinblick auf das Gesamtportfolio des Versicherers ein vergleichsweise hoher Wert ist. Das ist in der Vermittlung gegenüber Kundinnen und Kunden aber schwierig, denn die Transformation dieser Portfolios in Richtung von mehr Nachhaltigkeit gemäß der Taxonomie-Verordnung ist ein langer Weg.
Inwiefern haben Vermittler Schwierigkeiten mit der Taxonomie?
Bohn: Die Taxonomie besagt, dass Investitionen anhand ihrer Wirkung auf Umweltziele bewertet werden. Der Versicherer muss daher prüfen, ob eine Investition einen positiven Beitrag auf mindestens eins der sechs Umweltziele der Taxonomie hat.
Er prüft beispielsweise, ob eine Investition in erneuerbare Energien wie Windkraft eine positive Wirkung auf die Kohlenstoffdioxid-Bilanz, aber eventuell eine negative Auswirkung auf Nistplätze von Vögeln hat. In diesem Beispiel wäre die Investition nicht taxonomiekonform aufgrund der negativen Auswirkung auf das Umweltziel der Artenvielfalt.
Insgesamt betrachtet handelt es sich um einen fünfstufigen Prüfprozess. Am Ende steht dann das Ergebnis, ob eine Investition nicht nur taxonomiefähig, sondern auch taxonomiekonform ist.
Diese Zusammenhänge sind ohne Grundlagenwissen schwer zu vermitteln. Sie halten viele Vermittlerinnen und Vermittler davon ab, ihre Kundinnen und Kunden zu diesen Themen umfassend zu beraten. Sie fühlen sich dabei nicht wohl. Daher werben wir dafür, dass die Abfrage der Nachhaltigkeitspräferenzen einfacher und damit niedrigschwelliger wird.
Wie sieht es mit der Datenqualität der Investments aus?
Bohn: Natürlich braucht es verlässliche Daten zu den Investments. In Europa gibt es nun die Vorgaben der Taxonomie. Diese sehr umfangreichen Daten müssen aber erst noch aufgebaut werden. Das startet zuerst bei großen Unternehmen und wird schrittweise auf kleinere Unternehmen ausgeweitet.
Wir sehen, dass Kundinnen und Kunden gerne in Produkte investieren, die Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigen. In der betrieblichen Altersversorgung wird mehr als jeder zweite Vertrag als Grüne Rente abgeschlossen.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, welche Rolle die Regulatoren dabei spielen, die nachhaltige Wende weltweit voranzubringen oder auch nicht.
Inwiefern kurbelt die Regulatorik die Nachhaltigkeitsbemühungen weltweit an?
Bohn: Ich freue mich über jeden Standard, der sich herausbildet. Ich glaube aber nicht, dass Nachhaltigkeit nur ein Thema der Regulierung ist. Auch die USA und andere Staaten spüren die Auswirkungen der klimatischen Veränderungen. Und diese bedrohen den ökonomischen Erfolg. Daher haben alle Volkswirtschaften ein Interesse daran, die Auswirkungen möglichst gering zu halten. Regulatorik kann helfen, diesen Standard schneller herauszuarbeiten. Aber sie ist für mich nicht die größte Voraussetzung für ein Umdenken.
Mit welchen Produkten können Anleger nachhaltig investieren?
Bohn: Nachhaltigkeit ist hochgradig individuell. Für die einen sind ETFs ein schöner Beitrag zur nachhaltigen Transformation. Anderen ist dies zu wenig. Sie wünschen sich einen aktiven Managementansatz. Es gibt bereits ein breites Angebot an Investments, die Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen. Erfreulich ist, dass sich Anlegerinnen und Anleger damit beschäftigen.
Im Rahmen von Versicherungsprodukten mit Garantie sind unter anderem die Anlagen des Sicherungsvermögens relevant. Hier können Anleger zum Beispiel über Green Bonds einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten. Green Bonds sind festverzinsliche Wertpapiere, die das Kapital zur Verfügung stellen, um Umweltschäden zu verringern beziehungsweise zu vermeiden. Beispiele hierfür sind notwendige Investitionen von Energieversorgern oder Verkehrsbetrieben. Auch die Forschungs- und Entwicklungsarbeit der Autoindustrie von alternativen Antrieben können Green Bonds begleiten.
Vielen Anlegerinnen und Anlegern ist die Transparenz zu den konkreten Anlagen wichtig. Das sehen wir zum Beispiel an der Anzahl der Downloads unseres jährlichen Nachhaltigkeitsberichts. Im Rahmen der Grünen Rente lassen wir jedes Jahr von unabhängiger Seite prüfen, ob die zugrunde gelegten Anlagerichtlinien eingehalten werden. Das schafft Transparenz und Sicherheit über die gesamte Laufzeit des Vorsorgevertrags.
Welche Trendthemen gibt es derzeit beim Thema Nachhaltigkeit?
Bohn: Die Bedeutung von ausreichend sauberem Wasser für unser Leben ist groß. Weitere Fokusthemen sind Medizin und Gesundheit sowie Geschäftsmodelle, die sich mit Lösungen zur Dekarbonisierung beschäftigen. Es werden also die größten Herausforderungen unserer Zeit bei nachhaltigen Investments adressiert.
Inwiefern kann KI die nachhaltige Transformation unterstützen?
Bohn: Warum sollte KI vor Nachhaltigkeit halt machen? KI bietet ein breites Spektrum an Werkzeugen, die Effizienz steigern und damit auf ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit einzahlen. Welche Rolle KI wirklich spielen kann, wird sich zeigen. Sie ist, ganz losgelöst vom Nachhaltigkeitsaspekt, derzeit in einer entscheidenden Phase. Sie muss zeigen, dass sie neben der Faszination über die technischen Möglichkeiten auch messbaren ökonomischen Nutzen liefert.
Kritisch ist der hohe Energieverbrauch beim Einsatz von KI. Deshalb wird es auch vor diesem Hintergrund wichtig sein, den Ausbau der erneuerbaren Energien und geeigneter Speichermedien voranzutreiben, damit der enorme Energiebedarf, den KI auslöst, auch ökologisch nachhaltig gedeckt werden kann.

