Es war ein schwieriges Projekt, aber nun ist es durch: Ex-Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfolgreich durch den Bundestag und Bundesrat gebracht. Grund zur Freude gibt es für gesetzlich Versicherte (und deren Arbeitgeber) aber weniger. Sie erwarten jetzt höhere Zuzahlungen, mögliche Leistungskürzungen, längere Wartezeiten beim Facharzt. Ganz schön trübe Aussichten.
Aufwind könnte in dieser Gemengelage aber die betriebliche Krankenversicherung (bKV) bekommen. „Die aktuelle Reformdiskussion macht das Thema Gesundheit hochaktuell und relevant. Die GKV-Reform könnte ein weiteres starkes Verkaufsargument werden“, sagt Alexander Kraus, Fachkoordinator Krankenversicherung bei der Rating-Agentur Assekurata. „Das können Maklerinnen und Makler sehr gut für sich nutzen. Denn je sichtbarer die Grenzen der gesetzlichen Versorgung werden, desto größer wird der Bedarf an ergänzenden Lösungen.“
bKV ist ein Boom-Markt
Wie stark dieses Argument schon jetzt zieht, zeigen die Zahlen. Zum Jahresende 2025 boten 60.600 Unternehmen ihrer Belegschaft eine bKV oder eine betriebliche Pflegeversicherung an, meldet der PKV-Verband. Das ist ein Plus von 16 Prozent gegenüber 2024. Über 2,8 Millionen Beschäftigte profitieren inzwischen von der Krankenversicherung über den Chef.
Auch bei einzelnen Anbietern zieht das Geschäft massiv an: Die Allianz Private Krankenversicherung steigerte ihr bKV-Neugeschäft 2025 um 58 Prozent, im ersten Quartal 2026 verdreifachte es sich sogar gegenüber dem Vorjahreszeitraum. „Mehr als jeder dritte Arbeitgeber, der 2025 eine bKV für seine Mitarbeitenden abgeschlossen hat, hat sich dabei für ein Angebot der Allianz entschieden“, freut sich Thomas Wiesemann, der im Vorstand der Allianz Privaten Krankenversicherung den Maklervertrieb verantwortet.
Wichtige Zusatzleistung für Arbeitnehmer
Der aktuelle Benefits-Report von Allianz Pension Partners bestätigt den Trend: Für jeden vierten Arbeitnehmer und Arbeitgeber zählt die bKV zu den drei wichtigsten Zusatzleistungen – direkt hinter Betriebsrente und flexibler Arbeitszeit.
„Unternehmen nutzen die bKV als wirksames Instrument, um sich im Wettbewerb um Fachkräfte besser zu positionieren und Beschäftigte enger an das Unternehmen zu binden“, sagt Assekurata-Mann Kraus. Die bKV werde aber auch immer stärker als Bestandteil einer umfassenden betrieblichen Gesundheitsstrategie gesehen. „Diese kann dazu beitragen, krankheitsbedingte Fehlzeiten zu reduzieren. Hier spielen auch zunehmende psychische Belastungen eine Rolle.“
Unkompliziert muss die bKV sein
Um Unternehmer zu überzeugen, muss die bKV dabei einiges können. „Arbeitgeber wünschen sich heute vor allem eine betriebliche Krankenversicherung, die sich unkompliziert einführen lässt und einen spürbaren Beitrag zur Mitarbeiterbindung leistet“, sagt Sascha Marquardt, Leiter Kompetenzcentrum Firmenkunden bei der Halleschen Krankenversicherung. Wichtig sei auch die Planbarkeit der Investition und eine schlanke Verwaltung.
Auf Mitarbeiterseite zählt vor allem der spürbare Alltagsnutzen. „Eine bKV ist deshalb besonders attraktiv, weil Mitarbeitende sie direkt erleben können: Wenn sie zum Beispiel eine neue Brille brauchen, zur Vorsorge oder zum Zahnarzt gehen, oder über Services wie unsere Facharztvermittlung Unterstützung erhalten“, sagt Thomas Wiesemann. „Arbeitgeber vermitteln so glaubwürdig, dass ihnen die Gesundheit ihrer Beschäftigten wichtig ist und sie hier Verantwortung übernehmen.“
Eine Marktbefragung von Sirius Campus im Auftrag der Landeskrankenhilfe (LKH) unter 500 KMU-Entscheidern untermauert das mit Zahlen: 41 Prozent der Unternehmen ohne bKV erwarten, dass sich Mitarbeitende dadurch wertgeschätzt fühlen – bei Unternehmen mit bKV bestätigen das sogar 56 Prozent. Beim Blick auf Fehlzeiten erhoffen sich 27 Prozent weniger Krankschreibungen. „Auch diese Erwartung wird oft erfüllt“, sagt Stefan Gaedicke, Leiter betriebliche Krankenversicherung bei der LKH. „Wenn eine bKV eingeführt wurde, stellt jedes zweite Unternehmen fest, dass sich die Fehlzeiten seit deren Einführung reduziert haben.“
Budgettarife führen dabei den Markt an. Bei diesen Tarifen bekommen die Versicherten ein festes Ausgabenbudget pro Jahr, das sie für ihre Gesundheit nutzen können. „Dieses Konzept kommt sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Beschäftigten sehr gut an, weil es individuelle Bedürfnisse berücksichtigt und gleichzeitig einfach verständlich ist“, sagt Sascha Marquardt. „Darüber hinaus beobachten wir ein wachsendes Interesse an Lösungen, die klassische Gesundheitsleistungen mit weiteren Absicherungen kombinieren.“ Als Beispiel nennt der Hallesche-Mann etwa die Kombination von Gesundheitsbudgets mit Unterstützungsleistungen für pflegebedürftige Angehörige oder mit einem Versicherungsschutz für Workation-Aufenthalte im Ausland. Marquardt: „Solche Kombinationen tragen den veränderten Arbeits- und Lebensmodellen vieler Beschäftigter Rechnung.“
Assistance-Leistungen als Differenzierungsfaktor
Auch Assistance-Leistungen spielen eine zunehmend wichtige Rolle, beobachtet Krankenversicherungsexperte Kraus. „Sie sind ein echter Differenzierungsfaktor im Wettbewerb“, sagt er. „Assistance-Leistungen haben sich mittlerweile in den Mittelpunkt eines bKV-Konzeptes entwickelt“, meint auch LKH-Mann Gaedicke. Die LKH bietet etwa einen Facharztterminservice an, außerdem die Möglichkeit, einen Facharzt per Telefon oder in einer Videosprechstunde zu erreichen. Unterstützung im Pflegefall gibt es, sowie eine Long- und Post-Covid-Beratung. „Ganz aktuell haben wir diese Leistungen auch um die Möglichkeit von psychotherapeutischen Coachingstunden erweitert. So können Mitarbeitende bis zu drei Coachingstunden buchen, wenn sie sich zum Beispiel überlastet fühlen“, so Gaedicke.
Auch wenn sich die betriebliche Krankenversicherung von alleine schon dynamisch entwickelt, ein Selbstläufer ist sie nicht. „Unternehmen müssen sich bewusst entscheiden, in die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu investieren. Viele tun das bereits, weil sie die bKV als wirksames Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte sehen. Eine eigene staatliche Förderung – ähnlich wie in der bAV – könnte die bKV weiter etablieren und dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung in Deutschland weiter zu stärken“, findet Allianz-Vorstand Wiesemann.
Die Sache mit der Freigrenze
Kraus benennt das Kernproblem konkret: die Sachbezugsfreigrenze. „Denn aktuell sind nur 50 Euro pro Monat und Mitarbeiter steuerfrei. Wird dieser Rahmen durch die bKV zusammen mit anderen Zusatzleistungen überschritten, kann die steuerliche Begünstigung entfallen.“ Entsprechend fordert die Branche eine weitergehende steuerliche Förderung.
Gaedicke formuliert es plastisch: Die bKV konkurriert um denselben Sachbezugsrahmen wie ein klassischer Tankgutschein. „Wir müssen also mit der bKV und damit der positiven Situation, dass sich ein Arbeitgeber um die Gesundheit seiner Mitarbeitenden kümmern will, mit ein paar Litern Benzin konkurrieren. Hier muss die Politik handeln.“
Nutzen der bKV auswerten
Hilfreich ist hier sicherlich, wenn Arbeitgeber den Nutzen ihrer bKV verfolgen können. Bei der Halleschen gibt es eine jährliche, datenschutzkonforme Nutzungsauswertung. Diese zeigt unter anderem, wie intensiv die Mitarbeiter das Gesundheitsbudget nutzen und welche Leistungen sie besonders häufig in Anspruch nehmen. Auch die LKH bereitet größeren Firmenkunden eine entsprechende Leistungsauswertung auf. Daraus geht unter anderem hervor, ob die Belegschaft Facharzttermine und die ärztlichen Beratungen genutzt hat.
Kraus warnt allerdings vor zu hohen Erwartungen: „Gerade im Bereich der Prävention ist eine solche Erfolgsmessung anspruchsvoll, weil sich der unmittelbare Zusammenhang zwischen einer Maßnahme und einem vermiedenen Krankheitsfall nur schwer nachweisen lässt.“ Freiwillige Angebote erreichen außerdem oft vor allem ohnehin gesundheitsbewusste Beschäftigte, während Mitarbeitende mit höherem Risiko seltener teilnähmen, „wodurch ein wesentlicher Teil des Präventionspotenzials ungenutzt bleibt“, so der Experte weiter.
Drei Argumente für die bkV
Wie dem auch sei, für den Vertrieb ist die Ausgangslage dafür, die bKV an den Unternehmer zu bringen, aktuell nicht allzu schlecht. Wer Gewerbekunden gewinnen will, sollte drei Argumente kombinieren.
Erstens den Recruiting-Effekt – die bKV zählt zu den Top-3-Benefits aus Arbeitnehmersicht. Zweitens den Fehlzeiten-Hebel – Facharzt-Terminservice und Prävention wirken direkt auf den Krankenstand. Und drittens die GKV-Reform. Während die Politik die Axt an die Leistungen der Krankenkassen setzt, könnte die bKV dabei helfen, diese wieder aufzubauen.
