„Blutbank, wo die Vampire die Buchhaltung machen“

ARD-Reportage geht Lebensversicherer hart an

Rund 437.000 Euro muss der Elternverein eines Kindergartens aufbringen, um die Verluste der Caritas Pensionskasse auszugleichen – das sind 13 Euro pro Kind und Monat über Jahrzehnte hinweg. Über diesen Fall und über die Probleme einer Riester-Sparerin berichtet der ARD-Film „Keine Zinsen – Miese Rente“. Klar ist: Die Lebensversicherer kommen gar nicht gut weg.
© Screenshot ARD
60 Euro im Monat spart die alleinerziehende Mutter Birgit Blech in eine Riester-Rentenversicherung ein. Der Staat schließt mehr als das fünffache hinzu. Zufrieden ist sie mit dem Ergebnis aber nicht.

„Keine Zinsen – Miese Rente“, lautet der Titel einer 45-minütigen Reportage, die am 1. Februar in der ARD lief und auch in der Mediathek abrufbar ist. Filmautor Michael Houben sprach darin mit Betroffenen und Experten über die Folgen der Niedrigzinsmisere für die private Altersvorsorge. „Seit zwölf Jahren gibt es für Gespartes nur noch ganz wenig bis gar keinen Zins mehr“, fasst der Autor im Begleittext zum Film das Grundproblem zusammen – und fragt: „Privat vorsorgen, aber wie?“. Schließlich müsse die heutige Generation „für denselben Nutzen dreimal so viel sparen“.

Die Experten, die Houben vor der Kamera interviewt, sind in der Versicherungsbranche bestens bekannt, darunter: Frank Grund (Bafin), Axel Kleinlein (BdV), Peter Weiß (CDU), Jörg Asmussen (GDV) und Marcel Fratzscher (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung).

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Der Versicherer als Vampir

Beim Zuschauen wird schnell klar: Die Lebensversicherer müssen im Film herbe Kritik einstecken – man könnte fast sagen, dass ihnen die Rolle des Schurken im Stück zukommt. Dazu tragen vor allem die deftigen Sätze des kernig auftretenden Verhaltensökonomen Hartmut Walz bei, die das Herz eines jeden Fernseh-Dramaturg zum Hüpfen bringen dürften. Kostprobe: „Das ist ja wie, wenn ich mein Blut spende für eine Blutbank, wo die Vampire die Buchhaltung machen.“ Mit den Vampiren meint Walz die Versicherer. Wir kommen noch auf das Zitat zurück.

Walz untersucht an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen „Angebote von Banken und Versicherungen“, wie es im Film heißt. „Auch als es noch Zinsen gab, hielt er von Lebensversicherungen nichts“, wird der Wissenschaftler den geneigten ARD-Zuschauern vorgestellt.

Der Forscher ist aber nicht nur für flotte Sprüche gut. Walz berichtet, dass er es öfter erlebe, dass ihm Leute, die sich einst für eine Lebensversicherung entschieden, sagten: „Na, immerhin. Ich habe doch deutlich mehr zurückbekommen, als ich eingezahlt habe.“ Allerdings würden sie dabei nicht die Inflation berücksichtigen, findet Walz – und diese sei „bei den langlaufenden Verträgen in der kumulierten Wirkung richtig dramatisch“.

Er hat es ausgerechnet: Ein Rentner, der 2015 eine Lebensversicherung ausgezahlt bekam, genoss noch 3 Prozent Garantiezins plus Gewinnbeteiligung, so die Annahme im Film. „Klingt gut, war aber unterm Strich nicht doll“, kommentiert der Autor aus dem Off. „Denn während man 30 Jahre lang in die Lebensversicherung einzahlte, knabberte die Inflation viel weg.“

Es folgt ein, nun ja, etwas schräges Beispiel zur besseren Veranschaulichung: „Für umgerechnet jedes Brot, das man eingezahlt hatte, bekam man am Ende inflationsbereinigt nur 0,84 Brote zurück. Ein Sechstel des Gesparten ging flöten, trotz damals noch 3 Prozent Garantiezins“, beschreibt der ARD-Autor.

Bafin-Mann Grund warnt vor Leistungskürzungen

Bei Sparern seien Lebensversicherungen trotzdem beliebt gewesen, heißt es, weil sie mit ihren staatlich garantierten Zinsen als sicher galten. Doch diese Zeiten seien nun einmal vorbei. Frank Grund, Exekutivdirektor für Versicherungen bei der Finanzaufsicht Bafin, kann diese Sicht bestätigen. Dem Kamera-Team der ARD sagt er: „Eins ist völlig klar: Die Unternehmen sollten nicht mehr mit Garantiezinsen in ihren Produkten für das Neugeschäft rechnen in Höhe von 0,9 Prozent. Das ist aus unserer Sicht angesichts des jetzigen Niedrigzinsumfelds viel zu hoch.“  

Grund äußert sich im Film auch über die zunehmende Schieflage bei den Pensionskassen. Die Bafin beaufsichtigt 135 Pensionskassen, davon befinden sich laut Grund 36 unter „intensivierter Aufsicht“, wie es heißt. Bei diesen Unternehmen sei davon auszugehen, so der Bafin-Mann, dass sie in den nächsten Jahren Schwierigkeiten bekommen könnten. Und weiter: „Aktuell gehen wir nicht davon aus, dass das unmittelbar droht, aber perspektivisch kann das durchaus sein, dass die ein oder andere Pensionskasse in den nächsten Jahren Leistungskürzungen erwägen muss.“

Kindergarten gerät in den Sog der Caritas-Kassenpleite

Dass derartige Leistungskürzungen bereits Realität sind, zeigt der Film an einem Praxisfall. So hat die Zahlungsunfähigkeit der Pensionskasse der Caritas für einen Kindergarten, der für seine Mitarbeiter eine betriebliche Altersversorgung (bAV) abgeschlossen hatte, bittere Konsequenzen: Rund 437.000 Euro muss der Elternverein des Kindergartens „Rappelkiste“ insgesamt aufbringen, um die Verluste auszugleichen – das sind 13 Euro pro Kind und Monat über Jahrzehnte hinweg.

„Die einst unvorstellbaren Minuszinsen und Fehler des früheren Managements seien schuld“, zitiert der Autor aus einer schriftlichen Stellungnahme der Pensionskasse. „100 Millionen Euro sind weg“, heißt es im Film. Die Konsequenz: Die Zusatzrenten werden aufgrund der Zahlungsunfähigkeit der Caritas Pensionskasse um ein Drittel gekürzt. Der Elternverein ist gesetzlich verpflichtet, den fehlenden Rentenanteil aus dem laufenden Etat zu begleichen – so viel, wie für Spielzeug vorgesehen ist. Eventuell müsse sogar Personal abgebaut werden. „Das macht mir Angst und Bange“, sagt ein Vorstandsmitglied dem Filmteam.  

Auch die alleinerziehende Mutter Birgit Blech kommt in dem Film zu Wort. Sie ist in 15 Jahren Rentnerin. Sie bespart eine kleine private Rentenversicherung, die ihr Arbeitgeber zur Hälfte bezuschusst, und eine Riester-Rentenversicherung. 339 Euro gibt ihr der Staat über die Riester-Förderung im Jahr dazu – gut fünfmal mehr als sie selbst einzahlt. Das sind nämlich nur 5 Euro im Monat, sprich 60 Euro im Jahr. Von 2011 bis 2034 beliefen sich die staatlichen Riester-Zulagen auf ungefähr 7.000 Euro. „Da denkt sich jeder – das nehme ich mit, dann mache ich das für diese 60 Euro im Jahr“, sagt Birgit Blech.

„Am Ende ziemlich genau 0 Prozent Zins“

Doch die Ergebnisse sind ernüchternd: Bei durchschnittlicher Lebenserwartung bekommt sie dem Film zufolge „am Ende ziemlich genau 0 Prozent Zins“. Das ergibt nach jetzigem Stand mit exakt 28,54 Euro nicht mal 30 Euro Zusatzrente im Monat. Und wie ist es mit Aktien wird die Riester-Sparerin gefragt? „Auf jeden Fall ist das nichts, was mir entspricht“, sagt Birgit Blech, „wenn ich spekuliere, wenn ich nicht weiß, wo das hingeht.“ Weiß sie denn bei ihrem Riester-Vertrag so genau, „wo das hingeht“, schießt es einem in den Kopf…

„Lieber Garantien als Gewinn, so denken viele. Um welchen Preis?“, schallt es nun aus dem Off. Hartmut Walz von der Hochschule Ludwigshafen kommt jetzt wieder zu Wort: „Ich finde die Garantie zu teuer. Sie hilft nichts und sie macht bei ganz vielen Leuten die Altersvorsorge kaputt.“ Zugleich nimmt er die Versicherer in Sachen Riester ein wenig in Schutz. Zwar sei es bei Riester-Verträgen „absolut üblich“, dass ein hoher Anteil der Erträge – sogar einschließlich der Riester-Förderung – für die Kosten draufgehe. Das liege aber unter anderem auch daran, so Walz, dass kleine Verträge mit kleinen Sparvolumina natürlich trotzdem ihren Aufwand machen.

Riester-Sparen mit 5 Euro Eigenanteil im Monat? Ganz schlechte Idee…

„Ob sie einen Vertrag mit 5 Euro oder mit 500 Euro pro Monat besparen, ist ja für den Versicherer eigentlich gleich viel Arbeit. Und deswegen sind diese kleinen Sparbeiträge bei Riester sehr, sehr ungünstig“, so der Experte.

Nun ja, trotz dieses, sagen wir, etwas sub-optimalen Verhältnisses aus eigenen Sparbeiträgen und staatlicher Förderung, sagt Riester-Sparerin Blech doch tatsächlich: „Wenn ich sehe, was da am Ende für mich rauskommt an Rente, denke ich, da läuft irgendwas verkehrt.“

Seite 2: Riester-Rente „Verbrennungsmotor für Steuergelder“?

Wobei die Kostenquote ihres Vertrages tatsächlich immens ist: 60 Prozent des eingezahlten Kapitals gingen im Falle von Frau Blech für Kosten und Provisionen drauf, wie der hinzugezogene Honorarberater Michael Ritzau errechnet. „Ich möchte jetzt nicht sagen, das lohnt sich für sie gar nicht“, sagt er, weil sie ja mittels der Riester-Kinderzulage irgendwie ins Plus gehievt werde.  

„Verbrennungsmotor für Steuergelder“

Dem langjährigen Riester-Kritiker Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten (BdV), dürfte die Aussage des Honorarberaters nicht überzeugen. „Diese Verträge sind unterm Strich nichts anderes als ein Verbrennungsmotor für Steuergelder“, wird er vor der Kamera zitiert.    

CDU-Politiker Weiß sinniert über Riester-Reform

Der Film weist als nächstes darauf hin, dass auch die Bundesregierung an einer Reform der Riester-Rente arbeite, auch wenn die „Meinungsbildung“ des Bundesfinanzministeriums hier noch nicht abgeschlossen sei, wie der Autor aus einer Stellungnahme zitiert. Deutlich konkreter wird Peter Weiß, sozialpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion. Denn er deute an, wohin bei Riester „die Reise gehen soll“, so der ARD-Sprecher.

„Jetzt lieben die Deutschen die Garantie, aber sie machen sich keine Gedanken darüber, dass die Garantie Geld kostet“, berichtet der CDU-Politiker. Weiß könne sich „sehr gut vorstellen, dass wir in Zukunft den Sparern zwei unterschiedliche Angebote machen – eines mit Garantien und eines mit reduzierter Garantie und dann mit einer freieren Anlagemöglichkeit und eventuell höheren Renditen“, skizziert der Rentenexperte der Koalition. Dann könne der Sparer eine Entscheidung treffen, so Weiß.

Film-Autor Houben erteilt nun dem Versicherungskritiker Walz wieder das Wort – und der Autor unkt bereits im Vorfeld: Wenn Riester-Versicherer „keine Garantie mehr geben müssen, droht die Gefahr, dass Privatkunden über den Tisch gezogen werden“. Nach dieser Einleitung darf Wissenschaftler Hartmut Walz auch seinen lustigen Vampir-Vergleich in die Kamera sprechen: „Ich würde einer Versicherung nicht das Geld geben, ohne Garantie – weil, was machen die damit? Das ist ja wie, wenn ich mein Blut spende für eine Blutbank, wo die Vampire die Buchhaltung machen. Aber wenn die Versicherer keine Garantie mehr zahlen müssen, erhöhen die ihre Kosten. Und ich darf ja nicht mal in die Kalkulation gucken.“

„Ein garantiefreies Produkt bei einem Versicherer ist unmöglich“

Und fügt hinzu: „Ein garantiefreies Produkt bei einem Versicherer ist unmöglich.“ Was lernen wir daraus, fragt man sich als Zuschauer: Wenn die Lebensversicherer Garantien geben, ist das schlecht, weil die ja so teuer sind und Rendite kosten. Und wenn die Lebensversicherer keine Garantien geben, ist das auch schlecht, weil sie dann – von allen Fesseln befreit – vollends in die eigene Tasche wirtschaften. Jetzt mal grob verkürzt.  

Immerhin darf Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), sich dem Argument der „Kosten-Keule“ zur Wehr setzen: Der Vorwurf sei so nicht richtig, sagt er. „Kostentransparenz ist für uns gesetzlich vorgeschrieben. Wir müssen unsere Kostenstruktur offenlegen.“ Und weiter: „Wir benennen seit 2015 für Lebensversicherungen die Kostenstruktur in einer einzigen Kennzahl, das sind die Effektivkosten – das machen wir.“  

Zurück zu Birgit Blech: Honorarberater Ritzau empfiehlt ihr, bis zum Beginn ihrer Rente in 15 Jahren in Aktienindex-Fonds – kurz ETFs – zu investieren. Konkret verweist er auf den MSCI World Aktienindex, in dem die wichtigsten globalen Unternehmen gelistet sind. Bei ETFs beliefen sich die laufenden Kosten auf lediglich 0,15 Prozent. Das sei „Faktor 20“ niedriger als bei den Spar-Verträgen von Frau Blech, berichtet Ritzau. Jetzt muss sie sich nur noch trauen.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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13 Antworten

  1. 437k sind wirklich jede Menge Geld! Mal sehen, wie das weitergeht. Interessant ist es auf jeden Fall, vielen Dank.

  2. Vielleicht verstehe in da was falsch:

    Ich zahle von 2011 bis 2034, also 23 Jahre 5 € im Monat ein und bekomme dafür lebenslang 28,54 € im Monat ausgezahlt. Hmmm, finde ich nicht so ganz schlecht.

    Wenn mann jetzt mal folgende Berechnung, ganz grob anstellt, finde ich es immer noch nicht so ganz schlecht:
    23Jahr x 60 € (5 € im Monatx12) = 1380 € insgesamt eingezahlt. 28,54
    12 x 28,54 € = 342,48 € im Jahr ausgezahlt
    342,48 € x 10 Jahre = 3424,80 € ausgezahlt.
    342,48 € x 15 Jahre = 5137,20 € ausgezahlt.
    Schlechte Rendite? Bitte daran denken, dass ich nur 1380 € eingezahlt habe.
    Die Wahrscheinlichkeit mindestens noch 10 Jahre nach Eintritt der Rente zu leben, halte ich für wahrscheinlich. Selbst 15 jahre Renter-Dasein ist nicht wirklich unwahrscheinlich.

    1. Der Staat (wir) hat noch 7000 dazu gelegt. Dafür ist es dann wirklich nicht sehr lukrativ. Da hätte man ihr die 7000 auch direkt geben können.

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