Automatische Abläufe

Wie agentische Arbeitsweise für Makler Realität werden kann

Wenn Versicherungsmakler ihre Abläufe automatisch hinbekommen wollen, hakt es meist an Daten und dem Maklerverwaltungsprogramm. Philipp Kanschik, Gründer und Finanzvorstand der MoIn Group, erklärt hier, wie man trotzdem alles gut unter einen Hut kriegt. Und welche Wege riskant sind.
Philipp Kanschik ist Gründer und Finanzvorstand der MoIn Group
© Nicolas Herwig
Philipp Kanschik ist Gründer und Finanzvorstand der MoIn Group

Laut Sequoia Capital lässt sich das weltweite Marktvolumen der Versicherungsvermittlung, das durch KI automatisierbar ist, auf 140 bis 200 Milliarden US-Dollar beziffern. In der Matrix der Investmentgesellschaft, die Branchen danach einordnet, wie viel Arbeit ausgelagert wird und wie gut KI sie übernehmen kann, landet die Versicherungsvermittlung ganz oben im sogenannten „Autopilot Territory“. Kaum eine andere Branche eignet sich auf dem Papier so gut für KI-getriebene Automatisierung.

Und doch klafft zwischen Potenzial und Praxis eine Lücke. 88 Prozent der Makler nutzen KI noch nicht umfangreich, 26 Prozent planen nicht einmal einen Einsatz.

Es hakt bei Daten und veralteten MVP

In fast jedem Maklerbetrieb gibt es Hürden abseits der Technologie, die der eigentliche Flaschenhals zwischen „Autopilot Territory“ und echter Automatisierung sind.

  • Uneinheitliche Datenbestände: Kundendaten, Verträge und Kommunikation liegen historisch verteilt über E-Mail-Postfächer, Maklerverwaltungsprogramme (MVP) sowie Dateiformate und sind für automatisierten Zugriff nur selten direkt nutzbar.
  • Gewachsene Systemlandschaften: Viele Häuser nutzen mehrere, teils veraltete MVP parallel. Jede neue Schnittstelle wird zum Einzelprojekt.
  • Datenschutz: Automatisierte Datenverarbeitung schreckt viele Häuser aus Unklarheit über die Verantwortung ab. Andere nutzen KI mit Kundendaten fatalerweise, ohne sich Gedanken über Datenschutz gemacht zu haben.

Mehr als die Hälfte der Arbeitszeit in Maklerbetrieben geht heute für Verwaltung, IT und Bürokratie drauf – bis zu 65 Prozent der Makler würden diese Aufgaben am liebsten abgeben. Am deutlichsten zeigt sich das am Posteingang: Hinter einer E-Mail steckt oft ein Geschäftsvorfall, doch die Übertragung in den Maklerprozess erfolgt meist noch händisch und kostet so wertvolle Zeit.

Eine Schicht statt neuer Tools

Der Schlüssel zum KI-Erfolg ist ein agentisches Middle-Layer, das über den bestehenden Systemen liegt und die beschriebene Hürde der Datenbestände löst: E-Mail, Telefonie und MVP werden mit dem Middle-Layer verbunden, sodass ein zentraler Ort entsteht, an dem alle Informationen zu den Kunden zusammenlaufen. So kann der Posteingang zum Herzstück für Analysen und Automatisierungen werden: Agenten erkennen, ob hinter einer Nachricht ein Geschäftsvorfall steckt, und ordnen ihn automatisch in eine Aufgabenübersicht ein, die weitere Automatisierungen auslösen kann.

Verwaltung, die sich von selbst erledigt

So lässt sich ein Großteil der täglichen Vorgänge direkt automatisiert bearbeiten – Inbound- und Outbound-Kommunikation ebenso wie interne Vorgänge: Policen- und Vertragsdaten werden automatisch extrahiert, Schadensmeldungen vorgeprüft und weitergeleitet, Handyfotos in PDF-Dokumente umgewandelt, Fristen und Wiedervorlagen erzeugt, KFZ-Angebote per direkter Anbindung an Vergleichsrechner eingeholt. So kann ein Vorgang von der Schadensmeldung bis zum Kundenbescheid automatisiert ablaufen – wichtig ist dabei, den Makler als Human-in-the-Loop einzubeziehen.

Gerade im KFZ-Herbst macht das den Unterschied: Allein die automatisierte Ping-Pong-Kommunikation zu Fahrzeugnummer oder Laufleistung spart einem Büro mit zehn Mitarbeitenden ein bis zwei Werktage pro Woche.

Der Kundenstamm, der mehr hergibt

Was auf der Verwaltungsseite Zeit spart, schafft auf der anderen Seite Raum für Beratung. Ein Privathaushalt hält im Schnitt sechs Versicherungsverträge, aber nur 4,4 davon im Bestand des Maklers. Großes Potenzial liegt also im eigenen Kundenstamm, etwa durch individuell zugeschnittene Angebote zur Altersvorsorge, die auf genau der Datenbasis aufsetzen, die die neue Schicht geschaffen hat.

Wie gut sich das umsetzen lässt, hängt auch davon ab, wie offen die eingesetzte Technologie ist. Viele KI-Lösungen sind fest an das Ökosystem eines einzelnen Anbieters gebunden und damit immer nur so leistungsfähig wie das jeweilige Maklerverwaltungssystem es erlaubt.

Wer stattdessen bausteinartig das jeweils beste verfügbare Werkzeug für jeden Teilschritt eines Geschäftsvorfalls einbindet, kann einen kompletten Vorgang durchgängig automatisieren, statt an der Grenze eines geschlossenen Systems zu enden. Das zahlt sich besonders für wachsende Maklergruppen aus: Statt nach einem Zukauf alle Häuser auf ein einheitliches MVP zu zwingen, vereinheitlicht die agentische Schicht nur die Workflows, jedes Haus kann das bestehende System behalten.

Datenschutz als Designprinzip

Sobald Kundendaten mithilfe von KI verarbeitet werden und diese eigenständig handelt, wird Datenschutz zwangsläufig zur zentralen Frage. Es mag reizvoll erscheinen, KI-Tools wie ChatGPT punktuell einzusetzen, um ein paar Prozent Effizienz herauszuholen. Die Gefahr ist jedoch, dass bei unbedachtem Einsatz Kundendaten schnell unbemerkt auf US-Servern oder bei Drittanbietern landen.

Noch riskanter sind eigens „vibe-gecodete“ Lösungen, die ohne IT-Hintergrund produktiv eingesetzt werden. Stattdessen sollten Makler darauf achten, dass Branchen- und Prozesswissen lokal beim Maklerhaus und das Middle-Layer unabhängig von den KI-Modellen verschiedener Anbieter bleibt. Das schützt nicht nur vor Abhängigkeit, sondern erlaubt es auch, für jeden Anwendungsfall – etwa OCR oder Transkription – das jeweils beste spezialisierte Modell einzubinden und dabei von Kostenvorteilen zu profitieren, etwa durch Open-Source-Modelle.

Ganz automatisch geht davon trotzdem nichts: Ein schlechter Prozess bleibt auch mit KI ein schlechter Prozess, weshalb das Prozesswissen aus dem eigenen Haus und die Erfahrung der Fachexperten weiterhin entscheidend ist.

Vom Potenzial zur agentischen Realität

Ob die Versicherungsvermittlung wirklich agentisch wird, entscheidet sich daran, ob es Maklerhäusern gelingt, die über Jahre gewachsenen, isolierten Datenbestände in einer gemeinsamen agentischen Schicht zusammenzuführen. Maklerhäuser, die jetzt anfangen, diese technologische Basis aufzubauen, verschaffen sich hier einen deutlichen Vorsprung.

Über den Autor:

Philipp Kanschik ist Gründer und Finanzvorstand der MoIn Group. Zuvor war er Geschäftsführer bei Policen Direkt, wo er unter anderem das digitale Maklergeschäft und Nachfolgelösungen für Versicherungsmakler verantwortete.

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