Im Januar 1957 beschloss der Bundestag eine Reform, die man rückblickend durchaus als sozialpolitischen Urknall bezeichnen kann. Aus der bis dahin eher bescheidenen Altersfürsorge wurde erstmals eine echte Rente: kein Zubrot mehr, sondern Lohnersatz. Wer gearbeitet hatte, sollte im Alter nicht länger Bittsteller sein. Der Generationenvertrag war geboren.
Durchgesetzt hat das damals vor allem Konrad Adenauer – gegen erhebliche Widerstände, sogar gegen seinen eigenen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, der vor einem Versorgungsstaat warnte. Adenauers Gegenargument ist bis heute legendär: „Kinder kriegen die Leute immer.“
Ein Satz, der 1957 plausibel klang – und 2026 ungefähr so aktuell ist wie ein Röhrenfernseher. Kinder werden nämlich längst nicht mehr „immer“ geboren. Jedenfalls nicht genug, um ein umlagefinanziertes Rentensystem stabil zu tragen. Die Babyboomer gehen in Rente, während die nachfolgenden Jahrgänge deutlich kleiner sind. Mathematik schlägt Optimismus.
Deshalb taucht inzwischen regelmäßig ein Vorschlag auf, der ungefähr so beliebt ist wie eine Steuerprüfung: Rente mit 70. In Dänemark ist das bereits beschlossen. Die Dänen dehnen das Folkepensionsalder schrittweise auf 70 Jahre. In Deutschland wird darüber diskutiert – vermutlich nicht sofort, aber ziemlich sicher bald.
Und genau hier beginnt die historische Pointe: Die große Rentenreform von 1957 wird im Jahr 2027 70 Jahre alt. Genau zu diesem Zeitpunkt könnte Deutschland ernsthaft über die Rente mit 70 entscheiden. Man könnte also sagen: Die Reform von 1957 geht selbst in Rente. Mit 70.
Vielleicht ist aber gar nicht das Rentenalter die entscheidende Frage. Sondern eine andere: Wer zahlt eigentlich ein?
Angestellte tun es verpflichtend. Beamte nicht. Selbstständige oft auch nicht. Solidarität – aber bitte selektiv. Dabei zeigt etwa Österreich, dass ein breiteres System möglich ist: Dort zahlen nahezu alle Erwerbstätigen ein.
Ich bin selbstständig. Wenn Deutschland wirklich beschließt: Alle rein, ohne Sonderrechte, dann bin ich dabei. Zum 70. Geburtstag der Rentenreform 2027 ist das vielleicht die ehrlichste Debatte.
Stephan Heider, MBA, bekannt als der „Bankrocker“, gilt als Deutschlands unkonventionellster Makler, ist seit 21 Jahren in der Finanzbranche, studiert immer irgendwo irgendwas und liest gern Philosophie.
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