Alter Wein im günstigen Schlauch

Über den rasanten Aufstieg aktiver ETFs

Passive ETFs konnten nur deshalb so erfolgreich sein, weil sie unvergleichlich günstig sind und weil sich aktives Management oft nicht auszahlt. Aktive ETFs versuchen trotzdem, den Markt zu schlagen. Immerhin vermeiden sie dabei einen Fehler der aktiven Investmentfonds.
US-amerikanische Aktienindizes an der Börse in New York: Vor allem der S&P 500 gilt als schwer zu schlagender Index
© picture alliance / newscom | JOHN ANGELILLO
US-amerikanische Aktienindizes an der Börse in New York: Vor allem der S&P 500 gilt als schwer zu schlagender Index

Etwas spöttisch ausgedrückt soll der aktive ETF das schaffen, was eigentlich unmöglich ist. Zumindest wenn man glaubt, was die Freunde des ETFs seit Jahrzehnten behaupten: nämlich, dass der Aktienmarkt auf Dauer nicht zu schlagen ist. Ist er es also doch?

Aber beginnen wir von vorn. Als der US-amerikanische Finanzmann John Bogle in den Siebzigern den Indexfonds erfand, hatten aktive Fondsmanager schon lange versucht, hohe Renditen am Aktienmarkt zu erzielen. Bogle ließ das von vornherein bleiben und baute mit seinen Fonds einfach Aktienindizes nach. Er sparte sich den Fondsmanager – und bot seine Fonds konkurrenzlos günstig an. Das von ihm gegründete Unternehmen Vanguard ist heute einer der größten Vermögensverwalter der Welt.

Was heute landläufig als ETF auftritt, geht auf Bogles Indexfonds zurück. Tausende Fonds bauen bekannte und unbekannte Aktienindizes nach, die laufenden Kosten liegen mitunter nur noch knapp über null. Günstig muss es eben sein, und außerdem: Den Aktienmarkt kann eh niemand langfristig schlagen.

Manche aktive ETFs haben echtes Management

Derzeit lässt sich auf dem Investmentmarkt ein anderer Trend beobachten: Sogenannte aktive ETFs wandeln gängige Indizes ab, sodass sie besser laufen sollen. Manche sehr aktive Modelle bekommen sogar ein Management mit Analystenteam verpasst.

Wobei sich der Großteil nicht allzu weit aus dem Fenster lehnt. „Shy active“, also „schüchtern aktiv“ nennen die Analysten der Rating-Agentur Morningstar das Prinzip. Dafür kommen aktive ETFs mit leicht erhöhten Gebühren daher. Morningstar ermittelte für aktive Aktien-ETFs im Durchschnitt laufende Kosten von 0,37 Prozent. Das ist sicherlich mehr als die 0,27 Prozent für passive Aktien-ETFs, dafür aber nach wie vor weit weniger als aktive Aktienfonds, die mit 1,32 Prozent im Jahr zu Buche schlagen.

Deutlich weniger verbreitet, aber trotzdem vorhanden, sind aktive Anleihe-ETFs. Sie sollen oftmals einen Konstruktionsfehler von Anleihe-Indizes ausbügeln. Die gewichten nämlich analog zu Aktienindizes Anleihen nach ihrer Größe. Damit nehmen die größten Schuldner im Index das größte Gewicht ein, was nicht im Sinne des Erfinders ist. Aktive Anleihe-ETFs beheben das.

Wortklauberei oder einfach präzise?

Aber warum ist das alles überhaupt möglich? Muss denn nicht jeder ETF einen Index abbilden? An dieser Stelle wird es sprachlich präzise. ETF bedeutet ausgeschrieben Exchange Traded Fund, also börsengehandelter Fonds. Mehr nicht. In einem Leitfaden erklärt die Fondsgesellschaft J.P. Morgan Asset Management (JPMAM): „Das bedeutet, dass ETFs an einer Börse gehandelt werden können, unabhängig davon, ob sie aktiv oder passiv sind. Im Grunde ist ein ETF nur eine Hülle, in die eine Vielzahl von Strategien eingesetzt werden können, um die Vorteile der ETF-Struktur zu nutzen.“ Aktive ETFs sind somit eine Teilmenge des großen Begriffs ETF.

Und diese Teilmenge beginnt zu brummen. In den USA stecken Anleger bereits mehr als jeden dritten Dollar, der in einen ETF fließt, in so einen aktiven ETF. Dagegen hält sich Europa noch vergleichsweise zurück. Dort wandern nur 6 Prozent der gesamten ETF-Zuflüsse in aktive ETFs.

Ein Unternehmen nach dem anderen drängt in den neuen Markt. Sogar eingefleischte aktive Fondsanbieter wie DJE Kapital, Janus Henderson, Schroders und M&G machen neuerdings in ETFs. Und alle verweisen auf ihre „jahrzehntelange Erfahrung im aktiven Management“. Und das durchaus zu Recht.

Damit drängt sich der Gedanke auf, dass die Investmentbranche im großen Stil alten Wein im neuen Schlauch verkauft. Einem zweifellos sehr günstigen Schlauch. Nachdem aktive Aktienfonds als teuer und nicht immer erfolgreich in die Kritik geraten waren, nutzt die Investmentbranche den populären Begriff ETF, um ihre Anlagestile wieder unters Anlegervolk zu bringen. Zugleich senkt sie damit ihre Preise, ohne sich mit ihren klassischen Fonds in die Rabattschlacht begeben zu müssen.

Man kann aktive ETFs also wahlweise als Zugeständnis oder als Kampfansage an den passiven ETF-Markt begreifen. Allerdings mit stark verbesserten Chancen: Um mit dem Index gleichzuziehen, brauchen sie nur noch 0,37 Prozent Kosten pro Jahr wieder einzuspielen und nicht 1,32 Prozent wie bei aktiven Aktienfonds. 0,95 Prozentpunkte im Jahr sind am Aktienmarkt eine Menge. Aktive ETFs sind also definitiv einen Blick wert. Man sollte aber immer wissen, was sie genau tun und ob man das will.

Bisher bieten noch nicht allzu viele Gesellschaften aktive ETFs in Europa an. Hier sind die zehn größten von ihnen, wobei J.P. Morgan Asset Management mit großem Abstand der Platzhirsch ist (Quelle: Morningstar; Stand: 31. August 2025)

Anbieter Zahl aktiver ETFs Marktanteil in % des Volumens
J.P. Morgan AM 38 55,6
Fidelity 13 11,0
Pimco 6 6,9
Blackrock (iShares) 18 5,1
Vanguard 4 2,8
Invesco 8 2,7
HSBC 6 2,4
Axa Investment Managers 8 2,2
Franklin Templeton 6 1,6
DWS (Xtrackers) 8 1,6

Platzhirsch ist übrigens nicht Blackrock mit seiner ETF-Marke iShares, sondern J.P. Morgan (siehe Tabelle). Die US-Investmentbank hat mit dem JPM US Research Enhanced Index Equity sogar ein 11-Milliarden-Vehikel am Start. Der Fonds gehört zur Familie der Research-Enhanced-Index-ETFs. Grundsätzlich schmiegt sich jeder dieser ETFs eng an den Original-Index: Branchen und Regionen (falls international) sind im Fonds genau so gewichtet wie im Index.

In einer Studie zu aktiven ETFs ermittelten die Analysehäuser Scope Analysis und Fondsconsult, welche Fonds das meiste Geld auf sich vereinen. Hier sind die Top 10 (Quelle: Scope, Fondsconsult; Stand: 31. August 2025)

Rang Name ISIN Kategorie Volumen in Mio. Euro
1 JPM US Research Enhanced Index Equity IE00BF4G7076 Aktien USA 10.969
2 JPM Global Research Enhanced Index Equity IE00BF4G6Y48 Aktien global 8.790
3 JPM Europe Research Enhanced Index Equity IE00BF4G7183 Aktien Europa 2.826
4 Fidelity EM Equity Research Enhanced IE00BLRPN388 Aktien Schwellenländer 2.508
5 Pimco US Dollar Short Maturity IE00B67B7N93 Anleihen USA kurzlaufend 2.265
6 JPM EUR Ultra-Short Income Active IE00BD9MMF62 Anleihen global ultrakurz 1.761
7 Pimco Euro Short Maturity IE00BVZ6SP04 Anleihen Euroland kurzlaufend 1.747
8 JPM Nasdaq Equity Premium Income Active IE000N6I8IU2 Aktien Nordamerika Dividende 1.737
9 JPM Global EM Research Enhanced Index Equity IE00BF4G6Z54 Aktien Schwellenländer 1.475
10 Invesco Global Active ESG Equity IE00BJQRDN15 Aktien global nachhaltig 1.232

Unterschiede gibt es im Detail: Die Zahl der Titel ist insgesamt geringer als im Index, was mit am eingebauten Nachhaltigkeitsfilter liegt. Als günstig eingeschätzte Aktien gewichtet JPMAM höher als im Index und teure Aktien niedriger. Aber immer nur ein kleines Stück, schüchtern aktiv eben. Dafür nehmen über 90 JPMAM-Analysten fortlaufend 2.500 Aktien weltweit unter die Lupe. Aber das machen sie sowieso schon lange, weil auch JPMAM ein klassischer aktiver Fondsmanager ist.

Manche der Strategien betreibt JPMAM außerhalb der ETFs schon seit Jahren sehr erfolgreich. In den vergangenen zwei Jahren lief es allerdings erst einmal nicht ganz so rund, manche Fonds landeten hinter den Vorbild-Indizes. Was zeigt: Garantien auf Mehrerträge gibt es auch hier nicht. Aber Wahrscheinlichkeiten.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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