Roundtable Beamte

„Risikoaffinität ist praktisch gar nicht vorhanden“

Im Tonstudio German Wahnsinn in Hamburg setzten sich fünf Teilnehmer zu einer Diskussionsrunde zusammen. Mit dabei waren die auf Beamte spezialisierten Makler Dirk Gärtner und Moritz Heilfort sowie der Spezialistenmanager Lebensversicherung bei der Signal Iduna Gruppe, Michael Hinz. Es entstand ein Gespräch über die Eigenarten von Beamten, Löcher in der Vorsorge und gut durchgerechnete Tarife.
Diskutierten über die Zielgruppe der Beamten (v. l.): Pfefferminzia-Geschäftsführer Matthias Heß, Michael Hinz, SIGNAL IDUNA, Versicherungsmakler Moritz Heilfort, Pfefferminzia-Redakteur Andreas Harms und Versicherungsmakler Dirk Gärtner
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Diskutierten über Beamte (v. l.): Pfefferminzia-Geschäftsführer Matthias Heß, Michael Hinz, Signal Iduna, Versicherungsmakler Moritz Heilfort, Pfefferminzia-Redakteur Andreas Harms und Versicherungsmakler Dirk Gärtner.

Pfefferminzia Meine Herren, warum muss man Beamte anders behandeln als normale Angestellte?

Dirk Gärtner, Makler und Geschäftsführer Beamtencircle: Beamte haben ein anderes Berufsverständnis, denn sie können nicht arbeitslos werden. Damit haben sie einige Sorgen nicht, die andere haben. Wenn sie krank werden, läuft die Besoldung unbegrenzt weiter. Und später können sie problemlos wieder in den Beruf zurückkehren. Auch Kinder zu kriegen ist viel einfacher als in der freien Wirtschaft. Diese ganz andere Mentalität muss ich in der Beratung berücksichtigen.

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Michael Hinz, Signal Iduna Gruppe: Beamte sind ganz anders versorgt als normale Angestellte, denn der Dienstherr kümmert sich ja darum. Das betrifft sowohl Krankenversicherung als auch Altersvorsorge. Da geht es um großzügige Ruhestandslösungen. Aber es geht eben nicht nur um die Beamten selbst, sondern auch um ihre Familien. Da können sich Versorgungslücken auftun, die Berater ansprechen sollten. Diese Lücken können aber je nach Beamtengruppe sehr unterschiedlich sein. Schließlich gibt es zum Beispiel nicht nur Beamte auf Lebenszeit, sondern auch auf Probe und Widerruf.

Sind Beamte sicherheitsorientiert?

Hinz: Ganz sicher. Sie gehen bewusst diesen Weg, weil sie Sicherheit und die Versorgung schätzen. Deshalb ist es besonders wichtig, die Dinge, die der Dienstherr nicht absichert, noch privat abzusichern.

Das klingt alles sehr gut gepolstert. Gibt es denn auch Nachteile?

Moritz Heilfort, Makler, Paladinum Soldatenservice: Genau dieses beschriebene Sicherheitsbedürfnis könnte auch ein Nachteil sein. Risikoaffinität ist praktisch gar nicht vorhanden.

Das hört sich doch für Versicherer ziemlich gut an.

Heilfort: Das ist die Frage. Wer sich mental voll auf den Dienstherrn verlässt, kümmert sich zum Beispiel nicht um die eigene ­Altersvorsorge oder die Arbeitskraftabsicherung. Beamte antworten gern mal, dass alles geregelt ist, und haben dazu noch gar keine eigenen Recherchen angestellt. Das versetzt Berater in eine schwierige Situation. Wir müssen diese sicherheitsbedürftigen Menschen davon überzeugen, dass sie eben nicht in Watte eingepackt sind und selbst etwas tun müssen.

Gärtner: Wir müssen ihnen zeigen, was passiert, wenn etwas passiert. Das ist anders als in der Privatwirtschaft und erfordert viel Fachwissen. Allerdings müssen Beamte wegen ihrer hohen Versorgung deutlich weniger zusätzlich tun als Menschen aus der Privatwirtschaft.

Was sind denn typische Lücken?

Gärtner: In der Krankenversicherung gibt es welche, weil die Beihilfe je nach Bundesland unterschiedlich gestaffelt ist und sich auch ändern kann. Deshalb muss ein guter Tarif so etwas auffangen. Wer noch nicht Beamter auf Lebenszeit ist und dienstunfähig wird, ist überhaupt nicht abgesichert. Und selbst Beamte auf Lebens­zeit haben zum Beispiel nur zirka 2.000 Euro Grundversorgung bei Dienstunfähigkeit, aber davon gehen noch Krankenversicherung und Steuer ab. Das reicht nicht aus, um den Lebensstandard zu halten.

Machen wir mit der Arbeitskraft weiter. Was müssen Versicherer dort beachten?

Hinz: Bei Beamten geht es um die Dienstunfähigkeit, und die stellt der Dienstherr fest. Also stellt sich die Frage, welche Klauseln der Versicherer verwendet. Man unterscheidet zwischen echten und unechten Dienstunfähigkeitsklauseln, kurz DU-Klauseln. Bei der echten Klausel folgt der Versicherer dem Urteil des Dienstherrn und prüft nicht mehr selbst. Das ist der Idealfall. Wir von Signal Iduna arbeiten so und sind deshalb gut im Geschäft, insbesondere bei Polizisten, die bei uns eine Zielgruppe sind. Wir haben aber auch viel mit Lehrern und Soldaten zu tun.

Gärtner: Das kann ich bestätigen. Jeder, der Beamte berät, sollte nur Verträge mit echter DU-Klausel vermitteln. Etwas anderes darf nicht sein.

Wie viel Zeit und Aufwand spart man denn damit?

Gärtner: Eine ganze Menge. Ich hatte mal einen Kunden, der dienstunfähig wurde. Innerhalb von vier Wochen war die Sache durch. Das ist bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung nicht zu schaffen.

Wie viele Versicherer bieten denn schon echte DU-Klauseln an?

Gärtner: Wir müssten jetzt bei 10 bis 15 liegen. Und es werden mehr. Richtig gute Versicherer, die wir gerne vermitteln, sind etwa fünf. Darunter ist auch die Signal Iduna. Die Versicherer bemerken, dass das ein guter Markt ist. Es kommen neue Anbieter auf den Markt, die richtig Spaß machen und etwas Neues anbieten. So kommt Wettbewerb in diesen früher so festgefahrenen Markt. Noch vor 15 Jahren gab es nur zwei, drei Versicherer, und auch die waren nicht richtig gut. Vor einigen Jahren hatte die Allianz mit einem neuen Produkt den Markt regelrecht durchgeschüttelt, sodass die anderen nachziehen mussten. Für die Kunden ist das gut.

Hinz: Wir sind sehr froh, dass wir diese Kundengruppe haben. Denn wenn dort die Verträge einmal geschlossen sind, laufen sie sehr stabil. Es gibt selten Storni. Allerdings ist damit auch ein gewisses Risiko verbunden, weil wir an diese Klauseln gebunden sind. Wenn also Dienstunfähigkeit festgestellt wird, können wir auch nicht mehr eingreifen.

Das ist aber nichts, was man nicht berechnen kann. Es gibt schließlich Erfahrungswerte.

Hinz: Es gab aber auch schwierige Situationen, in denen Beamtentum abgebaut wurde. Das wurde zum Teil über die DU gesteuert. Zwar nicht offiziell, aber durch die steigenden Zahlen gut zu erkennen. Das schlägt natürlich in die Schadenkosten rein und muss man als Versicherer managen können. Wäre es trivial, würde es jeder machen.

Heilfort: Der Trend zur echten DU-Klausel entsteht durch mehr Transparenz. Es gibt viel mehr Analysemöglichkeiten, die durch künstliche Intelligenz zusätzlich verstärkt werden. KI kann übersetzen, was die Versicherungsbedingungen wirklich bedeuten. Versicherer und Makler können sich dann nicht mehr hinter irgendwelchen wilden Klauseln verstecken. Stattdessen werden die Anbieter stärker, die die wenigsten Hintertüren haben. Sie können sich dann die wichtigste Beamtengruppe heraussuchen und sich auf diese konzentrieren.

Sollten sich Versicherer immer so spezialisieren?

Heilfort: Es wäre gefährlich, alles abdecken zu wollen. Die entsprechende Segmentierung ist jetzt schon gut zu beobachten. Damit gibt es immer drei oder vier Anbieter, die Beamte wirklich gut versichern. Die anderen können es irgendwie, und die große Masse kann es gar nicht, will das Geschäft aber trotzdem mitnehmen. Wer aber – auch aktuartechnisch – den Schlüssel in den Händen hält und richtig rechnet, dem sei doch der Erfolg gegönnt. Es hat für Kunden, Berater und den Versicherer selbst nur Vorteile.

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Auf wen hat sich denn die Signal Iduna eingeschossen?

Hinz: Grundsätzlich bieten wir die DU-Versicherung für alle Beamtengruppen an. Aber besonders hervorzuheben ist dabei die Polizei. Dort haben wir jahrelange Erfahrung und große Bestände aufgebaut. Es geht tatsächlich darum, diese Bestände genau auszuwerten und zu schauen, welche Preise möglich sind. Wir wollen ja nicht nachträglich die Prämien erhöhen müssen, sondern sie stabil halten.

Heilfort: Genau das macht für mich einen guten Spezialversicherer aus. Der baut nicht die fünfte Klausel ein, bindet ein Schleifchen drum und druckt noch einen hübschen Marketingflyer. Sondern er achtet darauf, dass alles nicht nach fünf Jahren aus dem Ruder läuft und die Klientel wieder wegmuss. Vorher Gedanken machen, Wissen aufbauen und damit die Gesamtkalkulation stimmig halten. Für mich ist immer die allerwichtigste Frage: Wie stabil ist das Ganze?

Gärtner: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Stellen wir uns mal vor, da kommt ein Start-up und bietet eine DU-Versicherung für 30 Prozent unter dem Marktdurchschnitt und mit hoher Courtage an. Ich bin sicher, dass eine Menge Makler darauf einsteigen und ihre Kunden dort versichern würden. Nach zwei Jahren fällt es in sich zusammen, und es gibt riesigen Ärger mit den Kunden. Ich würde so etwas nie machen. Nicht mal in der Sachversicherung, wo es auch immer wieder solche merkwürdigen Angebote gibt. Das ist alles nicht nachhaltig. Eine DU-Versicherung läuft über Jahrzehnte. Da brauche ich doch einen finanzstarken Partner, der sich damit auskennt und ordentlich kalkuliert.

Der Sozialwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hat in unserem Podcast gesagt, dass Beamte älter und kränker sind als andere Arbeitnehmer und auch noch länger leben. Warum sollen sie trotzdem eine gute Zielgruppe sein, vor allem für eine private Krankenversicherung, eine PKV?

Gärtner: In der PKV sind solche Besonderheiten egal. Wir haben dort Sterbetafeln, und die Versicherer bauen auch Alterungsrückstellungen auf. Damit ist dann alles durchgerechnet.

Ist dann bei den Tarifen auf etwas Spezielles zu achten?

Gärtner: Absolut. Wir hatten dort wie bei der DU-Versicherung in den vergangenen Jahren einen enormen Wettbewerb. Auch hier mal 15 Jahre zurück: Damals wollte kein Versicherer Beamte haben. Doch dann begannen Makler, sich darauf zu spezialisieren, und einige Versicherer merkten, dass es ein gutes Geschäft ist. Aber wir müssen genau hinschauen, welcher Tarif passt. Meiner Meinung nach ist die PKV noch deutlich individueller als die DU-Versicherung. Da geht es um Vorerkrankungen und Risikoaufschläge und noch einiges mehr, was die Sache durcheinanderbringen kann.

Kommt bei Soldaten noch etwas hinzu?

Heilfort: Die Krankenversicherung für Soldaten ist eine der größten Baustellen überhaupt. Es gibt nämlich vier verschiedene Status: die freiwillig Wehrdienstleistenden, Soldaten auf Zeit, Berufssoldaten und die Reservisten. Von außen sehen die alle gleich aus, sie sind aber alle unterschiedlich versorgt. Eigentlich brauchen Soldaten gar keine Krankenversicherung, denn sie genießen die unentgeltliche truppenärztliche Versorgung. Ich muss mit ihnen also in die Zukunft schauen, was sie danach machen wollen. Das ist zum Beispiel mit einem 18-Jährigen, der gerade für zwölf Jahre unterschrieben hat, nicht leicht. Woher soll er denn wissen, ob er später Beamter wird, zurück an die Uni geht oder in die Privatwirtschaft wechselt. Deshalb muss ich sehr viel mit Optionen arbeiten. Die haben alle ihre Ecken und Kanten, die ich auf dem Schirm haben muss.

Aber was heißt das für die Krankenversicherung?

Heilfort: Die Versicherer sind gut beraten, wenn sie nicht irgendwelche oberflächlichen Tarife herausgeben, sondern sich wirklich damit befassen und die Lücken suchen. Darin können viele gerne noch mal ihre Hausaufgaben machen. Sie müssen ihre Tarife mit den Beihilfetabellen abgleichen. Was wird wirklich gezahlt und was nicht? Das sind sehr wichtige Details.

Franke und Bornberg bemängelt, dass PKV-Tarife für Beamte zu alt und zu behäbig sind. Manche schneiden gut ab, darunter die Signal Iduna. Wie ist denn die Lage aus Sicht eines Versicherers?

Hinz: Wir haben uns in vielen Sparten auf Beamte spezialisiert, also auch in der Krankenversicherung.

Und offenbar bewegen Sie sich dabei.

Hinz: So ist es. Wir passen unsere Bedingungen regelmäßig an die Erfordernisse im Markt an. Wir finden das Geschäft sehr interessant, es ist für uns rentabel. Offenbar kommen zu uns die eher gesunden Beamten.

Gärtner: Solche Ratings wie das von Franke und Bornberg sind nett, mehr aber auch nicht. Ich kann mich als Berater nicht auf so ein Rating verlassen. Ich selbst muss die Tarife kennen und mir mein eigenes Rating erstellen. Ein Rating ist allgemein, der ­Kunde ist aber ein Individuum.

Haben Sie denn zurzeit genug Tarife zur Auswahl?

Gärtner: Vor fünf Jahren war das noch anders, aber im Moment habe ich genügend Angebote.

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Heilfort: Ich nicht. Um meine Soldaten reißt sich kein Krankenversicherer. Lücken zeigen sich meist dann, wenn Soldaten Kinder kriegen. Dann kann sich herausstellen, dass sie einen Krankentarif haben, der keine Kinder nachversichert. Soldaten bekommen häufig untereinander Kinder, und wenn beide beim selben Versicherer sind, können sie das Kind plötzlich nicht krankenversichern. Das sind Lücken, mit denen ich sehr unzufrieden bin. Aber keine Seite will das verändern, weil damit kaum Geld zu verdienen ist. Und am Ende brauchen wir auch Zusatzbausteine, die auf die unentgeltliche truppenärztliche Versorgung abstellen und nicht nur auf die GKV, zum Beispiel Zahnzusatztarife. Da ist der Markt aber fast blank. Das Problem ist die Wirtschaftlichkeit. Aber ich sehe auch eine soziale Aufgabe darin, gesellschaftlich wichtige Berufsgruppen zu versichern, etwa die Blaulichtberufe.

Hinz: Wir haben erkannt, wie wichtig das ist. Aber die Tarife müssen sich nun mal tragen. Wir finden Beamte als Zielgruppe sehr interessant. Sie sind sehr akkurate Menschen, die ihre Beiträge zahlen und dabeibleiben, wenn sie sich entschieden haben. Diese Pluspunkte können wir so hochskalieren, dass es insgesamt funktioniert. In der Krankenversicherung über die Beihilfetarife und in der Berufsunfähigkeit über die DU-Versicherung. Wir achten aber auch bei der Leistung darauf, dass alles gut läuft. Mit 90 Prozent Anerkennungsquote schneiden wir sehr gut ab.

Gärtner: Das ist enorm wichtig. Beamte reden viel miteinander über Versicherungen. Sie sind deshalb richtig gute Empfehlungsgeber bei guter Beratung. Wenn aber jemand schlecht ist und oft die Leistung verweigert, dann spricht sich das herum. Ich habe zurzeit bei einem Krankenversicherer extreme Bauchschmerzen, weil er sehr preislich unterwegs ist. Wenn das nicht gutgeht und er sein Image versaut, dann ist das Neugeschäft für ihn vorbei.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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