Offenbar haben die Planer und Macher des sogenannten digitalen Euro eine Sorge der Menschen erkannt und ernstgenommen. Deshalb steuern sie gegen und stellen fest: Nein, der digitale Euro soll das Bargeld nicht ersetzen. Die Macher verstehen ihn eher als Reaktion darauf, dass die Europäer von sich aus weniger mit Bargeld zahlen. Also alle mal kurz durchatmen, der Schein wird bewahrt.
Die Europäische Kommission hat Ende Juni ihre Vorstellung von einem digitalen Euro einmal ausführlich niedergeschrieben. Dabei ist sie gar nicht verantwortlich, sondern die Europäische Zentralbank (EZB). Auch die hat sich schon umfassend geäußert. Aber sie prüft und untersucht noch eine Menge. Seit Oktober 2021 läuft das schon und soll erst im kommenden Oktober abgeschlossen sein. Erst dann will man entscheiden, ob der digitale Euro überhaupt wirklich kommt. Und wenn er denn kommt, dann nicht vor 2026, eher ein paar Jahre später.
Bis dahin läuft also alles noch unter banküblichem Vorbehalt. Vollmundige Sprüche von der EZB wie: „Ein digitaler Euro wäre ein Stabilitätsanker für unser Geld im digitalen Zeitalter“ werden sich noch als wahr erweisen müssen. Denn das ist noch lange nicht gesagt.
Der digitale Euro ist der normale Euro plus neue Technik
Wer eine neue zusätzliche Währung analog zu solchen Recheneinheiten wie dem Bitcoin erwartet, der dürfte enttäuscht sein: Der digitale Euro ist der ganz normale Euro, nur durch einige zusätzliche Technologien und Systeme zeitgemäß aufgehübscht. Somit hat er auch keinen Wechselkurs zum herkömmlichen Euro.
In einem Punkt soll er genau wie Bargeld sein: Den Gegenwert des digitalen Euro schuldet genau wie bei einem Geldschein: direkt die EZB. Er ist also reines, echtes Zentralbankgeld. Das ist ein Unterschied zum herkömmlichen Kontoguthaben, bei dem die Hausbank als Schuldner auftritt. Weshalb es zusätzlich bis zu 100.000 Euro durch den Einlagensicherungsfonds versichert wird. Wie man sich Geldscheine aus dem Automaten zieht, lädt man sich digitale Euros über eine Software (App) vom Konto aufs Handy oder im Ausnahmefall auf eine Plastikkarte. Diese App kann von der EZB selbst kommen, aber auch von den Banken in die hauseigenen Apps eingebaut werden. Ganz genau steht das aber noch nicht fest.
Die Versicherungsbranche zeigt sich jedenfalls schon mal begeistert. „Angesichts der großen geopolitischen Umwälzungen ist es wichtig, dass wir europäische Zahlungssysteme und die geldpolitische Souveränität Europas präventiv stärken“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer beim Versichererverband GDV. Der digitale Euro ermögliche den Bürgern der Eurozone erstmals den direkten Zugang zu Geld der EZB.
Händler müssen den digitalen Euro akzeptieren
Wie man diese Zentralbank-Euros dann ausgeben kann, das soll der richtig große Wurf werden – und ganz nebenbei Zahlungsanbieter wie Paypal und Visa das Fürchten lehren. Denn jeder Händler soll wie bei der Annahmepflicht von Bargeld gezwungen werden, digitale Euro zu akzeptieren. Das kann online in Echtzeit geschehen, aber – und auch das ist neu – auch offline. Damit soll der digitale Euro auch im finstersten Wald und auf dem höchsten Berg funktionieren. Einfach Geräte aneinanderhalten, übertragen, fertig. Später synchronisieren beide Kontrahenten ihre elektrischen Geldbörsen mit den eigenen Bankkonten.
Seite 2: Und wie steht es um die Privatsphäre?
Banken wiederum sollen gezwungen werden, die nötigen Systeme bereitzustellen, damit wirklich jeder digitale Euros nutzen kann. Im Gegenzug sollen sie aber auch – wiederum analog zu Konto- oder Automatengebühren – für zusätzliche Leistungen die Hand aufhalten können. „Faire wirtschaftliche Anreize“, nennt die EZB das, wohlwissend, dass Banken grundsätzlich nur Dinge tun, die ihnen Vorteile bringen.
Gleichwohl geht die EZB davon aus, dass auch Händler für den Zahlungsverkehr etwas bezahlen müssen. Genau so läuft es ja heute schon, wenn sie Mastercard oder Visa akzeptieren. Allerdings hat die Europäische Kommission bereits vorgeschlagen, dass man solche Gebühren deckelt. Die Kosten für das Digitale-Euro-System und die Infrastruktur soll hingegen das Eurosystem tragen. Das tut es ja beim Bargeld auch schon.
Die hohe Geschwindigkeit des digitalen Euros birgt jedoch ein Risiko für Banken: Wenn es mal kriselt, kann jeder Kunde mit Internetanschluss sofort sein Konto abräumen und das Geld – wie Bargeld – auf dem Handy in Sicherheit bringen. So ein digitaler Bank-Run würde aber das Geldproblem der Bank zusätzlich verschärfen, schneller als je zuvor gekannt. „Die EZB versucht, diese Risiken zu minimieren, indem sie die Menge der digitalen Euros pro Nutzer begrenzt, wahrscheinlich auf etwa 3.000 Euro“, schreibt die Deutsche-Bank-Analystin Heike Mai in einem Kommentar.
Privatsphäre soll gewahrt werden
Kommen wir zur nächsten Sorge: Wie steht es um die Privatsphäre? Hier beteuern die Beteiligten, dass sie enorm hoch sein soll. „Das Eurosystem würde nicht auf die personenbezogenen Daten der Nutzerinnen und Nutzer zugreifen und diese auch nicht speichern“, schreibt die EZB in einem Frage-Antwort-Katalog. Zahlt man wie oben beschrieben offline, wäre das sogar noch diskreter. Dann wären wie bei einer klassischen Schein- und Münzübergabe nur die beiden Geschäftspartner beteiligt.
So also der Plan, der vieles bequemer machen und das Geldsystem wieder vor die Digitalisierungswelle bringen soll. Er hat allerdings einen Schönheitsfehler: Mit der European Payments Initiative (EPI) verfolgt die Privatwirtschaft in Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien und den Niederlanden ein ganz ähnliches Projekt, wie Analystin Heike Mai anmerkt. Es soll ebenfalls digitale Geldbörsen erschaffen, über die die Menschen schnell und bequem bezahlen können. Die ersten sollen schon Anfang 2024 in Frankreich, Deutschland und Belgien auf den Markt kommen und auf bestehenden Systemen aufsetzen.
Allerdings gibt es auch hier Nachteile: EPI funktioniert nicht in der gesamten Eurozone und das Geld in der digitalen Tasche ist auch kein Zentralbankgeld, sondern Bankguthaben.
Trotzdem: So ein Konkurrenzprodukt aus der Privatwirtschaft könnte einen digitalen Euro aus dem gern mal etwas behäbigen öffentlichen Apparat ernsthaft gefährden. Ebenso wie Menschen, die ihn ablehnen. Wir werden sehen.

