Etats von Stadtstaaten im Vorteil

Alterung der Deutschen belastet Süddeutschland am stärksten

In vielen Länder-Haushalten drohen bis 2040 neue Finanzlöcher – Grund hierfür ist die Alterung der Bevölkerung, die regional teils sehr unterschiedlich fortschreitet. Während die Stadtstaaten Berlin und Hamburg auf viele junge Menschen zählen können, sieht es vor allem in Süddeutschland „gravierend“ aus, wie eine neue Studie zeigt.
© picture alliance/dpa | Felix Hörhager
Es geht bald wieder los: Alljährlich, so auch am 4. September 2022 wieder, präsentieren junge Models im Vorfeld des Oktoberfestes beim Dirndlgipfel die aktuelle Trachtenmode. Im Vergleich zu anderen Bundesländern wohnen in Bayern eher weniger junge Menschen – was sich auch auf die Länderkasse auswirken dürfte.

Die Alterung der deutschen Bevölkerung führt bis 2040 in vielen Bundesländern zu neuen finanziellen Belastungen – das gilt vor allem für die südlichen Länder Bayern und Baden-Württemberg, die von der demografischen Entwicklung „eingeholt“ würden. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie aus dem Grünbuch „Alternde Gesellschaft“, das am Montag vom Demografie-Netzwerk Population Europe und dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in Berlin vorgestellt wurde.

Berlin und Hamburg im Vorteil 

Demnach kommen einzig und allein die beiden Stadtstaaten Berlin und Hamburg mit einem kleinen Plus davon – und das dank ihrer vergleichsweise jungen Bevölkerung: In den zwei größten deutschen Städten übersteigen laut Studie die altersabhängigen Einnahmen noch die entsprechenden Ausgaben. Bei der Mehrheit der Länder reißt die Alterung der Bevölkerung hingegen Lücken in den Etat (siehe Tabelle).

Doch nicht nur in den Metropolen halten sich die budgetären Auswirkungen der Alterung in Grenzen. Auch jene Länder, die bereits heute tendenziell überaltert sind, können darauf hoffen, dass sich die altersabhängigen Einnahmen und Ausgaben 2040 noch die Waage halten. Studien-Autorin Fanny Kluge verweist hierzu auf Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland.

Altersabhängige Einnahmen und Ausgaben der Bundesländer in Milliarden Euro
2025 2040
Einnahmen Ausg. Saldo Einn. Ausg. Saldo
Baden-Württemberg 42,2 40,8 1,4 41,4 41,7 -0,3
Bayern 50,1 47,9 2,2 48,7 48,9 -0,2
Berlin 14,4 13,6 0,8 14,7 14,2 0,5
Brandenburg 9,3 9,2 0,1 8,6 8,7 -0,1
Bremen 2,6 2,5 0,1 2,4 2,4 0
Hamburg 7,2 6,8 0,4 7,4 7,3 0,1
Hessen 23,7 23 0,7 23 23,2 -0,2
Mecklenburg-Vorpommern 5,8 5,7 0,1 5,3 5,3 0
Niedersachsen 29,6 28,9 0,7 28,1 28,7 -0,6
Nordrhein-Westfalen 66,3 64,6 1,7 62,8 63,9 -1,1
Rheinland-Pfalz 15,2 14,8 0,4 14,4 14,7 -0,3
Saarland 3,6 3,4 0,2 3,2 3,2 0
Sachsen 14,7 14,6 0,1 13,7 13,8 -0,1
Sachsen-Anhalt 7,7 7,6 0,1 6,6 6,7 -0,1
Schleswig-Holstein 10,8 10,5 0,3 10,2 10,4 -0,2
Thüringen 7,6 7,4 0,2 6,6 6,7 -0,1

Quelle: Fanny Kluge im Grünbuch „Alternde Gesellschaft II“; National Transfer Accounts Deutschland, 14. Koordinierte Bevölkerungsprognose, eigene Berechnungen der Autorin

Ausgerechnet die heute wirtschaftsstarken Länder Bayern und Baden-Württemberg würden dagegen „von der demografischen Entwicklung eingeholt“, wie es heißt. „Die Ausgaben für Ältere steigen besonders in Süddeutschland gravierend“, sagt Kluge, denn dort vollziehe sich in den nächsten Jahrzehnten die gesellschaftliche Alterung, die anderswo bereits weiter vorangeschritten sei.

„Die demografische und wirtschaftliche Entwicklung bedingen sich teilweise“, ergänzt Andreas Edel, Leiter des Demografie-Netzwerks Population Europe und Herausgeber des Grünbuchs. In der Praxis wirkt sich das so aus, dass strukturschwache Gegenden durch Abwanderung – vor allem jüngerer Menschen – weiter geschwächt werden und an Attraktivität verlieren. Diesen Teufelskreis aus alternder Bevölkerung und schrumpfenden finanziellen Ressourcen gelte es zu durchbrechen, fordert Edel.

GDV warnt vor Reformstau bei gesetzlicher Rente und privater Altersvorsorge

Aus Sicht von GDV-Geschäftsführer Peter Schwark steht Deutschland „an einem demografischen Wendepunkt“. Schwark zufolge wird das Ausscheiden der Baby-Boomer aus dem Erwerbsleben die Probleme verschärfen – der Vertreter der Versicherungswirtschaft fordert daher von der Politik, dass diese trotz der aktuellen Krisen ihren Fokus stärker auf die Gestaltung des demografischen Wandels lege. Das gelte sowohl für die Entwicklung der Regionen also auch für die Gewinnung von Fachkräften oder die Zukunft der Alterssicherungssysteme. Zugleich warnt Schwark davor, dass sich sowohl bei der gesetzlichen Rente als auch der privaten Altersvorsorge ein „Reformstau“ aufbaue.

Demografischer Faktor könne Ausgleich zwischen Ländern schaffen

Um für einen gerechteren Ausgleich zwischen den Ländern herzustellen, plädieren die Studienautoren dafür, einen demografischen Faktor zu schaffen, der in den Länderfinanzausgleich zu integrieren sei. Ein solcher Schritt kämme nach Auslaufen des Solidarparkts II in Frage, schlägt Studienautorin Kluge vor. Zusätzlich könnten stark altersabhängige Ausgaben auf den Bund verlagert werden. Eine weitere Idee: Kommunen oder Länder, die junge Menschen ausgebildet haben, könnten einen Ausgleich erhalten von den Regionen, in die die Menschen nach Ende ihrer Ausbildung ziehen – ähnlich wie im Fußball. „Ausbildungsvereine erhalten eine Entschädigung, wenn junge Spieler zu einem anderen Klub wechseln, und werden auch an künftigen Transfereinnahmen beteiligt“, erklärt Kluge das Prinzip.

Die Berechnungen der Studienautoren fußen nach eigenen Angaben auf sogenannten Altersstrukturkostenprofilen des National Transfer Accounts-Netzwerks für Deutschland. Sie zeigen, wie sich die Einnahmen und Ausgaben von Bund, Ländern oder Gemeinden abhängig von der Bevölkerungsstruktur verändern. Die Ausgaben der Bundesländer – etwa für Bildung oder Soziales – fokussieren sich auf jüngere und ältere Bevölkerungsgruppen. Ihre altersabhängigen Einnahmen speisen sich dagegen überwiegend aus den Steuern auf das Einkommen von Erwerbstätigen.

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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