Systemfrage

Wie Makler mit der Gretchenfrage „PKV oder GKV“ umgehen sollten

Wer sich anstelle der gesetzlichen Krankenversicherung für eine private Absicherung entscheidet, trifft meist eine Entscheidung fürs Leben. Die Frage „Lohnt sich eine PKV für mich?“ wird oft unter dem Eindruck steigender Beiträge gestellt. Doch Makler sollte das nicht beirren.
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Ein Arzt bei einer Operation.

Lohnt sich eine private Krankenversicherung für mich? Versicherungsmakler bekommen diese Frage regelmäßig zu hören. Bei Kennern der Materie stellt sich dann oft ein inneres Augenrollen ein. „Die Frage, ob sich eine PKV ,lohnt‘, kann niemand beantworten“, stellt der Gesundheitsexperte und Unternehmensberater Hagen Engelhard klar. „,Lohnt‘ im Sinne einer lebenslangen Beitragsersparnis ist sehr gut möglich, hängt aber vom Eintrittsalter, Familienstatus und von dem gewählten Tarif ab. ,Lohnt‘ im Sinne einer verbesserten Versorgung ist abhängig vom gewählten Tarif und vom eigenen Gesundheitszustand – für jemanden, der gesund mit 88 Jahren verstirbt, lohnt sich keine Krankenversicherung“, merkt Engelhard süffisant an.

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Tatsache ist aber, dass die PKV in einer Art Preis-Leistungs-Wettbewerb zur gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) steht – auch wenn die Systeme eigentlich nur schwer miteinander zu vergleichen sind. Die populäre Kurzfassung dieser Gegenüberstellung lautet dann oft so: Privatpatienten bekommen in der Regel deutlich schneller einen Termin beim Facharzt, genießen eine Behandlung durch den Chefarzt und dürfen sich über ein Einzelzimmer im Krankenhaus freuen. Dafür ziehen aber gerade im Alter die Beiträge für PKV-Versicherte umso kräftiger an – was wiederum die privaten Krankenversicherer gerne als Stimmungsmache gegen die PKV auffassen und so nicht stehen lassen wollen.

Wenn den Versicherten die Beitragsbescheide der privaten Krankenversicherer ins Haus flattern, kommt es regelmäßig zu Debatten darüber, ob der Preisanstieg gerechtfertigt sei – zumal, wenn der Prozentwert auch mal zweistellig ausfällt. Der PKV-Verband ist daher um Transparenz bemüht und ließ kürzlich wissen, dass die Beiträge für die 8,7 Millionen vollversicherten Kunden im Jahr 2022 um durchschnittlich 4,1 Prozent zulegen werden.

Beitragsanstiege im Schnitt zwischen 2,6 und 3,3 Prozent jährlich

Das ist zwar deutlich mehr als jene 2,6 Prozent, die im Zeitraum von 2012 bis 2022 im Durchschnitt auf jeden PKV-Versicherten im Jahr entfielen, aber zugleich erheblich weniger als die 8,1 Prozent aus dem Vorjahr. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der PKV (WIP) schneiden die privaten Anbieter im langjährigen Vergleich sogar besser ab als die gesetzlichen Krankenkassen, wie der PKV-Verband Mitte November mitteilte.

Laut dem Zehnjahresvergleich des WIP steht den besagten 2,6 Prozent jährlichen Beitragsanstiegs in der PKV ein Durchschnittswert von jährlich 3,3 Prozent in der GKV gegenüber. Damit falle die Prämienbelastung für Privatversicherte geringer aus als für gesetzlich Versicherte, „obwohl die aktuelle Niedrigzinsphase höhere Prämienanpassungen zur Finanzierung der Alterungsrückstellungen erfordert“, wie die WIP-Analysten betonen.

Beitragsanpassungen großes Thema in der Beratung

Doch auch das Institut, das sich redlich um eine nüchterne Betrachtung des emotional aufgeladenen Themas Prämienverteuerung bemüht, vermag eines nicht zu ändern: „Das Thema Beitragsanpassung ist eine der wohl größten Herausforderungen im Rahmen der PKV-Beratung“, wie Thorsten Bohrmann, Senior Versicherungsanalyst beim Analyse- und Rating-Unternehmen Morgen & Morgen findet. Die PKV-Anbieter werden Bohrmann zufolge in den nächsten Jahren vor allem durch die Alterung ihrer Bestände herausgefordert sein, einhergehend mit erhöhten Kosten im Rahmen des medizinischen Fortschritts sowie des Drucks durch die anhaltende Niedrigzinsphase.

Seite 2: Zahlenbeispiel: Wie sich die Niedrigzinsphase auf die PKV-Beiträge auswirkt

Wie sich die Niedrigzinsphase konkret auf die PKV-Beiträge auswirkt, zeigt ein Zahlenbeispiel, das der Versicherungsmakler Sven Hennig auf seiner Website in einem „Leitfaden zur Entscheidungsfindung in der Privaten Krankenversicherung“ schildert. Dazu wird vereinfachend angenommen, dass für einen Versicherten über 37 Jahre hinweg bis zum Lebensende Behandlungskosten von 200.000 Euro einkalkuliert werden. „Um diese 200.000 Euro in den kommenden 37 Jahren zu erreichen, muss der Versicherer für Sie einen Zins kalkulieren und dann entscheiden, welchen Betrag er ,weglegen‘ muss“, schreibt Hennig.

Bei einem dauerhaften Zins von 3,5 Prozent seien 222,67 Euro monatlich über 37 Jahre erforderlich. Erwirtschaftet das Unternehmen infolge der Niedrigzinsphase nun aber nicht mehr 3,5 Prozent, sondern nur noch 3 Prozent, so steigt der nötige Sparanteil im Beispiel auf 247,83 Euro – also um knapp 11 Prozent. Wird ein Zins von nur noch 2,25 Prozent unterstellt, wären es sogar 289,91 Euro. „Ihre Beitragsanpassung läge, ohne dass der Versicherer hier etwas dafür kann oder beeinflusst, nun bei 67 Euro zusätzlich“, schlussfolgert Hennig.

Nullzinsumfeld trifft vor allem Bestandskunden

Wohlgemerkt: In diesen Anpassungen ist keine Steigerung von Kosten oder die längere Lebenserwartung enthalten, sondern nur der Effekt aus der Niedrigzinsphase. Umgekehrt gilt: „Steigen die Zinsen wieder, führt auch das wieder zu einer Senkung der Beiträge“, erklärt Hennig – zumal auch in der GKV die Beiträge kletterten, auch wenn dies zunächst nichts mit den niedrigen Zinsen zu tun habe.

Vor allem Bestandskunden in der PKV seien durch die Nullzinspolitik „bestraft“, meint Branchenexperte Gerd Güssler, Geschäftsführer des Analysehauses KVpro.de: „Denn diese müssen ihre Alterungsrückstellungen ja nachfinanzieren, wenn ihnen auf einmal auf halber Strecke die Zinsen ,geklaut‘ werden.“ Bei den Neukunden sei das hingegen von Beginn an eingepreist. Dennoch bleibe die PKV weiter attraktiv, betont der Experte – sofern „die schon immer geltenden Grundregeln beachtet werden“. Dazu gehöre, dass Vermittler den Mut haben „Ross und Reiter“ zu nennen. „Die Kunden wollen kaufen – aber sauber, offen und ehrlich zu den Unterschieden beraten werden“, so Güssler.

67 Prozent der Abschlüsse laufen über Vermittler

Und es gibt sie ja – die Beratungsanlässe für Versicherungsvermittler in der PKV. Das unterstreicht die aktuelle Studie „Customer Journey Private Krankenversicherung“ des Kölner Marktforschers Heute und Morgen: „Auslösend für die erstmalige Beschäftigung mit einer privaten Krankenvollversicherung sind bei den Abschlusswilligen insbesondere Veränderungen der Lebenssituation und des persönlichen Bedarfs sowie wahrgenommene Kostenvorteile gegenüber der GKV“, sagt Geschäftsführerin Michaela Brocke. Eine zunehmende Rolle als „Impulsgeber“ spielten dabei auch Empfehlungen von Freunden, Bekannten und Verwandten.

Zugleich müssten sich Vermittler auf eine „steigende Informationsautonomie“ der Kunden einstellen. Dazu passt, dass infolge der Pandemie eine wachsende Bereitschaft unter Verbrauchern sichtbar werde, „auch komplexere Versicherungsprodukte jenseits klassischer Beraterwege abzuschließen“. „Na, dann viel Glück beim Selbermachen!“, dürfte es da so einigen Maklerinnen und Maklern durch den Kopf schießen. Allerdings betont Brocke, dass die deutlich gestiegene Bedeutung des Direktvertriebs in der PKV nicht darüber hinwegtäuschen dürfe, dass 67 Prozent der Abschlüsse und Wechsel weiterhin über Vermittler, Makler und Bankberater erfolgten.

Dabei zeige sich, dass die persönliche Beratung beim Versicherungsvertreter oder Makler mit einem Zufriedenheitswert von 73 Prozent weiterhin „die mit Abstand beste Bewertung aller auf der Customer Journey genutzten Informationsquellen“ erzielte. „In Beratungsdetails wird diese sogar noch besser als 2017 bewertet – insbesondere in puncto faire und objektive Beratung“, so Michaela Brocke.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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