Wer nach den größten Krankenversicherern in Deutschland sucht, findet die Barmenia immer in den Top 10, fast egal nach welcher Sortierung. Fast 1,3 Millionen Versicherte sind auch eine echte Hausnummer. Jetzt suchen Sie die Barmenia mal im Ranking der größten Lebensversicherer. Sie werden sich schwer tun, denn die gängigen Listen enden bei Platz 20. Und in der Regel ohne das durchaus sympathische Haus aus Wuppertal. Nimmt man die beliebte Kennzahl der gebuchten Bruttobeiträge, dann kommt die Barmenia mit 264 Millionen Euro auf ziemlich genau ein Zehntel der Alten Leipziger. Wenn man beide in der Hinsicht als „mittelständische Lebensversicherer“ bezeichnet, tut man mindestens einem Unrecht.
Immer wieder schön zu sehen ist, wie Gesellschaften agieren, um bei den Unternehmenskennzahlen die Deutungshoheit zu behalten. Das heißt regelmäßig, man zieht sich die schönsten raus und versieht sie mit der Geltung, die einem am besten passt oder am attraktivsten aussieht. Schlechte Zahlen werden gerne auch umerklärt, damit am Ende sogar ein Vorzug draus wird. Beispiel Barmenia: Man kam beim jüngsten Belastungstest von Morgen & Morgen auf die Höchstpunktzahl, was man natürlich voller Stolz vermeldet.
Beim parallel durchgeführten LV-Unternehmensrating gab es nur zwei von fünf Punkten. Hier verweist die Barmenia auf die in der Tat hohe Wachstumsquote, die jedoch in der Art eines natürlichen Mechanismus die freie RfB und die RfB-Quote in Mitleidenschaft zieht. Natürlich ist das wahr, und erfrischend offensiv dazu. Aber eine der Aussagen in der Aussage ist – die Barmenia Leben gehört zu den kleineren Spielern auf dem Markt und hat an der ein oder anderen Ecke noch Aufholpotenzial.
Aber Größe allein ist ja nicht alles, es zählen bekanntlich die inneren Werte. Und da sieht man schon ein paar Lichtblicke. Wenn man sich näher beschäftigt, dann ist schnell erkennbar, dass dieser Versicherer um Transparenz bemüht ist. Eine Produktbeschreibung beschränkt sich nicht auf die fünf Highlights, sondern hat Kleinroman-Stärke. Die Performance der Indizes (wir kommen später noch genauer darauf) war in den vergangenen Jahren einfach nur schlecht – kann aber jeder einfach über Google nachrecherchieren. Anderswo läuft man sich einen Wolf, um solche Infos zu bekommen. Und bei der Produktgestaltung hat man sich ganz klar vorgenommen, ein kundenfaires Versicherungsangebot zu schaffen. Leider ist das nicht gleichzustellen mit kundenorientiert. Denn man setzt voraus, dass der Kunde eine Leidenschaft für die ungezählten Spielarten einer Rentenversicherung pflegt; aber auch dazu gleich mehr.
So kurz wie möglich gesagt: Die Barmenia Privat-Rente Index ist eine Rentenversicherung mit zwei hauseigenen Indizes in der Cap-Variante. Aber das wäre zu einfach (und zu schön…) gewesen. Denn dann gibt es schon mal vier verschiedene Verrentungsformen (mit/ohne Teilauszahlung, Vollauszahlung, mit Pflege-Option). Das ist an sich nicht lumpig, dass der Kunde die Auswahl hat. Aber wir Berater müssen ihm das halt erklären, dass beim sogenannten „Rentenvorschuss“ …
Solche Verknüpfungsmöglichkeiten sind ein sicherer Weg, den Kunden mausetot zu schwätzen.
Auch „Todesfallleistungen in der Aufschubzeit können mit den Todesfallleistungen im Rentenbezug beliebig kombiniert werden. Die Todesfallleistungen für die Rentenbezugsphase können bis zum Rentenbeginn noch geändert werden.“ Gottseidank. Dass man auch noch eine „Star-Dynamik“ dazu wählen kann, ist nur konsequent. Die Funktionsweise an dieser Stelle auszuführen, sprengt aber den Rahmen. Danke für Ihr Verständnis.
Es passt weiter ins Bild, dass man sich selbst bei den Indizes nicht für einen Dax oder einen Euro Stoxx entscheiden konnte. Nein, es mussten ein „Barmenia Index D“ und ein „Barmenia Index EU“ her. Schon die gleichen Aktienwerte wie in den Original-Indizes, aber eben mit Volatilitätssteuerung. Das kann man als „Da-haben-sie-bei-der-Barmenia-einen-Schritt-weiter-gedacht“ klassifizieren. Wenn man aber sieht, dass beide Eigenbau-Barometer in den letzten drei Jahresperioden (immer von April bis April) eine Nullrunde eingefahren haben, selbst in den sehr guten Börsenjahren 2017 und 2018, dann ist da mehr Staunen als Grübeln.
Beziehungsweise tun einem die Verantwortlichen fast schon ein bisschen Leid (genau wie die Kunden). Denn dass das alles von Beginn an gut gemeint war, stelle ich nicht in Zweifel. Auch dass man sich nicht versteckt mit der schwachen Leistung (Beweis hier: https://www.barmenia-indizes.de/barmeniaindex_d.php beziehungsweise https://www.barmenia-indizes.de/barmeniaindex_eu.php) ist branchenuntypisch und deswegen irgendwie reizend.
Jetzt kann man noch dagegenhalten: „Ja, hätte der Kunde die sichere Verzinsung genommen, dann wären 2,57 Prozent (2017) beziehungsweise 2,32 Prozent (2018–2020) beim Kunden gelandet.“ Dazu gleich drei Erwiderungen.
Aber gerade die wären ja so herrlich niedrig: Bei einem Einmalbeitrag von 100.000 Euro nur 1,7 Prozent Abschlussvergütung, 1 Prozent einmalige Verwaltungsvergütung und sehr zurückhaltende 0,18 Prozent aufs Vertragsvermögen (da kosten die meisten ETFs mehr!). Aber wenn halt eine zwar deutlich teurere Ideal Universal Life 3,0 Prozent ab Beginn zahlt, dann ist das nicht nur eine andere Liga, sondern auch noch deutlich einfacher, dem Kunden zu erklären.
Nach allem: Die Barmenia meint es ernst. Und dass sie von niedrigem Niveau aus zaghaft, aber offensichtlich nachhaltig Marktanteile hinzugewinnt, gönne ich ihr von Herzen. Auch dass die VEMA die hauseigene Fondspolice mit den Kollegen aus Wuppertal gestrickt hat, ist ein gutes Zeichen. Die ist übrigens deutlich straighter geworden als das Index-Produkt. Jeder hat mal klein angefangen.
Fazit: Gut gemeint, aber vielleicht zu viel gewollt. Wer Kunden hat, die für Kombinationen und Verwinkelungen in Versicherungsanlageprodukten brennen, für den gibt es aber wahrscheinlich nichts Besseres.
Christian Geier, Jahrgang 1974, ist Vorstand bei der FP Finanzpartner AG und dort unter anderem zuständig für die Produktauswahl und Sicherung der Beratungsqualität. Zudem leitet er dort das umsatzstärkste Ressort „Personenversicherungen“. Der promovierte Kultur- und Betriebswirt berät dabei immer noch seine eigenen Kunden und lebt und arbeitet im niederbayerischen Straubing.
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