Präventionsansätze im Versicherungsbereich

Warum eine App alleine das volle Potenzial nicht ausschöpft

Immer mehr Versicherer bieten Ihren Kunden nicht nur eigene Abrechnungs-Apps, sondern auch Lösungen von Kooperationspartnern an. Beispielsweise in den Bereichen Ernährung, Bewegung und Stressvermeidung. Reicht eine App aber aus, um Prävention erfolgreich beim Versicherer und Kunden zu integrieren? Hier kommt die Antwort.
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Immer mehr Versicherer bieten Ihren Kunden nicht nur eigene Abrechnungs-Apps, sondern auch Lösungen von Kooperationspartnern an.

Krankenversicherer sitzen auf einem Schatz an Informationen, um ihre Kunden effektiv im Bereich der Prävention unterstützen zu können. Denn sie sehen, bei welchen Ärzten die Patienten waren, welche Diagnosen gestellt und welche Medikamente verschrieben wurden.

Ein Beispiel hierzu verdeutlicht, wo Vorteile von Apps im Versicherungsbereich liegen können. Bietet ein Krankenversicherer eine App zum Einreichen der Rechnungen an, könnte über diese ausgewertet werden, welche Medikamente verschrieben wurden. Nimmt der Versicherte bereits andere ein, weiß der Versicherer davon in der Regel ebenfalls. Mit diesen Informationen kann der Krankenversicherer nun automatisch prüfen, ob die Kombination dieser Medikamente mögliche negative Wechselwirkungen haben könnte. Ähnliches bietet beispielsweise die Gothaer an. Mit einer Push-Nachricht könnte der Kunde nun gewarnt werden, und er kann Rücksprache mit seinen behandelnden Ärzten halten.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre App

Hier wäre jedoch noch vieles mehr möglich. Eine der meist verschriebenen Medikamentengruppen sind Statine. Dabei handelt es sich um Blutfettsenker, die bei erhöhten Cholesterinwerten häufig verschrieben werden. Mittels Blockade eines bestimmten Enzyms (HMG-CoA-Reduktase) wird die Cholesterol-Synthese durch diese Medikamente reduziert.

Ungünstig dabei ist, dass in diesem Zusammenhang auch die körpereigene Produktion des Coenzyms Q10 gehemmt wird. Darauf wird in medizinischen Studien seit Jahrzehnten hingewiesen. Ähnliches gilt für bestimmte Antidepressiva. Q10 spielt beispielsweise im Bereich der Energiebereitstellung unserer Zellkraftwerken, den Mitochondrien, eine bedeutende Rolle. Als mögliche Nebenwirkungen der Einnahme von Statinen werden beispielsweise Muskelschmerzen, Muskelkrämpfe, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Antriebsschwäche und Depressionen genannt. Betrachten wir, wofür Q10 und Mitochondrien alles wichtig sind, erkennen wir, dass diese Nebenwirkungen ihre Ursachen in einer gestörten Funktion der Mitochondrien haben können. Ärzte, die darüber Bescheid wissen, verschreiben ihren Patienten deshalb parallel Q10 in einer therapiebegleitenden Dosis von 100 bis 500 mg/Tag Ubiquinon, beziehungsweise 60 bis 120 mg/Tag Ubiquinol.

Bei letzterem handelt es sich um die aktivere Form des Q10. Leider weisen auf diesen Zusammenhang jedoch nicht alle Ärzte hin. Nun hätte der Apotheker noch eine Möglichkeit, das zu machen. Aber auch hier geschieht das nur selten. Wenn Sie Patienten, die Statine einnehmen fragen, ob ihnen vom Arzt oder Apotheker auch Q10 dazu empfohlen wurde, verneinen das die meisten.

Genau hier besteht nun eine Chance für eine weitere Funktion der Abrechnungs-Apps von Versicherern. Erkennt die App, dass dem Kunden ein Statin verschrieben wurde, könnte eine entsprechende Empfehlung für die Einnahme von Q10 angezeigt werden. Damit würden die Risiken von Nebenwirkungen reduziert. Das spart nicht nur dem Versicherer unnötige Kosten durch Diagnose und Behandlung dieser Nebenwirkungen. Der Versicherte selbst führt auch ein gesünderes und beschwerdefreieres Leben. Die klassische Win-Win-Situation.

Q10 kann noch mehr

Für Q10 gibt es im Zusammenhang mit Medikamenten noch weitere Anwendungsgebiete. So ist bekannt, dass Antiparkinsonmittel zu einer vermehrten Bildung von freien Radikalen führen, was den Q10-Spiegel reduziert und ebenfalls zu Nebenwirkungen führen kann. Q10 kann auf der anderen Seite die Wirkung von Betablockern unterstützen, wodurch diese eventuell geringer dosiert werden können. Letzten Endes hilft Q10 auch bei der Stabilisierung der Blutzuckerspiegel, was bei der Einnahme von Antidiabetika unterstützende Wirkung haben kann.

Vergleichbares wäre für sehr viele der am häufigsten verschriebenen Medikamente möglich. Künftig könnte es also heißen: Zur Reduktion von Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre App.

Eine App alleine reicht jedoch nicht

Allein im Bereich der Reduktion von Nebenwirkungen durch Medikamenteneinnahme und der Vermeidung von ungewünschten Wechselwirkungen, bieten Apps viele Vorteile. Solange wir aber noch nicht über echte künstliche Intelligenzen verfügen, reichen Apps nicht aus, um das volle präventive Potenzial in der Beziehung zwischen Versicherer, Kunde und Behandler auszuspielen – gerade wenn es um den zwischenzeitlich primären Leistungsfallauslöser Psyche im Bereich von Berufsunfähigkeitsversicherungen geht.

Immer häufiger erkennen Neurologen und Psychiater, dass viele klassische Erkrankungen des Gehirns ihren Ursprung im Darm haben. Das gilt für Parkinson und Alzheimer, aber auch für Burnout und Depressionen. Inzwischen bieten Versicherer ihren Kunden Apps an, mit der diese erkennen können, wie hoch ihr Stresslevel ist und ob sie Gefahr laufen, einen Burnout oder eine Depression zu erleiden, beziehungsweise die dabei unterstützen, den Stresslevel zu reduzieren. Das ist ein erster, richtiger Schritt.

Jedoch sind Warnhinweise, Atem- und Entspannungstechniken, bei denen einige Apps ebenfalls unterstützen, zu kurz gedacht. Im Zweifel ist das nämlich nur eine Symptombehandlung. Liegt die Ursache für die höhere Stressanfälligkeit im Bereich einer Fehlbesiedlung im Darm, so gilt es hier mit individuellen Empfehlungen zur Regeneration anzusetzen. Mängel wichtiger Mikronährstoffe wie Magnesium und Tryptophan können ebenfalls psychische Beschwerden auslösen, oder diese zumindest verschlechtern. Auch eine gestörte Aufnahme dieser Nährstoffe, oder deren erhöhter Verbrauch, können Ihre Ursache im Darm haben.

Es gibt einige Angebote, mit denen Laien im Do-it-yourself-Verfahren zu Hause Stuhlproben entnehmen und direkt zur Auswertung zum Labor schicken können. In der von Pfefferminzia mitmoderierten Gruppe „Fit und Gesund“ bei Facebook gibt es dazu für Gruppenmitglieder beispielsweise ein Sonderangebot in Zusammenarbeit mit dem Anbieter Medivere, kombiniert mit einer individualisierten Auswertung durch den Autor dieses Beitrages.

Nun könnten auch Versicherer auf die Idee kommen, ihren Versicherungsnehmern entsprechende Test-Kits zu Vorteilskonditionen anzubieten. Wird der Kunde mit dem Ergebnis vom Labor aber alleine gelassen, ist der Nutzen stark in Zweifel zu ziehen. Auch wenn in den Befunden, die dem Kunden direkt zugeschickt werden, bereits viele Informationen und Empfehlungen enthalten sind – das Labor kennt den Versicherten und dessen Krankengeschichte nicht.

Weiterhin werden diese Auswertungen automatisiert erstellt. Erst der verstärkte Einsatz einer künstlichen Intelligenz könnte zwischen den Zeilen lesen und die persönliche Anamnese des Kunden mit der eventuellen Einnahme von Medikamenten, Ernährungsweisen und der Besiedlung unterschiedlicher Darmmikroben zusammenbringen. Bis dahin ist die Kooperation mit darauf spezialisierten Experten, die über den Tellerrand hinausdenken, notwendig.

Diese Experten müssen also nicht nur über fundiertes Wissen im Bereich der Mikrobiom-Analyse verfügen, sondern ebenfalls über Kenntnisse möglicher Auswirkungen von Medikamenten auf die Nährstoffversorgung verfügen und Erfahrungen im Bereich der Ernährungsberatung haben. Weiterhin müssen sie in der Lage sein, eine individuelle Anamnese durchzuführen.

Erst dann kann eine gezielte individuelle Empfehlung zur Verbesserung der Situation des Kunden erstellt und auf eventuelle notwendige weitere Diagnostik hingewiesen werden. Beispielsweise eines Wasserstoff-Atemtests zur Bestimmung einer Fruktose- und/oder Lactose-Malabsorption, oder eine Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO). Auch ein orthomolekulares Blutbild und dessen individuelle Auswertung kann hier hilfreich sein.

Vertriebspotenziale für Versicherer und Vermittler

 Aus solchen Dienstleistungen von Experten ergeben sich für Vermittler und Versicherer zusätzliche Vertriebsansätze. So kann beispielsweise der Wechsel in höherwertige Tarife empfohlen werden, welche die Kosten für solche diagnostischen Mittel übernehmen. Selbst wenn ein solcher Wechsel nicht gewünscht, oder aus aktuellen gesundheitlichen Gründen nicht möglich wäre, kann sich durch die oben beschriebenen Angebote die Gesundheit des Kunden deutlich verbessern.

Schreibt ein Kunde eine Rezension im Stile von „Die XY-Versicherung, beziehungsweise mein Vermittler, haben mich dabei unterstützt, dass ich gesünder, fitter und leistungsfähiger bin“ wird das mindestens so wertvoll sein, wie übliche Formulierungen in der Richtung „Mein Vermittler ist auf mein persönliches Risiko eingegangen und hat dementsprechend meine Versicherungen optimiert, dabei spare ich jetzt auch noch 250 Euro im Jahr ein. Ich kann die Zusammenarbeit mit xy wärmsten empfehlen“.

Auf jeden Fall wäre eine Bewertung zum Gesundheitszustand eine sehr einzigartige – und aus Kundensicht etwas, an das er sich sehr lange erinnern wird. Vielleicht sogar mehr, als an beispielhaften Einsparungen von 250 Euro. Auf jeden Fall wäre dies ein Angebot, mit dem sich Vermittler mit der Unterstützung von Versicherern und deren Experten von Vergleichsplattformen deutlich abheben können.

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Autor

Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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