Welche Kraft Wasser entfalten kann, konnten die Bauherren buchstäblich an der Wand ablesen. Denn sie standen bei ihrem Neubau nicht nur knöcheltief im Wasser, nein, der Strahl hatte auch eine Furche in die Wand gefräst.
Das Ironische daran: Das Wasser sprühte ausgerechnet aus einem Sicherungsventil. Das Ventil selbst war auch in Ordnung. Der Installateur hatte es ganz einfach falsch herum eingebaut.
Den Fall schildert das Institut für Schadenverhütung und Schadenforschung (IFS), eine Institution der öffentlichen Versicherer. Er ist ein Beispiel dafür, dass Leitungswasserschäden nicht allzu oft am Material liegen, sondern eher daran, wie man es einbaut (siehe Grafik).

Gleichwohl ist Wasser für Versicherer ein großes Problem. Sobald es im Haus unkontrolliert fließt, sickert es in Böden und Wände, saugt sich in Möbel ein und legt Technik lahm. Damit ist es mit der Reparatur von Rohr oder Ventil nicht getan – mitunter röhren auch Bautrockner durch die Wohnung und das Schimmelkommando muss anrücken. Im Extremfall müssen Wände oder Fußböden erneuert werden. Vielleicht müssen sich die Bewohner für diese Zeit eine andere Bleibe suchen. Das ist teuer.
„Die Reparaturkosten für einen Rohrbruchschaden liegen im Durchschnitt bei mehr als 3.000 Euro. Ein Leck, das teilweise über mehrere Monate unbemerkt bleibt und zu Schimmelbildung führt, kann auch schnell zu Kosten von über 10.000 Euro führen“, sagt Kai Atenhan, Produkt- und Innovationsmanager bei der Gothaer.
Und das läppert sich. „Leitungswasserschäden machen rund ein Drittel der Schäden in der Wohngebäudeversicherung aus und sorgen für die Hälfte der Ausgaben“, berichtet Božo Bilić, Experte für Wohngebäudeversicherungen bei der R+V.
3,8 Milliarden Euro zahlten Versicherer laut Branchenverband GDV im Jahr 2021 für Leitungswasserschäden. „In Deutschland werden jedes Jahr rund 1,1 Millionen Schäden an Wasserleitungen gemeldet. Durchschnittlich entsteht alle 30 Sekunden ein Leck“, sagt Rainer Brand, Vorstand für Produkte und Betrieb beim Versicherer Domcura.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Alter der Wassersysteme. Denn die sind laut IFS lediglich 30 bis 50 Jahre lang vernünftig nutzbar. Alles mit Einbaujahr vor 1973 gilt also heute als hochgradig gefährdet. Dann verschleißt und ermüdet das Material – Rohre platzen, Ventile geben auf.
Seite 2: Eine Karte, auf der die ehemalige DDR gut zu erkennen ist
Wie sich das bundesweit äußert, hat wiederum der GDV ermittelt. Denn in der ehemaligen DDR, wo in den Neunzigerjahren massenhaft saniert und erneuert wurde, halten sich die Wasserschäden noch in Grenzen. Kunststück, schließlich sind die Rohre heute noch nicht mal 30 Jahre alt und halten dicht. Am besten schneidet das Gebiet Oberspreewald-Lausitz ab mit nur 40 Prozent der bundesweit durchschnittlichen Leitungsschäden. Das andere Extrem ist der nordwestliche Teil von Köln mit teilweise über 200 Prozent. Alte Stadt, alte Leitungen.

Natürlich lässt sich so etwas recht einfach versichern. „Leitungswasserschäden am Haus sind durch die Wohngebäudeversicherung abgesichert. Bei beweglichen Gegenständen, wie beispielsweise Möbel oder Fernseher, springt die Hausratversicherung ein“, erklärt Brand.
Wobei der Bundesgerichtshof das ein bisschen relativiert hat. Denn er zog im Jahr 2021 eine viel beachtete, fugendünne Grenze und urteilte über einen Schaden, der durch eine undichte Silikonfuge in der Dusche entstand. Da die Fuge nicht zum Rohrsystem gehört, brauche der Gebäudeversicherer nicht zu zahlen, tönte es aus Karlsruhe. Seitdem ist es eine gute Idee, beim Versicherer mal nachzufragen, ob er vielleicht trotzdem auch bei leckenden Fugen zahlt.
Wie zum Beispiel die auf Immobilien spezialisierte Grundeigentümer-Versicherung (GEV). Sie zahlt Schäden durch Fugen weiterhin bei allen bis zum 30. Juni 2022 policierten Verträgen, wie Produktmanager Markus Kirchner erklärt. „Ab 1. Juli 2022 haben wir das Leistungsdetail ‚undichte Fugen‘ ohne Leistungsbegrenzung in den Premium-Tarif mit aufgenommen.“ Und bei Protect+ seit Mai 2023 auch schon im Kompakttarif.
Doch wie immer sind jene Schäden die besten, die gar nicht erst entstehen. Weshalb Versicherer sehr genau auf neue technische Errungenschaften schauen. Eine von ihnen kommt aus dem Haus Grohe. Dessen Name kennt man hauptsächlich von Spülkästen und Wasserhähnen. Doch die Grohe-Konzernmutter Lixil aus Japan betreibt mit Suru eine komplette Abteilung, die sich um Wasserschutz kümmert. Die Produktreihe nennt sich Grohe Sense und gehört zu den sogenannten Leckagesystemen.
Herzstück des Systems ist der Grohe Sense Guard, der in den Wasserzulauf eines Hauses eingebaut wird. Dort erfasst er zunächst den normalen Wasserverbrauch, Wasserdruck und Temperaturen und bildet daraus ein Profil. Zugleich begrenzt er den maximalen Durchlauf pro Minute auf 50 Liter. Damit könnten immer noch vier Familienmitglieder duschen. Gleichzeitig.
Seite 3: Sensoren schlagen Alarm bei Pfützen
Passiert dann aber etwas Ungewöhnliches, schlägt das Gerät Alarm, sendet eine Nachricht über eine App an den Besitzer und dreht den Zulauf zu. Bei einem Rohrbruch fließt sehr plötzlich auffallend viel Wasser – mehr als 50 Liter pro Minute. Bei einem Haarriss hingegen sinkt der Druck dauerhaft. All das erkennt das Gerät. Außerdem schließt es ein paarmal am Tag den Zulauf und misst, ob der Druck konstant bleibt. Wenn nicht, könnte irgendwo ein Leck sein.
Zusätzlich können die Hausbesitzer Sensoren mit Namen „Grohe Sense“ an Stellen anbringen, wo sie Lecks besonders befürchten – in Küche, Bad und Keller zum Beispiel. Sie melden Pfützen sofort an den Guard im Zulauf, und der macht den Laden dicht.
„Wie würde Ihre Schaden-Kosten-Quote aussehen, wenn Sie Ihre Leistungen für Wasserschäden um 80 Prozent senken könnten?“, fragt Suru auf seiner Website und weist darauf hin, dass das nicht etwa nur geschätzt ist. Die Zahl kommt vom finnischen Versicherer Lähi-Tapiola, der genau diesen Einsparwert innerhalb von drei Jahren erreicht haben will.
Das zieht auch in Deutschland: Als Partner haben sich schon die Bayerische, die Gothaer und die Versicherungskammer Bayern bei Grohe mit ins Boot gesetzt. Sie stellen Kunden mit Wohngebäudeversicherung Grohe Sense schon zur Verfügung, zum Teil sogar kostenlos.
Wobei es sich mitunter noch um Pilotprojekte handelt oder sich erst an Kunden mit alten Häusern, also besonders hohen Risiken, richtet. Im Gegenzug gibt’s Rabatt bei der Prämie.
Einen Schritt weiter ist inzwischen die Bayerische gegangen. Sie hat den Grohe Sense Guard in den Wohngebäudeteil der All-Risk-Versicherung „Meine-eine-Police“ als Standard aufgenommen. Wer die Police abschließt, kann sich das Teil ohne Aufpreis einbauen lassen.
Doch es muss nicht nur Grohe sein. Konkurrent Hansgrohe hat zum Beispiel mit Pontos ein ganz ähnliches System auf dem Markt. Der HDI hingegen hat sogar über HDI TH!NKS so etwas im eigenen Konzern entwickeln lassen. Das System heißt Leak360 und arbeitet ganz ähnlich wie Grohe Sense: Sensoren und selbstlernende Systeme erstellen ein Normalprofil und schlagen Alarm, wenn etwas anders läuft.
Und als drittes Beispiel dient ein Insurtech, der Assekuradeur Enzo, der den selbst entwickelten Smart Water Sensor anbietet. Der R+V hingegen ist es offenbar gleich, von welchem Anbieter der Schutz kommt. Sie bietet ihren Kunden 10 Prozent Rabatt auf die Leitungswasserprämie in der Wohngebäudepolice, wenn so ein Leckageschutz ins Haus eingebaut ist.
Dieses genauere Hinschauen dürfte sich zu einem Trend entwickeln. „Das Risiko für Wasserschäden wird künftig noch dezidierter in den jeweiligen Tarifen berücksichtigt und bewertet“, meint Domcura-Mann Brand. „Eine Rolle wird sicherlich auch die individuelle Bewertung des Leitungswasserrisikos eines Gebäudes über den Gebäuderisikoindex, GRI, spielen.“
Den GRI hat der Dienstleister Arvato Financial Solutions entwickelt, um das Risiko von Leitungswasserschäden für Gebäude zu ermitteln. Versicherer können die Ergebnisse nutzen, um Tarife noch genauer auf die Häuser zuzuschneiden. Laut Arvato ist der GRI auf rund 21 Millionen Objekte anwendbar und bezieht mehr als 300 Merkmale ein.
So schlau diese Techniken auch sind – auch sie haben Mängel, wie das IFS feststellt. So kann es nämlich sein, dass durch ein Leck die zuvor festgelegte maximale Wassermenge tatsächlich austritt, bevor das System schließt. Das können gut und gerne 150 Liter sein, die in die Wände sickern.
Oder aber jemand entnimmt bewusst über längere Zeit eine geringe Menge, und das System deutet das als undichte Stelle und sperrt ab. Ähnliches kann passieren, wenn der Wasserhahn nicht ganz geschlossen ist oder der Schwimmer im Spülkasten nicht richtig schließt. Und nicht zuletzt können ausgelassen in der Badewanne planschende Kinder einen Grohe Sense auslösen. Eltern kennen das.
Wobei das zweifelsohne alles noch kleinere Probleme sind im Vergleich zu knöcheltiefem Wasser und einer durchweichten Wand mit tiefer Kerbe. Dann wird es richtig teuer.
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