EU-Taxonomie

Welche Anforderungen nachhaltige Versicherungsprodukte erfüllen müssen

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde und auch immer mehr Versicherungen springen auf diesen Zug auf. Nun hat die Europäische Union erste Anforderungen an nachhaltige Produkte skizziert. Wie diese aussehen und was „grüne“ Versicherungen danach können müssen, haben die Aktuare von Meyerthole, Siems, Kohlruss auf einer Pressekonferenz präsentiert.
© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert
Eine Mitarbeiterin bei der Qualitätskontrolle von Solarmodulen: Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt auch in der Versicherungsbranche immer mehr an Fahrt.

Die Nachfrage nach nachhaltigen Versicherungen wächst. So zeigte eine Umfrage des Marktforschers Heute und Morgen aus dem Juni 2021, dass etwa im Bereich der Wohngebäudeversicherung 42 Prozent der Menschen bereit wären, bei sonst gleichen Konditionen ein nachhaltiges Produkt zu wählen. 85 Prozent der Befragten fanden konkrete nachhaltige Leistungen der Wohngebäudepolice „gut“ oder „begeisternd“.

Mehr zum Thema

Versicherer beim Thema Nachhaltigkeit auf gutem Weg

Die Versicherungen hierzulande haben das Thema Nachhaltigkeit aktuell auf der Agenda. 98 Prozent wollen Nachhaltigkeitsrisiken…

DIN-Projekt für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzberatung gestartet

Der Arbeitsausschuss „Finanzdienstleistungen für den Privathaushalt“ beim Deutschen Institut für Normung (DIN) hat ein Projekt…

Viele Kunden würden zu einem nachhaltigen Versicherer wechseln

Die Deutschen denken zunehmend nachhaltig – auch bei Finanz- und Versicherungsprodukten. Geht es um die…

Aber: Wie erkennt man denn Nachhaltigkeit bei einem Versicherungsprodukt? Dieser Frage widmeten sich die Experten der Aktuarvereinigung Meyerthole, Siems, Kohlruss (MSK) in einer Presseveranstaltung am Donnerstagmorgen. So ganz einfach sei diese Frage aktuell nicht zu beantworten, warfen die Aktuare gleich vorab ein. Denn: Es gebe hier schlicht noch keine klaren und einheitlichen Regeln. Zwar sei die Taxonomieverordnung der Europäischen Union Anfang des Jahres in Kraft getreten, die erste Definitionen liefert – hier gebe es aber noch Unklarheiten.

„Die Taxonomieverordnung behandelt bisher vor allem die ökologische Nachhaltigkeit – also Umweltziele“, erklärt Florian Bohl, aktuarieller Berater bei MSK mit dem Schwerpunkt Datenpooling, Tarifkalkulation und Naturgefahrenmodellierung. Andere Themen wie etwa soziale Nachhaltigkeit sollen noch folgen.

Beispiel Taxonomie-Ziel „Anpassung an den Klimawandel“ – was ist hier zu leisten?

Sechs Umweltziele habe die EU bisher definiert: Vermeidung von Umweltverschmutzung, Schutz der Biodiversität, Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Schutz von Meer- und Wasserressourcen, Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel. Am Beispiel des Ziels „Anpassung an den Klimawandel“ spielte Bohl dann einmal durch, welche fünf Punkte konkret durchlaufen und geprüft werden müssten, damit ein Produkt oder eine Tätigkeit in dem Bereich mit der Taxonomie konform sei.

So müsse der Versicherer 1) eine Führungsrolle bei der Modellierung und Bepreisung von Klimarisiken einnehmen. Das heißt, so Bohl, dass die Versicherer modernste Modellierungstechniken verwenden müssten, die (a) die Risiken des Klimawandels angemessen widerspiegelten; (b) nicht nur auf historischen Trends beruhten und (c) zukunftsorientierte Szenarien umfassten. Und es müsse Anreize zur Risikominderung für den Versicherungsnehmer in Bezug auf Klimarisiken und Naturkatastrophen geben.

Zweitens müsse es ein hohes Leistungsniveau nach einer Katastrophe geben, drittens sollte es sich um innovative Versicherungslösungen handeln, viertens sei bei der Produktgestaltung auch auf Prävention zu achten. Heißt etwa, dass die Versicherten Boni für das Ergreifen von Präventivmaßnahmen bekommen, und dass die Versicherer Maßnahmen bereitstellen sollten, die Naturkatastrophen zu verhindern helfen oder davor schützen. Und fünftens schließlich müssten relevante Daten weitergegeben werden.

Seite 2: Welche nachhaltigen Versicherungsvarianten gibt es derzeit?

Welche nachhaltigen Versicherungsvarianten gibt es bisher?

Aktuell gebe es vor allem sechs Varianten nachhaltiger Versicherungsprodukte, erklärt Aktuar Bohl weiter:

  1. Direkter Umwelt und Naturschutz (zum Beispiel wird bei Vertragsabschluss ein Baum gepflanzt)
  2. Mehrleistungen beim Schadenersatz (etwa beim Wiederbeschaffen von Produkten mit Nachhaltigkeitssiegeln usw.)
  3. Standalone-Versicherungen für nachhaltige Produkte (zum Beispiel für Photovoltaikanlagen)
  4. Versicherungen gegen Folgen des Klimawandels (etwa Ernteausfallversicherungen)
  5. Preisreduktion für nachhaltige Kunden (zum Beispiel Rabatt für Elektroautos in der Kfz-Versicherung)
  6. Spenden für gewünschtes Verhalten an nachhaltige Projekte

Der bisherige Produktfokus liege also eher auf der nachhaltigen Schadenregulierung und auf Preisnachlässen. „Beim Thema Prävention gibt es noch Potenzial“, so Bohl.

Noch einige Herausforderungen zu meistern

Herausforderungen für die Branche seien aktuell vor allem die Modellierung und Bepreisung von Klimarisiken – das erfordere viel Wissen und regelmäßige Anpassungen und Überprüfungen, gibt Bohl zu bedenken.

Darüber hinaus gäbe es nach wie vor Unsicherheiten bezüglich der Taxonomie, die Branche müsse auf ein glaubwürdiges, nachhaltiges Auftreten Wert legen – denn „Greenwashing“ hätte keine guten Folgen für das Image und das Kundenvertrauen. Und schließlich müsste auch stärker darauf hingewiesen werden, dass es bereits nachhaltige Produkte am Markt gebe.

Als Fazit stellt Bohl fest, dass es Druck seitens der Politik und der Verbraucher gebe, nachhaltige Versicherungsprodukte anzubieten. Die Versicherer hätten aber bereits reagiert „mit ersten überzeugenden Leistungen und Produkten“, so Bohl. „Insgesamt bewegt sich die Branche hier aber vielleicht noch zu zögerlich, denn Potenzial am Markt ist da.“

Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia