Die Nachfrage nach nachhaltigen Versicherungen wächst. So zeigte eine Umfrage des Marktforschers Heute und Morgen aus dem Juni 2021, dass etwa im Bereich der Wohngebäudeversicherung 42 Prozent der Menschen bereit wären, bei sonst gleichen Konditionen ein nachhaltiges Produkt zu wählen. 85 Prozent der Befragten fanden konkrete nachhaltige Leistungen der Wohngebäudepolice „gut“ oder „begeisternd“.
Aber: Wie erkennt man denn Nachhaltigkeit bei einem Versicherungsprodukt? Dieser Frage widmeten sich die Experten der Aktuarvereinigung Meyerthole, Siems, Kohlruss (MSK) in einer Presseveranstaltung am Donnerstagmorgen. So ganz einfach sei diese Frage aktuell nicht zu beantworten, warfen die Aktuare gleich vorab ein. Denn: Es gebe hier schlicht noch keine klaren und einheitlichen Regeln. Zwar sei die Taxonomieverordnung der Europäischen Union Anfang des Jahres in Kraft getreten, die erste Definitionen liefert – hier gebe es aber noch Unklarheiten.
„Die Taxonomieverordnung behandelt bisher vor allem die ökologische Nachhaltigkeit – also Umweltziele“, erklärt Florian Bohl, aktuarieller Berater bei MSK mit dem Schwerpunkt Datenpooling, Tarifkalkulation und Naturgefahrenmodellierung. Andere Themen wie etwa soziale Nachhaltigkeit sollen noch folgen.
Sechs Umweltziele habe die EU bisher definiert: Vermeidung von Umweltverschmutzung, Schutz der Biodiversität, Übergang zur Kreislaufwirtschaft, Schutz von Meer- und Wasserressourcen, Klimaschutz, Anpassung an den Klimawandel. Am Beispiel des Ziels „Anpassung an den Klimawandel“ spielte Bohl dann einmal durch, welche fünf Punkte konkret durchlaufen und geprüft werden müssten, damit ein Produkt oder eine Tätigkeit in dem Bereich mit der Taxonomie konform sei.
So müsse der Versicherer 1) eine Führungsrolle bei der Modellierung und Bepreisung von Klimarisiken einnehmen. Das heißt, so Bohl, dass die Versicherer modernste Modellierungstechniken verwenden müssten, die (a) die Risiken des Klimawandels angemessen widerspiegelten; (b) nicht nur auf historischen Trends beruhten und (c) zukunftsorientierte Szenarien umfassten. Und es müsse Anreize zur Risikominderung für den Versicherungsnehmer in Bezug auf Klimarisiken und Naturkatastrophen geben.
Zweitens müsse es ein hohes Leistungsniveau nach einer Katastrophe geben, drittens sollte es sich um innovative Versicherungslösungen handeln, viertens sei bei der Produktgestaltung auch auf Prävention zu achten. Heißt etwa, dass die Versicherten Boni für das Ergreifen von Präventivmaßnahmen bekommen, und dass die Versicherer Maßnahmen bereitstellen sollten, die Naturkatastrophen zu verhindern helfen oder davor schützen. Und fünftens schließlich müssten relevante Daten weitergegeben werden.
Seite 2: Welche nachhaltigen Versicherungsvarianten gibt es derzeit?
Aktuell gebe es vor allem sechs Varianten nachhaltiger Versicherungsprodukte, erklärt Aktuar Bohl weiter:
Der bisherige Produktfokus liege also eher auf der nachhaltigen Schadenregulierung und auf Preisnachlässen. „Beim Thema Prävention gibt es noch Potenzial“, so Bohl.
Herausforderungen für die Branche seien aktuell vor allem die Modellierung und Bepreisung von Klimarisiken – das erfordere viel Wissen und regelmäßige Anpassungen und Überprüfungen, gibt Bohl zu bedenken.
Darüber hinaus gäbe es nach wie vor Unsicherheiten bezüglich der Taxonomie, die Branche müsse auf ein glaubwürdiges, nachhaltiges Auftreten Wert legen – denn „Greenwashing“ hätte keine guten Folgen für das Image und das Kundenvertrauen. Und schließlich müsste auch stärker darauf hingewiesen werden, dass es bereits nachhaltige Produkte am Markt gebe.
Als Fazit stellt Bohl fest, dass es Druck seitens der Politik und der Verbraucher gebe, nachhaltige Versicherungsprodukte anzubieten. Die Versicherer hätten aber bereits reagiert „mit ersten überzeugenden Leistungen und Produkten“, so Bohl. „Insgesamt bewegt sich die Branche hier aber vielleicht noch zu zögerlich, denn Potenzial am Markt ist da.“
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