Daten im Fokus

So schließen Versicherer die Schutzlücke für Schäden durch Naturgefahren

Ohne eine koordinierte Anstrengung der Versicherer kann der Klimawandel zu einem inakzeptablen Maß an nicht versicherbaren Risiken führen, davon ist René Schoenauer, Direktor Produktmarketing EMEA beim Software-Anbieter Guidewire, überzeugt. Wenn sie aber vorhandene Daten besser nutzen und in neue Datentypen investieren, lässt sich das Problem lösen, schreibt er in seinem Gastbeitrag.
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René Schoenauer, Guidewire Software.

Im Jahr 2021 mussten die deutschen Versicherer laut Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 12,5 Milliarden Euro für Schäden durch Naturgefahren zahlen – so viel wie nie zuvor. Die höchsten Versicherungsschäden (8,2 Milliarden Euro) verursachte die Flut im Sommer.

Die schweren Stürme im Februar dieses Jahres brachten bereits die nächste Naturkatastrophe. Sind die Schaden- und Unfallversicherer in der Lage, angemessen auf diese Entwicklung zu reagieren? Um nachhaltige klimabezogene Lösungen anzubieten, muss die Branche ihre Fokussierung auf historische Daten infrage stellen und sich mit innovativen Modellierungstechniken auseinandersetzen.

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Die Versicherungslücke wächst

Die sogenannten Sekundärgefahren, wie Überschwemmungen, Sturmfluten und Hagel, haben in den vergangenen Jahren den Großteil der versicherten Schäden aus Naturkatastrophen verursacht. Dies ist zum einen auf Folgen des Klimawandels zurückzuführen, zum anderen auf sozioökonomische Faktoren wie die fortschreitende Urbanisierung. Städte können lokale Wetterereignisse verstärken, wenn zum Beispiel hohe und dicht stehende Gebäude Wetterfronten blockieren und so vom Stadtzentrum wegleiten.

Die Trends, die wir heute sehen, sind nur die Spitze des Eisbergs: Klimawissenschaftler sind sich einig, dass unabhängig von globalen Maßnahmen zur Dekarbonisierung, extreme Wetterereignisse zumindest in den nächsten zehn Jahren zunehmen werden. Dies wird tiefgreifende Auswirkungen auf die Versicherungsbranche haben, insbesondere auf die Preisgestaltung, die Kapitalallokation und die  Nachfrage nach Produktinnovationen.

Weniger als ein Drittel der durch die Flutkatastrophe im vergangenen Jahr verursachten Schäden war von der Versicherung abgedeckt. Viele Privatpersonen und Unternehmen in Deutschland sind derzeit unterversichert – oftmals ungewollt. Gleichzeitig reagieren Versicherer und Rückversicherer auf dieses schwierige Umfeld mit höheren Prämien, Ausschlüssen und Selbstbehalten. Es ist zu erwarten, dass die Schutzlücke für solche Schäden sich weiter vergrößern wird.

Ohne eine koordinierte Anstrengung der Versicherer kann der Klimawandel zu einem inakzeptablen Maß an nicht versicherbaren Risiken führen. Die aktuelle Situation birgt für die Branche eine Verantwortung gegenüber ihren Kunden, aber auch eine wirtschaftliche Chance. Mit den richtigen Investitionen können Versicherer Lösungen für den Risikotransfer finden und aktiv auf die Entwicklung des Marktes reagieren, um die Schutzlücke zu schließen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Versicherungsbranche als Ganzes an Relevanz verliert. Der Lösungsansatz besteht darin, die Risiken für Naturkatastrophen im Detail zu evaluieren und Daten bestmöglich zu nutzen, um geeignete Produkte zu entwickeln.

Neue Datenquellen erschließen

Auf dem Weg zu einer besseren Abdeckung dieser Versicherungsschäden gibt es zwei Herausforderungen. Zum einen sind die Versicherer von historischen Schadendaten und traditionellen Risikomodellen abhängig, die jedoch zur Bewertung künftiger Klimarisiken nicht ausreichend sind; so sind beispielsweise neue Faktoren wie die demografische Entwicklung oder veränderte Bauvorschriften von wachsender Bedeutung für die Bewertung von Immobilienrisiken.

Die zweite Herausforderung ist der Mangel an granularen Daten, die für ein besseres Verständnis sekundärer Gefahren erforderlich sind. Ein Beispiel: Eine Überschwemmung oder ein Hagelgewitter können ein Gebäude beschädigen, während das Nachbargebäude unversehrt bleibt. Hier können Informationen für die Vorhersage von Schäden hilfreich sein, die derzeit oft nicht zugänglich sind, wie zum Beispiel zur Bausubstanz oder zur Lage des Gebäudes.

Um solche granularen Daten zu erheben, müssen Versicherer neue Modellierungstechniken einführen, die es ermöglichen, die Auswirkungen der sich ändernden Wettermuster auf Eigentum und Infrastruktur zu überwachen. Dies wird zu einem besseren Verständnis der Risikoselektion im Zusammenhang mit sekundären Gefahren beitragen.

Es gibt drei Punkte, die Versicherer im Hinblick auf ihre Datenstrategie berücksichtigen sollten, um von fortschrittlichen Methoden zur Risikobewertung zu profitieren:

1) Vorhandene Daten optimal nutzen

Es existieren große Datenmengen, die ein besseres Verständnis der wirtschaftlichen Risiken, die von sekundären Gefahren ausgehen, liefern können. Allerdings wird nur ein sehr kleiner Teil dieser Daten bereits von den Versicherern genutzt. Viele Datensätze sind unzugänglich, unvollständig oder veraltet. In einigen Fällen mangelt es schlicht an Untersuchungen über die Relevanz der Daten zur Schadenprognose.

Die Analyse von Luftbildern, welche die Lage eines Gebäudes oder den Zustand des Dachs dokumentieren, kann zum Beispiel wertvolle Hinweise auf Risiken liefern, die durch Wetterereignisse entstehen könnten. Anbieter von Lösungen zur Geodatenanalyse sammeln in regelmäßigen Intervallen Geodaten und -bilder mit Satelliten oder Flugzeugen. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz lassen sich strukturierte Daten extrahieren. Die Integration einer Lösung zur Geodatenanalyse in eine IT-Plattform ermöglicht Versicherern, Risiken profitabel zu berechnen oder im besten Falle sogar zu vermeiden.

2) In neue Datentypen investieren

Im Umgang mit klimabezogenen Risiken wird der Zugang zu Echtzeit- und vorausschauenden Daten für das umfassende Verständnis von sekundären Gefahren entscheidend sein. So können beispielsweise Drohnen- und Satellitenbilder, die den aktuellen Zustand einer Immobilie dokumentieren, durch vorausschauende Indikatoren ergänzt werden.

Für die Bewertung des Risikos kann zum Beispiel von Bedeutung sein, ob das Dach eines Gebäudes von einem professionellen Anbieter gedeckt wurde oder wie oft Strom- und Wasserinstallationen gewartet werden. Die Kombination dieser Erkenntnisse mit traditionellen Überlegungen zur Preisgestaltung kann die Genauigkeit der Risikotarife signifikant verbessern und den Versicherern das Vertrauen geben, Produkte jenseits etablierter Risikomodelle zu entwickeln.

3) End-to-End-Infrastruktur für höhere Agilität

Die IT-Systeme der Versicherer müssen flexibel und cloudbasiert sein, damit sich große Datenmengen möglichst in Echtzeit erfassen und verarbeiten lassen. Smart-Loop-Systeme können helfen, diese Herausforderung zu meistern. Diese Systeme standardisieren die Kernelemente der Datensammlung und -aufbereitung, den Aufbau, die Implementierung und die Pflege von Analysemodellen sowie den Einsatz von Business-Intelligence-Tools. Dadurch lassen sich die Implementierungszeiten neuer Modelle verkürzen. Einer der größten Vorteile für Versicherer, die Klimatrends überwachen, liegt darin, dass diese Systeme die Analysemodelle kontinuierlich testen und mit den neuesten Daten aktualisieren.

In die Zukunft investieren

Der Klimawandel ist ein wichtiges Beispiel für den Stellenwert einer innovativen Datenstrategie für Versicherer. Die Verringerung der Schutzlücke bei Naturkatastrophen ist eine große Herausforderung, aber selbst kleine Verbesserungen können bereits eine große Wirkung erzielen. Nach Angaben von Lloyd’s könnte eine Erhöhung des Versicherungsschutzes um ein Prozent die weltweiten Kosten von klimabedingten Katastrophen für Steuerzahler und Regierungen um 22 Prozent reduzieren. Die Versicherer müssen jetzt handeln und die erforderlichen Investitionen tätigen, um ihren Kunden ausreichenden Schutz bieten zu können.

Über den Autor

René Schoenauer ist Direktor Produktmarketing EMEA beim Software-Anbieter Guidewire.

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