Vorsorge

Pflegeversicherung für Spätentschlossene – lohnt sich das?

Professionelle Pflege geht kräftig ins Geld. Die Pflegezusatzversicherung hilft dabei, die Kosten zu tragen. Doch können auch Spätentschlossene jenseits der 60 noch einen Vertrag abschließen und sich vor hohen Pflegekosten im Alter schützen?
© Sherry/Freepik
Die Kosten für die pflegerische Versorgung steigen in Deutschland.

Ab und zu mal ins Theater gehen, Kaffeekränzchen mit den Freundinnen – und das studierende Patenkind mit ein paar Euro unterstützen: So hat sich Elke Fricke ihre letzten Lebensjahre vorgestellt. Doch ihre bescheidenen Pläne fürs Alter haben sich zerschlagen. Seit sie vor zwei Jahren ins Pflegeheim kam, reicht ihr Geld nicht einmal mehr aus, um die laufenden Kosten zu decken.

Die Einkünfte der 79-Jährigen sind zu gering, um Unterkunft, Essen im Heim und vor allem die Pflege nach Pflegegrad 3 zu bezahlen. Und das, obwohl sie mit zwei Renten finanziell noch weit besser dasteht als viele Gleichaltrige. Trotz der Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung muss sie jeden Monat an ihr Erspartes gehen, um über die Runden zu kommen. „Inzwischen ist fast nichts mehr da“, sagt die Braunschweigerin. „Nächstes Jahr brauche ich wohl Hilfe vom Sozialamt oder von meinen Kindern.“ Theater, die Hilfe fürs Patenkind – nicht mehr drin.

Dabei ging es Elke Fricke finanziell immer gut. Auch ihre Alterseinkünfte fallen mit etwa 2.000 Euro monatlich um rund 400 Euro höher aus bei einem Durchschnittsrentner. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass es für sie im Alter finanziell einmal eng werden könnte. Darum hat sie auch nicht über einen zusätzlichen Schutz für den Pflegefall nachgedacht.

Damit steht sie in Deutschland nicht allein da. Obwohl jeder zweite Mann und jede dritte Frau im Laufe des Lebens pflegebedürftig wird, hat sich die Mehrheit der Deutschen bislang noch nicht mit der finanziellen Absicherung im Pflegefall beschäftigt. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov im Auftrag des Versicherers Axa gaben im Juni lediglich 49 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer an, sich schon einmal mit der eigenen Pflege beschäftigt zu haben. Alle anderen schieben unangenehme Themen wie Alter, Pflege und Heimunterbringung lieber gedanklich beiseite.

Trügerische Sicherheit

Mario Hanowski, Produktverantwortlicher für Zusatz- und Pflegeversicherungen bei der Axa, kennt das Problem. „Die Beschäftigung mit dem Älterwerden und seinen Auswirkungen fällt den meisten von uns schwer. Viele Menschen wiegen sich zudem in trügerischer Sicherheit. Sie bauen darauf, dass man in Deutschland im Pflegefall gut versorgt wird.“ Und mehr noch hoffen sie, dass sie gar nicht erst zum Pflegefall werden.

Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Aktuell sind in Deutschland rund 4,1 Millionen Menschen pflegebedürftig. Bis 2050 wird ihre Zahl nach Schätzungen um knapp 60 Prozent auf 6,5 Millionen steigen. Eine Folge des demografischen Wandels: Wir werden immer älter, und mit dem Alter kommen die Gebrechen – und für viele schließlich die Pflege.

Und damit auch die finanziellen Schwierigkeiten. Denn die Leistungen aus der Pflegepflichtversicherung decken nur einen Teil der tatsächlich entstehenden Pflegekosten ab. Übrig bleibt der pflegebedingte Eigenanteil, den Pflegebedürftige aus eigener Tasche zahlen müssen. „Gerade eine länger andauernde, professionelle Pflege ist sehr kostspielig“, warnt Thorsten Bohrmann, Senior Versicherungsanalyst beim unabhängigen Analysehaus Morgen & Morgen. „Wer hier nicht eine große Lücke in der Absicherung riskieren möchte, kommt um eine private Zusatzversicherung kaum herum.“ Auch staatliche Zuschüsse zum pflegebedingten Eigenanteil, deren Höhe sich danach richtet, wie lange jemand schon im Heim lebt, ändern nicht viel daran.

Die drohende Pflegelücke lässt sich im Wesentlichen mit einem der folgenden Produkte schließen: Bei der Pflegetagegeldversicherung können Versicherte die Höhe des Tagegeldes für jeden Pflegegrad meist frei wählen. Im Pflegefall wird das Tagegeld unabhängig davon ausgezahlt, ob es tatsächlich für die Pflege oder andere Dinge verwendet wird.

Die Pflegekostenversicherung kommt nur für tatsächlich entstandene und nachgewiesene Pflegekosten auf. Die Leistungen sind an den konkreten Pflegezweck gebunden. Für den Fall der Pflegebedürftigkeit zahlt der Versicherer bei der Pflegerentenversicherung schließlich eine festgelegte Pflegerente, die sich am Pflegegrad orientiert. Das Geld ist nicht zweckgebunden, also frei verfügbar.

Pflegetagegeld ist meist erste Wahl

In den meisten Fällen ist die Pflegetagegeldversicherung erste Wahl zur finanziellen Absicherung des Pflegerisikos. „Sie ist klar vorne, was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht“, bestätigt Experte Bohrmann. Ein weiterer Vorteil der Pflegetagegeldversicherung bestehe darin, dass jeder Versicherte bei Vertragsabschluss selbst entscheiden könne, ob er seine monatliche Pflegelücke ganz oder nur teilweise schließen wolle.

Grundsätzlich empfehlen Experten, möglichst früh in eine private Pflegeversicherung zu investieren. Denn es sind nicht immer nur die Alten, die zum Pflegefall werden. Durch Unfall oder Krankheit kann es auch junge Menschen treffen. Es hat aber noch weitere Vorteile, schon in jungen Jahren privat für die Pflege vorzusorgen. „Man vermeidet mögliche Ausschlüsse oder Zuschläge aufgrund von Vorerkrankungen, die in fortgeschrittenem Alter oftmals auftreten, und profitiert gleichzeitig von günstigeren Beiträgen“, sagt Axa-Experte Hanowski.

Pflegezusatz auch für Ältere sinnvoll

Doch welche Vorsorgeoptionen bleiben Spätentschlossenen jenseits des 50. oder 60. Lebensjahres? Gerade dieser Altersgruppe raten Verbraucherschützer zur privaten Pflegeversicherung, sofern der Beitrag im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten liegt. Die Prämie richtet sich nach den vereinbarten Versicherungsleistungen und dem Lebensalter bei Vertragsabschluss. Im Vergleich zu einem 30-Jährigen zahlt ein 60-Jähriger für die gleiche Leistung ungefähr einen um den Faktor 3 höheren Beitrag.

„Dennoch ist der Abschluss einer Pflegezusatzversicherung auch für ältere Menschen sinnvoll“, sagt Mario Hanowski. Der wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium fordert gar eine verpflichtende private Pflegeversicherung für alle, um die drohende Pflegelücke zu schließen. Denn insbesondere die stationäre Versorgung im Heim ist sehr teuer. Nach Abzug der Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung mussten Bedürftige laut dem Verband der Ersatzkassen Anfang 2022 durchschnittlich einen Eigenanteil von monatlich 912 Euro tragen. In extremen Fällen können dem Pflegebedürftigen bei einer vollstationären Pflege sogar mehr als 2.400 Euro im Monat fehlen, haben Thorsten Bohrmann und seine Kollegen errechnet – das Pflegeheim als Armutsfalle.

Zumal zum pflegebedingten Eigenanteil weitere Kosten hinzukommen, darunter für Heimunterbringung und Verpflegung. Auch die Kosten für die Ausbildung von Fachkräften sowie Investitionskosten für das Gebäude und seine Ausstattung legen die Betreiber auf die Heimbewohner um.

Neben diesen Kosten müssen Betroffene auch die Versorgungslücke in der Pflege stopfen. Und zwar mit ihrem Vermögen, inklusive vorhandener Immobilien. Maximal 5.000 Euro Erspartes bleiben unangetastet. „Danach werden die Kinder über den Elternunterhalt finanziell herangezogen, falls ihr jährliches Bruttoeinkommen über 100.000 Euro liegt“, so Bohrmann. Liegen die Einkünfte darunter, springt die Grundsicherung ein und übernimmt den Eigenanteil.

Angesichts der drohenden Kosten zahlt sich selbst ein später Einstieg in die private Vorsorge im Fall der Pflegebedürftigkeit schnell aus. Wer die relativ hohe Versicherungsprämie im fortgeschrittenen Alter nicht tragen kann, hat etwa die Möglichkeit, Leistungen erst ab Pflegegrad 3 oder 4 zu vereinbaren und so den Beitrag zu drücken.

Pflege-Bahr als mögliche Alternative

Eine weitere Alternative bietet der Pflege-Bahr. Der nach Ex-Gesundheitsminister Daniel Bahr benannte Tarif beinhaltet einen jährlichen staatlichen Beitragszuschuss in Höhe von 60 Euro. „Zwar sind die Leistungen bei diesen Verträgen stark eingeschränkt, und es darf bei Vertragsabschluss noch kein Pflegegrad festgestellt worden sein. Aber Versicherte müssen keine Gesundheitsfragen beantworten“, so Experte Bohrmann.

Weitere gute Nachricht für Spätentschlossene: Versicherer gewähren in der Regel auch älteren Neukunden Zugang zur privaten Pflegeversicherung. „Selbst jenseits des 65. Lebensjahres sind Altersausschlüsse selten“, bestätigt Bohrmann. Allerdings müssen Ältere Gesundheitsfragen beantworten und bei einigen Versicherern einem Gesundheits-Check zustimmen. Das Ergebnis entscheidet darüber, zu welchen Konditionen ein Antragsteller Versicherungsschutz bekommt.

Höhere Kosten von allen Seiten

Von der höheren Prämie sollten sich Ältere nicht gleich abschrecken lassen, sondern in Ruhe durchrechnen, ob der Beitrag finanzierbar ist. Tendenziell wird der Eigenanteil an der Pflege weiter steigen. Denn sie wird immer teurer. Seit September gilt das Tariftreuegesetz, wonach nur noch die Pflegeanbieter mit den Krankenkassen abrechnen dürfen, die ihre Beschäftigten nach Tarif oder in Anlehnung an den Tarif bezahlen. Nach Einschätzungen des Bremer Gesundheitsökonomen Heinz Rothgang wird diese Regelung zunächst vor allem die Leistungen der Pflegeanbieter erheblich verteuern, die bislang noch nicht nach Tarif bezahlt haben.

Von Mitte 2023 an gilt zudem ein höherer, bundeseinheitlicher Personalschlüssel für Pflegeheime, der die Kosten für die stationäre Pflege weiter nach oben treiben dürfte. Zusätzlich verteuert die aktuell hohe Inflation auch die Lebenshaltungskosten Pflegebedürftiger und langfristig auch die ambulante und stationäre Pflege. Es gibt also viele gute Gründe, das Thema private Pflegeversicherung auch jenseits der 60 anzugehen.

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Autor

Jens

Lehmann

Jens Lehmann ist diplomierter Publizist und Betriebswirt und arbeitet als freier Journalist und Autor in Hamburg. Er ist thematisch auf Wirtschafts-, Finanz- und Mobilitätsthemen spezialisiert. Seine Beiträge erscheinen in Publikationen großer Zeitungsverlage, Unternehmensveröffentlichungen sowie bei Pfefferminzia.

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2 Antworten

  1. Die Lobbyarbeit der Versicherer funktioniert wie immer hervorragend und wird in den entsprechenden Fachpublikationen ungeprüft übernommen. Ich kenne ausländische Investoren, die als Privatperson inzwischen mehrere Senioren-/Altenheime in Deutschland gekauft haben und von Eigenkapitalrenditen zwischen 25-30% schwärmen. Warum ist dieser „Markt“ auch bei den Hedgefonds so beliebt? Finde den Fehler!!
    Warum muß unsere Gesundheit und die unserer Angehörigen dazu herhalten, exorbitante Gewinn zu erzielen?
    Diejenigen, die das täglich ermöglichen (Pflegepersonal) haben nichts davon, außer Streß, Verzweiflung, teilweise Wut über die Zustände und natürlich gesundheitliche Beschwerden. Unser Gesundheitssystem war mal eines der Besten. Inzwischen kann man nur noch verzweifeln an den Umständen und Gegebenheiten. Alle bedienen sich, sei es bei Maskendeals, exorbitante Preissteigerungen bei Impfstoffen und natürlich müssen die Hedgefonds ihre Investoren befriedigen.
    Wirtschaft kann alles besser? Mitnichten, vor allem hat sie im Gesundheitswesen nichts verloren. Ich will meine Gesundheit eigentlich nicht vom Gewinnstreben einer anonymen Fondsgesellschaft abhängig machen.

  2. Leider ist der Bericht nur ausgelegt auf die hohen Kosten. Die exorbitanten Beitragserhöhungen der Tarife in der privaten Pflegeversicherung wird hier nicht erwähnt. Bin sehr jung in eine private Pflegeversicherung eingestiegen und zahle heute schon monatlich für meine Frau und mich 250Euro . Die Beitragsanpassungen werden aber weiter zunehmen. Ein Konzept die Beiträge finanzierbar zu halten haben die privaten Krankenversicherungen nicht.

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