Verkehrte Welt

Ausgerechnet die Investmentbranche drängt auf höhere Zinsen

Wer hätte das gedacht? Am Donnerstag tagt die EZB, und ausgerechnet Investmenthäuser trommeln dafür, dass sie etwas gegen die Inflation tut und die Zinsen erhöht. Ganz uneigennützig ist dieser Gesinnungswandel aber auch nicht.
EZB-Chefin Christine Lagarde: Wann erhöht sie die Zinsen?
© picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Markus Schreiber
EZB-Chefin Christine Lagarde: Wann erhöht sie die Zinsen?

Der Begriff „Gezeitenwende“ ist ohne Frage reichlich überstrapaziert. Zurzeit scheint er jedoch ausnahmsweise mal angebracht. Anders lässt es sich nicht erklären, dass die Investmentbranche höhere Leitzinsen und eine zupackende Europäische Zentralbank (EZB) anmahnt. Ausgerechnet jene Branche, die über stetig sinkende Zinsen und damit aufgepumpte Aktienkurse über Jahrzehnte quasi ein Sonderkonjunkturprogramm erfahren hat.

Doch jetzt geht sie mit der zögernden EZB etwas härter ins Gericht. „In Anbetracht einer Inflationsentwicklung, die seit vielen Monaten deutlich über allen Erwartungen liegt, wäre unserer Meinung nach eine erste Zinserhöhung bereits im Juni angemessen“, drängt beispielsweise Michael Weidner, Leiter für europäische Anleihen bei Lazard Asset Management Deutschland. Und auch das Strategieteam von J.P. Morgan Asset Management lässt in einer Analyse verlauten: „Ein negativer Leitzins erscheint in diesem wirtschaftlichen Umfeld nicht mehr angemessen.“

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Um 8,1 Prozent stiegen die Preise in der Eurozone im Mai im Vergleich zum Vorjahr. Einen so hohen Wert gab es in Zeiten des Euro noch nie. Und obwohl es laut Statut ihr vorrangiges Ziel ist „die Preisstabilität zu gewährleisten“, tut die EZB bislang: nichts. Der Leitzins, zu dem sich Banken für eine Woche Geld leihen dürfen, liegt nach wie vor bei null. Und wenn sie über Nacht Geld bei der EZB parken, müssen sie weiterhin einen Strafzins von 0,5 Prozent zahlen. Laut Bundesbank lag der sogenannte reale Zins (Zins minus Inflation) für Bankeinlagen mit zwei Jahren Laufzeit Ende April in Deutschland bei minus 6,5 Prozent. So tief wie nie zuvor.

Passt das alles noch in diese Zeit? Offenbar nicht. Im Gegenteil: „Je länger die aktuell hohe Inflation andauert und geldpolitisch unbeantwortet bleibt, desto schwieriger wird es für die EZB, die notwendige geldpolitische Kehrtwende durch Zinserhöhungen umzusetzen“, sagt Weidner.

Erstmal Käufe beenden …

Doch nach krassen Aktionen riecht es in Frankfurt eher nicht. So schnell die Zentralbanker in Krisen stets den Zins nach unten drückten, so bedächtig verhalten sie sich jetzt. Für die Sitzung am morgigen Donnerstag erwarten Marktteilnehmer lediglich, dass sie damit aufhören, Staatsanleihen zu kaufen. Einen ersten Zinsschritt könnte es dann im Juli geben und im Herbst einen Einlagezins von zumindest nicht mehr unter null.

 

„Dies passt zur EZB-Strategie der vergangenen Monate: dem Beschäftigungsziel Vorrang vor dem eigentlichen Ziel der Preisstabilität zu gewähren, in der Hoffnung, dass ein großer Teil der Inflation vorübergehenden Charakter hat“, schimpft Matthias Jörss, Chefvolkswirt bei der Investmentgesellschaft Salytic Invest.

Doch dass die Inflation einfach so wieder geht, erwartet inzwischen kaum noch jemand. „Die Zahlen legen nahe, dass mit einem schnellen Rückgang der Inflationsraten nicht zu rechnen ist, da der Preisauftrieb in den letzten Monaten deutlich an Breite gewonnen hat“, sagt Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei der DWS. Obwohl sich die Lohnsteigerungen noch in Grenzen halten, sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Forderungen nach Inflationsausgleich in den Lohnabschlüssen niederschlagen.

Seite 2: Warum Investmenthäuser plötzlich steigende Zinsen mögen

Heißt auf Deutsch: Die hohen Preise treiben dann auch die Löhne, und die gefürchtete Lohn-Preis-Spirale entsteht. Gerade wenn der Arbeitsmarkt so leergefegt ist wie heute. Matthias Jörss sieht darin eine Gefahr: „Die Historie zeigt: Je später man Inflation bekämpft, desto mehr muss man auch die Inflationsmentalität bekämpfen und desto ausgeprägter wird der Abschwung.“

Der nette Nebeneffekt steigender Zinsen

Und genau dort dürfte der Grund liegen, warum die Investmentbranche inzwischen derart auf steigende Zinsen aus ist. Anstelle einer wirklich heftigen Rezession nebst Jahrhundert-Aktiencrash bevorzugt sie lieber einen moderaten Abschwung, der alles ein bisschen bereinigt, dann aber zügig seinen Boden findet. Dass vor allem aufgeblähte Hightech-Aktien derzeit viel an Wert verlieren, geht durchaus noch als Teil einer solchen gesunden Bereinigung durch.

Angenehmer Nebeneffekt: Wenn Anleihen wieder zählbare Renditen über Inflationsniveau abwerfen, gehen Anleger auch mal wieder dorthin. Zuletzt hatte die Branche verstärkt Abflüsse aus Rentenfonds verzeichnet. Der Markt war für normale Anleger einfach zu heiß und uninteressant geworden. Das könnte wieder drehen, sobald Risiken wieder angemessen bezahlt werden.

Der neutrale Zins reicht nicht aus

Wie weit die Zinsreise in diesem Jahr geht, lässt sich noch nicht sagen. Die EZB will die Wirtschaft nicht durch zu schnelle Zinsschritte abwürgen. Außerdem muss sie aufpassen, dass hoch verschuldete Euroländer wie Italien ihre Zinsen noch weiter bezahlen können. Deshalb legt sie sich nicht fest und schaut lieber auf ihre Daten. Die Volkswirtin Roxane Spitznagel von der Fondsgesellschaft Vanguard rechnet mit um 1,0 oder gar 1,25 Prozentpunkte steigenden Zinsen noch in diesem Jahr. Bis Ende 2023 könnte es auf 2,5 Prozent gehen.

Die sogenannte neutrale Rate liegt laut Experten aktuell bei 1,5 Prozent. Das wäre dann der Satz, der weder bremst noch stimuliert. Dieses Niveau reicht im aktuellen Umfeld aber nicht aus.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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