Riester-Fehler nicht wiederholen

Wirtschaftsweise: Wie die Frühstart-Rente gelingen könnte

Die Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier hat bekanntgegeben, wie sie sich eine gute Frühstart-Rente vorstellt. Dabei warnt sie vor Fehlern, die bei der Riester-Rente gemacht wurden. Nach dem Motto „Der Zweck heiligt die Mittel“ würde sie trotzdem gern erstaunlich viel vom Staat erledigen lassen.
Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung)
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Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung)

Ökonomen können sich offensichtlich sehr für die Frühstart-Rente erwärmen, die die Regierung auf den Weg bringen will (die Idee erklären wir hier). Das lässt ein Arbeitspapier aus dem Hause des „Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ durchblicken. Dieser Rat ist besser bekannt unter dem Titel: „Die fünf Wirtschaftsweisen“.

Verfasst haben das Papier Ratsmitglied Ulrike Malmendier sowie Claudia Schaffranka und Milena Schwarz aus dem Wissenschaftlichen Stab. Sie stellen fest, dass die Frühstart-Rente tatsächlich „einen neuen Weg in der Altersvorsorge“ einschlagen und „eine ganze Generation frühzeitig an den Kapitalmarkt heranführen“ kann.

„Positive Erfahrungen mit dem Kapitalmarkt können das Anlageverhalten über Jahrzehnte prägen, die Aktienkultur in Deutschland stärken und damit langfristig auch die Eigenverantwortung in der Vorsorge erhöhen“, schreiben sie. Die Wirtschaftsweisen klingen regelrecht euphorisch.

Doch es gibt ein großes Aber: Denn … salopp ausgedrückt … darf die Regierung die gute Idee nicht durch ein schlechtes Konzept in den Sand setzen. Die drei Autorinnen erinnern in dieser Hinsicht an die Riester-Rente, bei der genau das passiert ist. Weshalb sie vier Punkte zur Pflicht erklären:

  • bürokratiearm umsetzen
  • automatische Teilnahme
  • renditestarke und kostengünstige Produkte
  • ein transparentes Standardprodukt

Wichtig sei außerdem, die Frühstart-Rente an die reformierte geförderte private Altersvorsorge (eben jene Riester-Rente) anzubinden. Dann können die jungen Erwachsenen aus der Frühstart-Rente nahtlos in die weitere geförderte Altersvorsorge hinübergleiten. Und zwar automatisch, was ganz wichtig ist. Ideen in diese Richtung gibt es bereits, wie wir berichteten.

Das alles sollte die Bildungspolitik begleiten. Sie soll zu geeigneten Zeitpunkten Kindern, aber auch deren Eltern Finanzkenntnisse verschaffen. Bei den Kindern kann das in der Schule geschehen, bei den Eltern über spezielle Kurse.

Vor allem der Punkt mit den Produkten scheint die Wirtschaftsweisen umzutreiben, denn sie schreiben unmissverständlich: „Zu viel Auswahl überfordert Familien, die Auswahl sollte daher auf einfache, kostengünstige und renditeträchtige Produkte beschränkt werden. Wichtiger als der Lerneffekt durch eine große Auswahl ist die Erfahrung mit einem guten Kapitalmarktprodukt.“

Das wiederum dürfte der Investmentbranche nicht sonderlich schmecken. Sie lehnt zentrale (vor allem staatliche) Standardprodukte grundsätzlich ab und setzt auf den Wettbewerb im freien Markt. Der wäre dann aber eingeschränkt.

In ihrem Papier werden die Ökonominnen äußerst konkret und verweisen dabei auf Erfolgsmodelle in anderen Ländern. Sie zeigen, dass Opt-out (Abwahlmöglichkeit) immer mehr Zugkraft hat als Opt-in (freiwillige Teilnahme). Weshalb man alle Kinder zwischen 6 und 18 Jahren automatisch erfassen und es nicht den Eltern überlassen sollte.

Um das aber hinzubekommen, sind neue Gesetze auf Länderebene nötig. Denn nicht überall gibt es Schülerdatenbanken. Und anschließend muss man die Daten von dort zur auszahlenden Behörde bringen – was in Deutschland offenbar nicht ganz einfach ist. Außerdem ist noch zu klären, wie man mit Kindern umgeht, die erst mit sieben Jahren eingeschult werden oder mit 17 Jahren die Schule verlassen.

Seite 2: Wie geeignete Produkte aussehen sollten

Am Ende ist es sehr kompliziert. Deshalb sollte man die Frühstart-Rente nicht an den Schulbesuch, sondern ans Kindergeld koppeln, schlagen die Wirtschaftsweisen vor. Dann wären wirklich fast alle Kinder mit dabei.

Die Produkte

Kapitalgarantien lehnen die Wirtschaftsweisen angesichts der Laufzeit über mehrere Jahrzehnte als unnötig, teuer und renditeschädlich ab. Ebenso auch Einzelaktien, wegen des zu hohen Klumpenrisikos. Stattdessen sollen zugelassene Fonds breit (möglichst global) gestreut sein und mit unterschiedlichen Aktienquoten verfügbar sein. Zum Beispiel 50, 75 und 100 Prozent. Und sie könnten auf die Risikoklassen 3, 4 und 5 begrenzt sein (Die gesamte Risikoskala reicht von 1 bis 7).

Insgesamt sollte die Auswahl klein bleiben. Um das zu erreichen, könnte man:

  • klare Kriterien festlegen, um Fonds zu zertifizieren oder
  • Fonds über ein Ausschreibungsmodell auswählen

Zu den Kriterien könnte übrigens auch eine Obergrenze für Gebühren gehören.

Doch wie könnte ein Standardprodukt aussehen? Die Autorinnen nennen nur wenige konkrete Eigenschaften:

  • niedrigschwellig, gut erklärbar, leicht verständlich
  • Aktienanteil bei 100 Prozent (damit die Rendite stimmt)

Sehr treffend heißt es dazu: „Eine sinnvolle Lösung, die von den Stärken beider Optionen profitiert, wäre es, das Standardprodukt als staatlich verwaltete kollektive Anlage zu organisieren und zusätzlich eine gewisse Anzahl Fonds von privaten Anbietern zuzulassen, die alternativ gewählt werden können.“

Überhaupt erzeugt das Papier einen interessanten Eindruck, den man von so einem Rat nicht erwarten würde: nämlich, dass der Staat hier ruhig mal machen darf. Zentrales Standardprodukt? Kein Problem. Zentral verwaltete kollektive Anlage während der Ansparphase? Auch okay. Angebot einschränken und Fonds zulassen? Ja, gerne. Und alle Kinder automatisch erfassen und einbeziehen. Das ist eine ganze Menge Staat.

Die größten Fehler im Konzept würden nämlich ganz woanders liegen: Wenn teure und schlechte Produkte die ersten Erfahrungen am Kapitalmarkt versauen. Wenn Kinder nicht mitmachen, weil ihre Eltern das für unnötig halten. Wenn Bürokratie das ganze Konzept erstickt. Alles Fehler, die in der Riester-Rente passiert sind – und hier nicht passieren sollen.

Hier geht es nicht darum, dass sich die Wirtschaft verwirklich soll oder die Fondsindustrie das große Geld macht. Hier soll eine Aktienkultur entstehen, und da muss man eben auch mal fünfe gerade sein lassen. Und auf das Folgegeschäft schauen. Denn wer mit Aktienfonds gute Erfahrungen gesammelt hat, bleibt meist dabei.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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