Longevity in der Altersvorsorge

„Langlebigkeit ist für Finanzdienstleister grundsätzlich positiv“

Martin Stenger, Vertriebsleiter für Versicherungs- und Altersvorsorgeprodukte bei Franklin Templeton und Stellvertreter des BVI-Ausschusses Altersvorsorge, über die demografische Dividende und wie Anleger von Lösungen für eine überalterte Gesellschaft profitieren können.
Martin Stenger, Director Sales, Business Development Insurance und Retirement Solutions – Germany, Austria und Switzerland bei Franklin Templeton, spricht über Kapitalmärkte 2025.
© Franklin Templeton
Martin Stenger ist Director Sales, Business Development Insurance & Retirement Solutions DACH bei Franklin Templeton.

Pfefferminzia: Sie haben in einem Vortrag im Rahmen der Maklerfortbildung Future Ready den Begriff der demografischen Dividende präsentiert. Was steckt dahinter? 

Martin Stenger: Wir suchen stets Länder, Regionen, Wirtschaftsebenen, wo wir noch Wachstum für den Vermögensaufbau generieren können. Bei einer derart langen Laufzeit ist die demografische Situation relevant. Für die Bevölkerungsstruktur nach wirtschaftlicher Betrachtung haben wir den Begriff demografische Dividende eingeführt. Dafür teilen wir die Länder nach Risikomodellen auf. Wir schauen uns die Alterspyramide an, die bei uns eher einem Dönerspieß gleicht.

Sie haben vier verschiedene Typen definiert. Was kennzeichnet diese?  

Stenger: Ist das Land noch vor der demografischen Dividende, ist es auf dem Peak, kurz danach oder weit danach. Deutschland befindet sich wie China bereits nach der demografischen Dividende, denn durch den Babyboomer-Effekt scheiden viele Menschen   aus der erwerbstätigen Bevölkerung aus. Es kommen zu wenige nach, daher diskutieren wir über Fachkräftemangel. Diese wirtschaftliche Schräglage kann eigentlich nur über Zuwanderung kurzfristig gelöst werden. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz kann hier zumindest abfedernd wirken. 

Wo liegt Deutschland bei der Finanzierung der Langlebigkeit im internationalen Vergleich? 

Stenger: Das ist ein spannender Punkt. Sie können die bloße Erlangung der Versorgungsleistung in Form von „Ich beziehe irgendwoher Geld“ betrachten. Da liegen wir im Mittelfeld. Sie können sie aber auch saldiert nach Gesundheitskosten und einen Schritt später noch nach Pflegekosten betrachten. Da liegen wir weiter hinten, zum Beispiel hinter Österreich. Hier setzt die aktuelle Rentendiskussion an – Stichwort Altersvorsorgedepot. Kanzler und Finanzminister sprechen mittlerweile vom ganzheitlichen Versorgungsniveau, nehmen also bewusst auch die betriebliche und die private Altersvorsorge mit in die Betrachtung. Damit werden die Schmerzen reduziert, wenn nur die gesetzliche Rente betrachtet wird. 

Sie stufen Langlebigkeit für Finanzdienstleister als grundsätzlich positiv ein. Warum?

Stenger: Weil Berater hier viel mehr gestalterisch in den Einsatz kommen. Die gesetzliche Rente ist nicht mehr der alles überragende Hauptfaktor. Und der Plan endet nicht plötzlich mit 67. Wir werden viel mehr Erwerbsbiografien sehen, wo Menschen übergangsweise weiterarbeiten und dann die Arbeitszeit langsam reduzieren. Dafür können unterschiedliche Cashflows für die unterschiedliche Finanzbedarfe geplant werden. Über die lange Laufzeit im Ruhestand kann ein Teil des Kapitals in einem risikoadjustierten Kontext weiter angelegt werden. Mit 80 Jahren nimmt vielleicht die Agilität ab und eine ganz andere Bedürfnisstruktur entsteht. Das kann ein Finanzcoach begleiten.

Das Risikoprofil bleibt also nicht gleich im Ruhestand? 

Stenger: Früher gingen Versicherungen immer davon aus, dass das Risiko zum Renteneintrittsalter bei null sein muss. In den USA haben sie in diesem Alter noch eine Aktienquote von 40 bis 45 Prozent. Je höher das Renditepotenzial durch Akzeptanz von renditeträchtigen Anlagen ist, desto mehr wird der Druck reduziert, bis Zeitpunkt X eine gewisse Summe erzielt zu haben. Die Frage für Berater ist: Wie kann die Langlebigkeit finanziell gestaltet werden? Wie kann sie genutzt werden, um die Zeitfenster besser zu definieren? 

Langlebigkeit ist auch Anlagethema. Wie können Anleger profitieren?

Stenger: Reine Langlebigkeitsfonds kenne ich noch keine, aber Fonds, die auf damit verbundene Trends setzen, zum Beispiel im Healthcare- und Pflegebereich. Fragen Sie sich: Was sind die konsumträchtigen Angebote für diese Altersklasse? Generell sollten Sie eine ganzheitliche Betrachtung Ihrer finanziellen Biografie mit offenem Auge angehen und nicht eines Tages einfach aufhören, an den Kapitalmärkten zu partizipieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Rentenreform mit dem neuen Altersvorsorgedepot zu neuen Produkten führen wird, die dazu passen, dass wir die zweite Halbzeit des Lebens anders gestalten als bisher. Etwa mit Auszahlplänen, die weit über das 85. Lebensjahr hinausgehen können. 

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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