Risiko Langlebigkeit

„Wer keine Leibrente möchte, muss mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten“

Peter Schwark ist Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Wie blickt der Experte auf die aktuelle Rentendiskussion und die immer wichtiger werdende Absicherung des Langlebigkeitsrisikos?
Versicherungsberater in formeller Kleidung vor städtischer Skyline, professionelle Beratung.
© DIA
Peter Schwark ist Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA).

Pfefferminzia: Warum unterschätzen Menschen ihre Lebenserwartung systematisch?

Peter Schwark: Weil sie ihr eigenes Umfeld beobachten und wissen, wann ihre Großeltern und Urgroßeltern und vielleicht auch schon ihre Eltern gestorben sind. Das sind aber Erfahrungen, die als Mittelwert eine oder zwei Generationen zu alt sind. Statistisch haben wir für jede Generation eine Erhöhung der Lebenserwartung bei den Älteren um etwa drei Jahre. Das erklärt, warum viele um fünf bis sieben Jahre zu kurz schätzen. Es gibt noch einen anderen Grund, der in der Zeitungslektüre liegt.

Wie meinen Sie das?

Schwark: Es gibt unterschiedliche Sterbetafeln. Eine wird jährlich vom Statistischen Bundesamt publiziert und ist in den Medien sehr präsent, die Periodentafel. Die errechnet eigentlich keine Lebenserwartung, sondern ist eine Momentaufnahme der Sterblichkeitsverhältnisse in Deutschland, also eine Zusammenfassung aller Todesdaten. Darin sind keine Trends enthalten, also auch nicht dass, wenn ich als heute 30-Jähriger in 50 Jahren mit 80 ins Krankenhaus gehe, ich mit der Medizin des Jahres 2076 behandelt werde. Die dafür richtige Sterbetafel, die solche Trends mit einrechnet, ist die Generationentafel. Die wird aber nur alle drei Jahre veröffentlicht und ist daher öffentlich unterrepräsentiert.

Es gibt verschiedene Prognoserechner zum Lebensalter als Beratungshilfen. Wie funktionieren diese?

Schwark: Wir haben Einfluss auf unsere Lebenserwartung. Rauche ich oder nicht, trinke ich viel oder wenig Alkohol, esse ich viel rotes Fleisch, mache ich viel Sport? Das sind alles verhaltensorientierte Fragen, die im neuen Rechner des DIA gestellt werden. Dort können Sie konkret sehen, welche Auswirkungen es auf Ihre Lebenserwartung hat, wenn Sie sich ungesund verhalten. Das kann zu einer Verhaltensänderung anreizen. Es gibt auch noch andere Rechner, etwa vom GDV. Dort wird errechnet, mit welcher Wahrscheinlichkeit ich ein hohes Alter erreiche. Also, dass ich zum Beispiel mit 20 Prozent Wahrscheinlichkeit 93 werde.

Wie können Vermittler das in der Beratung nutzen?

Schwark: Jemand, der weiß, dass sein Haus mit 5 Prozent Wahrscheinlichkeit abbrennt, wird sich dagegen versichern. Ähnlich kann es mit der Altersabsicherung sein. Wenn Kunden sehen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie 95 Jahre alt werden, stellen sie sich die Frage, ob es nicht wichtig ist, auch dann noch über ausreichend Geld zu verfügen. Menschen möchten Schaden gerne vermeiden. Für ein erfolgreiches Beratungsgespräch sind derartige Tools im Sinne von Gamification und Interaktivität sehr hilfreich. Die Kunden begreifen, wie dass sie ihr Schicksal selbst beeinflussen können.

Wie lässt sich Langlebigkeit systematisch in der Ruhestandsplanung berücksichtigen?

Schwark: Letztendlich ist das finanzielle Langlebigkeitsrisiko eine sehr wichtige Größe. Wenn ich eine Leibrente abschließe, dann bin ich in einer Gemeinschaft, bei der es im Wesentlichen nur auf den Durchschnitt ankommt. Das Langlebigkeitsrisiko übernimmt der Versicherer. Wenn ich aber keine Leibrente möchte, muss ich mit Wahrscheinlichkeiten arbeiten. Dann muss ich überlegen, wie wahrscheinlich es ist, dass ich 90, 95 oder 99 Jahre alt werde. Und mit welcher Wahrscheinlichkeit fühle ich mich noch wohl mit dem Risiko, dass mir im Alter das Geld vorzeitig ausgeht. Wem eine wesentliche Einkommensquelle auf den letzten Metern des Lebens wegbricht, erfährt einen schweren Einbruch in die Lebensqualität, das ist oft auch eine Frage der persönlichen Würde.

Warum reichen viele Auszahlpläne – auch beim geplanten Altersvorsorgedepotnur bis zum 85. Lebensjahr?

Schwark: Ich gehe davon aus, dass es diese Auszahlpläne auch für Alter größer als 85 geben wird. Es geht ja darum, wie lange das Geld reichen soll. Und: Hat der Kunde ein Vererbungsmotiv? Daraus sollte dann im Beratungsgespräch ein bestimmtes Endalter für den Auszahlplan herauskommen, wenn keine Leibrente gewählt wird. Der Vermittler kann im Beratungsgespräch dann beispielsweise eine Art Schieberegler nutzen und je nach Endalter des Plans die jeweilige Auszahlrate berechnen. Eine Leibrente ist oft die sicherere Alternative, besonders attraktiv für Kunden, die keine Erben haben.

Wie stehen Sie zur möglichen Erhöhung des Renteneintrittsalters?

Schwark: Perspektivisch muss das kommen. Ich finde es überraschend, wenn sich auch heutige Rentner von der Frage so betroffen fühlen. Dabei geht es um mich, um uns, die Babyboomer. Das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln wie in Dänemark, ist ein sehr smarter Ansatz. Er vermeidet, eine konkrete Zahl in den Raum zu stellen, denn das wird oft als Schreckensszenario verwendet. Nur, wer ein Jahr länger lebt, dem kann doch zugemutet werden, davon zwei Drittel länger zu arbeiten und sich nur für ein Drittel von anderen eine längere Rente zahlen zu lassen. Anders betrachtet: Der Arbeitsplatz ist meist ein wichtiger Teil des sozialen Lebens. Wenn wir alle länger arbeiten, weil wir eine positive Entwicklung bei der Lebenserwartung haben, dann können wir auch eine anhaltend hohe Lebenszufriedenheit haben.

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Autor

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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