Kursverluste und EZB-Kritik

Wie vier Versicherer mit der Zinswende umgehen

Die Zinswende hat Renditen steigen und Anleihekurse fallen lassen. Und die Zentralbank hat sich nun doch aufgemacht, der Inflation entgegenzutreten. Wie gehen Versicherer damit um? Wir haben nachgefragt und einige Auskünfte erhalten.
EZB-Chefin Christine Lagarde im November 2019 mit 20 Euro
© picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst
EZB-Chefin Christine Lagarde im November 2019 mit 20 Euro: Dessen Kaufkraft lag Ende Juni 2022 unter 18 Euro

Eine Abfrage bei vier Versicherern zeigt, wie sehr diese mit der Europäischen Zentralbank (EZB) hadern. Berücksichtigt man noch die normalerweise vorhandene professionelle Höflichkeit, ergeben sich recht deutliche Worte. Zum Beispiel von der Signal Iduna. Dort stellt man einerseits auf Anfrage von Pfefferminzia klar: „Die Eindämmung der Inflation ist eine Kernaufgabe der Zentralbanken.“ Doch sofort schiebt man nach, dass die EZB eben diese vornehme Aufgabe lange vernachlässigt hat, „in der Hoffnung, dass sich die aufkommende Inflation auch ohne Eingriffe wieder verflüchtigen werde“.

Ähnlich reserviert fällt das Urteil bei der HDI-Gruppe aus. So teilt ein Sprecher auf Anfrage von Pfefferminzia mit: „Sie [die EZB] hat einerseits in ihren Inflationsprognosen die tatsächliche Entwicklung mehr als einmal unterschätzt. Andererseits hat sie Zweifel geweckt, inwieweit das Mandat der Geldwertstabilität tatsächlich im Mittelpunkt steht oder ob auch eine eigentlich untersagte Staatsfinanzierung beabsichtigt wurde.“

Bei der Bayerischen sieht man die EZB deshalb in einem Dilemma: „Sie will die Zinsen eigentlich nicht erhöhen, um die Risikotragfähigkeit der Staaten und damit ihre eigene Existenz nicht zu gefährden“, heißt es von dort. Weshalb man folgendes annimmt: „Die EZB muss die Zinsen erhöhen, wird das aber nur soweit machen wie die eigene Forward Guidance zur Inflation das erzwingt.“

2024 nur noch 2,1 Prozent Inflation?

Und in dieser Hinsicht zeigen sich die Zentralbanker offenbar recht entspannt. Zwar rechnen sie für dieses Jahr mit 6,8 Prozent Inflation, für 2023 aber schon mit 3,5 Prozent und 2024 nur noch mit 2,1 Prozent. Da muss man doch gar nicht allzu stark eingreifen, oder?

Doch egal, wie weit sich die Zentralbank nach ihrem Zinsschritt um einen halben Prozentpunkt im Juli nun weiter bewegt – am Anleihemarkt ist die Zinswende bereits angekommen. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe liegt dauerhaft über null. Zurzeit sind es schier unglaubliche 0,88 Prozent. Allerdings greift wie immer die Regel, dass Anleihekurse sinken, wenn die Renditen steigen (mehr dazu erfahren Sie hier). Gemessen am Anleihe-Index Rexp verloren Bundesanleihen in der ersten Hälfte des Jahres über 7 Prozent an Wert.

Wie viel das ausmacht, dabei lassen sich die angefragten Unternehmen nicht so richtig in die Karten gucken. Teils zu Recht, wie die Signal Iduna beispielsweise darlegt: „Unsere Kapitalanlagestrategie orientiert sich im Schwerpunkt an den versicherungstechnischen Verpflichtungen.“ Von sämtlichen Geldanlagen des Konzerns liegen 82 Prozent in Anleihen, und die vorherige Aussage heißt frei übersetzt: Die Papiere werden ungefähr dann fällig, wenn der Versicherer das Geld für seine Kunden braucht. Insofern ist es tatsächlich einigermaßen egal, was in der Zwischenzeit mit dem Anleihekurs passiert – abgerechnet wird im Normalfall am Schluss zu 100 Prozent. Wobei es sich als Vorsichtsmaßnahme lesen lässt, dass die Vermögensmanager derzeit bei Käufen die Laufzeiten etwas kürzer wählen (je kürzer die Laufzeit, desto geringer schwankt der Kurs).

Seite 2: 13 Prozent Kursrutsch bei der Allianz

Wer mal von den Kursverlusten einen Eindruck bekommen will, kann bei der Allianz nachsehen. Die muss nämlich als börsennotiertes Unternehmen auch Halbjahresberichte veröffentlichen und hat das zuletzt per 30. Juni getan. An dem Tag beliefen sich die Finanzanlagen des Gesamtkonzerns auf rund 716,2 Milliarden Euro. Davon lagen 12,9 Prozent in Aktien und der Großteil von 81,7 Prozent in Anleihen. Die wiederum unterteilten sich wie folgt (gemessen an den Gesamtanlagen):

  • 39,6 Prozent Unternehmensanleihen
  • 33,1 Prozent Staatsanleihen
  • 14,2 Prozent sonstige Anleihen
  • 7,9 Prozent Pfandbriefe
  • 5,2 Prozent Bankanleihen

Der Gesamtbestand der Anleihen sank von einem Wert von 672,3 Milliarden Euro Ende 2021 auf nunmehr 584,8 Milliarden Euro. Das sind 13 Prozent weniger, „hauptsächlich aufgrund von Marktbewegungen“, wie es dazu im Bericht erklärend heißt.

Täglich 200 Millionen Euro neu anlegen

Doch Versicherer haben ja den Vorteil, dass sie fortlaufend Geld neu reinbekommen – und folglich ständig Anleihen nachkaufen. So betont ein Sprecher der Lebensversicherung: „Grundsätzlich sind die aktuell steigenden Zinsen eine gute Nachricht für die Kunden der Allianz Lebensversicherung, da wir in der Neuanlage von täglich rund 200 Millionen Euro von den höheren Zinsen profitieren.“ Da ist absolut was dran: Wer heute Anleihen kauft, kauft sie zu viel besseren Konditionen als noch vor einem Dreivierteljahr.

Darüber hinaus weist er darauf hin, dass das Haus „seit Jahren verstärkt auf Substanzwerte wie Aktien, Immobilien oder Infrastrukturanlagen, und generell auf alternative Anlagen, die nicht an der Börse gehandelt werden“ setzt. Auf die Anlagen der Allianz LV bezogen, machen Aktien, Infrastruktur, erneuerbare Energien und direkte Beteiligungen (Private Equity) bisher 28 Prozent aus. Alternative Anlagen sollen mittelfristig 40 Prozent der Anlagen erreichen. Wobei das nicht so einfach zu trennen ist. So gehören nicht-börsengehandelte Kredite (Private Debt) zwar durchaus zu den Alternativen Anlagen, aber nicht zu den Substanzwerten.

Auf nach Witznitz

Auch bei der Signal Iduna mischt man dem großen Anleihebrocken einige Alternativen bei, etwa Hypotheken, Immobilien, Private Equity und Infrastrukturanlagen. Wobei man bei letzteren je nach Situation als Kreditgeber (Fremdkapital) oder Miteigentümer (Eigenkapital) auftritt. Als Beispiel erwähnt der Versicherer gern das neu geplante Solarkraftwerk in Witznitz, an dem er sich mit „einem mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ beteiligt. Der Solarpark soll später eine Gesamtleistung von 650 Megawatt abliefern, das entspricht fast einem halben mittleren Atomkraftwerk.

Seite 3: Die breite Aufstellung der Bayerischen

In der HDI-Gruppe freut man sich einerseits, dass sich „die Neuanlagebedingungen seit vielen Jahren für Anleihen erstmals sehr deutlich“ verbessern. Zugleich haben mit dem Zinsanstieg die Vorteile von Alternativen Anlagen wie Infrastruktur, Immobilien und Private Equity gegenüber Anleihen etwas relativiert. Weshalb man die Vermögensaufteilung der Versicherungsträger noch einmal strategisch überprüfen werde. Ergebnis natürlich noch offen. Ende März verwaltete die Gruppe 133,5 Milliarden Euro, wovon aber nur 2 Prozent in Aktien lagen. 85 Prozent machten Anleihen aus.

Bayerische streut schon ziemlich breit

Bei der Bayerischen hat man sich schon vor Jahren bewusst von klassischen Anleihen entfernt und mehr auf Sachwerte und Anleihen mit zählbaren Risikoaufschlägen, sogenannte Spread-Produkte, ausgerichtet. Über 5 Milliarden Euro hat die Gruppe unter ihren Fittichen. Davon liegen beachtliche 21 Prozent in Immobilien und 25 Prozent in Alternativen Anlagen, dafür aber nur 3 Prozent in Aktien.

Das wirkt schon etwas breiter aufgestellt als bei anderen Häusern. Denn klassische Anleihen kommen ebenso wie Private Debt nur auf je 15 und Kredite auf 20 Prozent. Die (natürlich subjektive) Selbsteinschätzung dazu: „Die Asset Allokation der BL die Bayerische Lebensversicherung AG ist extrem diversifiziert und resilient aufgestellt, Änderungen aufgrund des gestiegenen Zinsniveaus sind nicht vorgesehen.“

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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