Pfefferminzia: Wie bewerten Sie die aktuellen Verwerfungen an den Kapitalmärkten in Bezug auf die private Altersvorsorge?
Michael Hauer: Meiner Ansicht nach haben in Deutschland viele Menschen die Notwendigkeit, privat für das Alter vorzusorgen, noch nicht erkannt. Dieses Problem bestand bereits vor der aktuellen Krise. Durch die Corona-Krise tritt das wichtige Thema Altersvorsorge aber aktuell noch weiter in den Hintergrund, was angesichts der wirtschaftlichen Prognosen und Rahmendaten absolut verständlich ist. Ich bin jedoch sehr optimistisch, dass wir alle gut aus dieser Krise kommen werden. Welche gesellschaftlichen Langzeitfolgen diese Krise mit sich bringt, kann ich derzeit nicht einschätzen. In einem Punkt bin ich mir aber sicher: Insbesondere durch die Erfahrungen aus der Krise wird mehr denn je der Bedarf an privater Altersvorsorge erkannt. Glücklicherweise steht uns hierbei eine entscheidende Erleichterung ins Haus.
Wie meinen Sie das?
Wenn man sich mit Altersvorsorge beschäftigt und versucht, jemandem dieses Thema näherzubringen, ist eines der häufigsten Argumente, dass aktuell gerade kein Geld dafür übrig ist oder nur ein sehr kleiner Betrag für die Rente auf die Seite gelegt werden kann. Dieses Argument ist nachvollziehbar, da man mit einem gewissen Geldeingang auf dem Konto rechnet und sich darauf verlässt, dieses auch zur Verfügung zu haben. Hat man sich auf einem gewissen Niveau eingerichtet, ist die Bereitschaft gering, auf einen Teil des Geldes zu verzichten. Das gilt selbst dann, wenn das Geld für das eigene Auskommen im Rentenalter aufgewendet wird.
Durch die Abschaffung des Solidaritätszuschlags ab Januar 2021 haben viele Arbeitnehmer plötzlich netto mehr Geld zur Verfügung, welches noch nicht anderweitig verplant ist. Wir plädieren klar dafür, dieses zusätzliche Geld in die eigene Altersvorsorge zu investieren. Wir nennen dieses Konzept „Soli for future“.
Insbesondere bei fondsgebundenen Policen ist man den Schwankungen und Einbrüchen am Kapitalmarkt mehr oder weniger ausgeliefert. Was raten Sie Menschen, die bei Ihrer Altersvorsorge auf fondsgebundene Produkte vertrauen?
Gerade bei noch länger laufenden Verträgen sehe ich aktuell keinen konkreten Handlungsbedarf. Wer seine Altersvorsorge ratierlich bespart, profitiert sogar von diesen Schwankungen, da Wertpapiere bei fallenden Kursen relativ günstig erworben werden. Wer die Möglichkeit hat, sollte meiner Meinung nach eher darüber nachdenken, die Sparrate sogar zu erhöhen, um von günstigen Kursen zu profitieren. Auf gar keinen Fall sollte man hingegen seinen Altersvorsorgevertrag in der jetzigen Situation kündigen. Dadurch würde man den schlechtmöglichsten Ausstiegszeitpunkt wählen, die bereits gezahlten Gebühren verlieren und gegebenenfalls erhaltene Förderungen zurückzahlen müssen. Bei akuten Geldsorgen kann man stattdessen über eine Beitragsreduzierung oder eine vorrübergehende Beitragsbefreiung des Vertrags nachdenken.
Bei Verträgen, die bald zur Auszahlung anstehen, gestaltet sich die Sachlage etwas anders. Bei Verträgen mit Ablaufmanagement kann es sein, dass dieses bereits greift und man den Turbulenzen am Finanzmarkt gar nicht mehr ausgesetzt war. Ist das nicht der Fall sollte auf jeden Fall der Rat des eigenen Beraters eingeholt werden, welche Gestaltungsmöglichkeiten der eigene Vertrag zulässt. Ist beispielsweise ein flexibler Renteneinstieg möglich, kann man sich überlegen, diesen ein bis zwei Jahre nach hinten zu schieben – in der Hoffnung, dass die Kapitalmärkte sich bis dahin beruhigt und sich das wirtschaftliche Leben wieder stabilisiert hat. Das geht natürlich nur, wenn anderweitig Reserven vorhanden sind. Viele Verträge bieten auch die Möglichkeit der Teilentnahme von Vertragsguthaben. Das ermöglicht einen schrittweisen Ausstieg der eigenen Fondsbeteiligungen. Die jeweiligen Möglichkeiten sind im Einzelfall gemeinsam mit dem eigenen Berater zu prüfen.
Die Corona-Krise dürfte den Trend zur Digitalisierung noch beschleunigen, als wie wichtig bewerten Sie den persönlichen Kontakt in einem Beratungsgespräch?
Persönliche Kontakte waren und sind äußerst wichtig, um das notwendige Vertrauensverhältnis zwischen Kunden und Beratern aufzubauen. Nach meiner Einschätzung steigt allerdings die Bereitschaft zu einem rein digitalen Beratungsablauf gerade an. Da sich das soziale Leben seit Anfang März immer weiter auf die sozialen Kanäle verlagert hat, findet hierbei meiner Meinung nach ein gewisser Gewöhnungsprozess auf allen Seiten statt. Im IVFP nutzen wir inzwischen täglich Videokonferenzen sowohl hausintern als auch mit unseren Kunden. Das funktioniert bisher alles tadellos. Einige unserer Trainer setzen seit Jahren sehr erfolgreich auf Video-Beratung. Gemeinsam mit ihnen konnten wir in kurzer Zeit Schulungsmaßnahmen entwickeln, in denen wir dieses Wissen und die Erfahrungen gerne teilen.