Interview mit Martin Gräfer

„Garantiezinssenkung – Der gewollte Tod der Riester-Rente für Kleinsparer?“

Pfefferminzia sprach mit Bayerische-Vorstand Martin Gräfer über Vor- und Nachteile von Insurtechs, Riester und die Absenkung des Garantiezinses.
© Sebastian Widmann
Martin Gräfer, Vorstand der Bayerischen

Die Bayerische hat angekündigt, junge Insurtech-Firmen unterstützen zu wollen. Was erhoffen Sie sich davon?

Martin Gräfer: Wir unterstützen gemeinsam mit weiteren Versicherern wie Allianz und Munich Re die bayerische Brancheninitiative „Werk 1“. Wir erhoffen uns von den Bewerbungskonzepten, die in diesen Tagen eingegangen sind, wichtige Impulse, um unsere Zukunft zu gestalten.

Im Gegenzug sponsern wir die Initiative nicht nur, sondern bieten vom Vorstand bis zu ausgewählten Führungskräften auch Coachings zum Beispiel zu kaufmännischen und strategischen Themen an. Wir begleiten die Neugründer also und finanzieren die Infrastruktur von „Werk 1“ mit.

Gibt es schon erste Konzepte?

Es gab über 40 Einreichungen, die momentan in der Prüfungsphase sind. Ich bin sehr gespannt, wie die Vorschläge am Ende aussehen werden.

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Viele Insurtechs greifen das Berufsbild des Maklers an und „fischen“ deren Kunden ab. Wie stehen Sie dazu?

Diese Insurtechs sind im Gewand eines Maklers unterwegs und bieten Kunden eine neue Plattform. Kunden wollen offensichtlich auf einen Blick sehen, wie ihre Verträge laufen. Versicherungen angenehm und unkompliziert verwalten zu können, ist eine an sich gute Idee.

Was ich kritisch sehe, ist die fehlende Transparenz der Angebote und die Antwort auf die Frage, welche echte Mehrleistung dahinter steckt. Viele Kunden wissen nicht, dass sie mit der Unterschrift am Smartphone ein vollumfängliches Maklermandat erteilen und damit ihren bisherigen Berater quasi „entmündigen“. Hinzu kommt, dass die eigentliche Arbeit dann die Versicherer machen müssen. Denn die Insurtechs fragen bei uns nach, welche Verträge der Kunde bei uns überhaupt hat, wer der bisherige Betreuer war und so weiter. Das ist ein ganz erheblicher  Aufwand, diese Informationen zusammenzustellen.

Zu Lasten und zu Kosten anderer sich selber günstig zu rechnen, ist kein Geschäftsmodell, das ich für zukunftsfähig halte. Ich habe schon überlegt, ob wir nicht für jede Mandatsbearbeitung aus dieser Richtung eine Gebühr verlangen sollten. Das heißt aber nicht, dass ich nicht auch Chancen für diese Anbieter sehe – und dies insbesondere dann, wenn eine qualifizierte Beratung geboten wird. Ob am Telefon oder im Web oder gar persönlich und in Kooperation mit regionalen Partnern. Und das zeigt: Die Geschäftsmodelle passen besser zusammen. Und das haben gerade auch einige Maklerpools mit ihren Lösungen gezeigt.

Gibt es eine Verwaltungs-App oder etwas in dieser Art auch bei Ihnen Im Haus?

Eine reine Verwaltungs-App nur für Verträge der Bayerischen haben und planen wir nicht. Was wir aber umsetzen wollen, ist eine Portal-Lösung, in der Kunden sämtliche privaten Verträge von Strom, Gas, Wasser und Versicherungen verwalten können – und zwar unabhängig vom Anbieter. Um das zu realisieren und insbesondere auch das erforderliche Know-how in Webtechnologie und Marketing aufzubauen, werden wir uns an einem IT-Unternehmen maßgeblich beteiligen, das online zuhause, aber kein Start-up ist. Mit denen planen wir die neuen Projekte, die Mehrwerte für Vertriebspartner und für Kunden bringen sollen.

Eine Frage zum Markt: Wie beurteilen Sie die Absenkung des Garantiezinses auf 0,9 Prozent?

Die Absenkung des Garantiezinses spielt für die Altersvorsorge grundsätzlich nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr ist die gesamte Verzinsung inklusive Überschussbeteiligung, Schlussüberschuss und Beteiligung an den Bewertungsreserven für den Kunden relevant. Es wird zu viel auf den Garantiezins reduziert. Was mir auch nicht gefällt, ist, dass man immer nur die Ansparphase betrachtet. Man muss auch die Rentenbezugsphase mitberücksichtigen.

Wo die Absenkung aber wirklich problematisch wird, ist bei Riester. Die Bruttobeitragsgarantie lässt sich kaum noch darstellen, insbesondere bei Geringverdienern mit Beiträgen von 20 bis 30 Euro im Monat und mitunter bei Laufzeiten von weniger als 40 Jahren. Diese Kunden bekommen dann kein Angebot mehr, denn mit dem gesetzlich festgelegten Rechnungszins von nur noch 0,9 Prozent ist die ebenfalls gesetzlich festgelegte Bruttobeitragsgarantie einfach ganz oft nicht mehr zu realisieren. Und das ist schon eine beeindruckende Konsequenz. Und ob man gerade die kleineren Einkommen davon abhalten sollte zu riestern, sehe ich außerordentlich kritisch.

Man ist fast versucht, die Frage zu stellen, ob hier ein Plan dahintersteckt: Ist das vielleicht sogar ein gewollter Tod der Riester-Rente für Kleinsparer? Um es nochmals klar zu sagen: Bei langen Laufzeiten und bei hohen Monatsbeiträgen funktioniert die Riester-Rente auch nach der Senkung des Rechnungszinses. Aber eben nicht bei geringeren Sparraten und kürzeren Laufzeiten. Hier besteht Handlungsbedarf und die Bayerische steht auch mit einem konkreten Vorschlag zur Verfügung, dieses Problem zu lösen.

Wie stehen Sie generell zur aktuellen Riester-Debatte?

Die Zahlen sprechen für sich: Riester ist das erfolgreichste freiwillige Altersvorsorgemodell Deutschlands, wenn nicht gar weltweit. Das Produkt bietet nicht nur eine hohe staatliche Förderung. Es ist auch unglaublich flexibel. Hat der Kunde ein Jahr lang kein Einkommen, weil er in Elternzeit ist, setzt man die Beitragszahlung einfach aus und fängt später, nach der Elternzeit, wieder an. Ist das Einkommen höher, zahlt man einen höheren Beitrag, ist es niedriger, dann eben weniger. Diese Art von Flexibilität ist phantastisch und für den Kunden sehr bequem und angenehm.

Ich halte die derzeitige öffentliche Diskussion für grob fahrlässig und ganz oft für wenig durchdacht. Private Altersvorsorge ist für jeden Einzelnen aber auch für die Gesellschaft insgesamt von besonderer Bedeutung. Oder ist es tatsächlich zu glauben, dass in beispielsweise 20 Jahren unsere Gesellschaft in der Lage wäre, deutlich mehr als die heutigen 3 Prozent Bezieher der Grundsicherung zu versorgen? Woher sollten auch die Mittel kommen, wenn die Zahl der Bedürftigen auf 20 bis 30 Prozent steigen sollte?

Darum unterstützt die Bayerische die Initiative Pro-Riester?

Wir sind Hauptinitiator und Mitbegründer und laden alle qualifizierten Beraterinnen und Berater sowie auch andere Versicherer ein, an dieser Initiative mitzuwirken. Es geht hier nicht darum, Geld einzusammeln, sondern darum, die Stimme zu erheben und sich fachlich qualitativ in die Diskussion einzubringen. Und zwar dem Kunden als auch den Journalisten gegenüber, aber – vielleicht noch wichtiger – auch der Politik gegenüber. Da lässt sich gemeinschaftlich vielleicht noch etwas bewegen. So gibt es einen Vorschlag aus der Initiative, die erste Sitzung aller Mitbegründer vor dem Berliner Reichstag abzuhalten. Vielleicht muss man das tatsächlich einmal tun, um entsprechende Aufmerksamkeit zu erhalten.

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Glauben Sie, dass ein Wahlkampfthema Rente die Sparer in Deutschland verunsichert und sie am Ende gar nicht mehr vorsorgen?

Ich bin mir fast sicher, dass es ein Wahlkampfthema zum Thema Rente geben wird. Und offen gestanden verstehe ich das auch – mehr als 20 Millionen Rentner sind heute schon eine Wahlmacht und dazu kommen noch viele Millionen Menschen, die nah an der Rente sind. Die Rentendiskussion in Deutschland hat jedoch weniger mit denen zu tun, die noch nicht in Rente sind. Es geht vielmehr um die aktiven Rentner. Um deren Stimmen wird geworben. Eine aktuelle Studie zeigt: Die Menschen sind verunsichert und machen nichts. Was dazu führt, dass die staatlichen Subventionen sich noch mehr erhöhen und noch mehr Menschen im Alter auf die Grundsicherung angewiesen sein werden.

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