„Ich sehe den Run-off extrem kritisch“

Verkommt die Lebensversicherung zum Auslaufmodell?

Die Ankündigungen der Versicherungsriesen Ergo und Generali sich von ihrem Lebensversicherungsgeschäft zu trennen, hat Versicherte und Versicherungsmakler stark verunsichert. Auf der Branchenmesse DKM war das Thema Run-off dann auch in aller Munde – die Reaktionen fielen harsch aus.
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„Liegt die Zukunft der deutschen Lebensversicherung im Run-Off oder doch in der privaten Altersvorsorge?“ – darüber diskutieren am 26. Oktober fünf Branchenvertreter im Rahmen der Finanzmesse DKM in Dortmund.

„Kluge Entscheidung für das einzelne Unternehmen, aber ein Bärendienst für die Branche?“ – mit dieser Frage konfrontierte Asscompact-Chefredakteurin Brigitte Horn die höchst sachverständige besetzte Diskussionsrunde, die von den DKM-Veranstaltern noch eilig ins Messe-Programm geschoben wurde. Gestritten wurde über Wirkung und Auswirkung des aktuellen Run-Off-Geschehens – und das durchaus emotional, was aber angesichts der wortgewaltigen Teilnehmer auch nicht sonderlich überraschte.

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Was sich für die Betroffenen nun ändert

Gehört man zu jenen Kunden, die vom Run-off-Trend der Lebensversicherer betroffen sind, kommen einige Fragen…

Der Einladung folgten Dietmar Bläsing, Sprecher der Vorstände der Volkswohl Bund Versicherungen, Armin Zitzmann, Vorstandsvorsitzender der Nürnberger Versicherung, Rainer M. Jacobus, Vorstandsvorsitzender der Ideal Versicherungsgruppe, Oliver Fellmann, Vorstand des Maklerverbands VDVM und Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata.

Finanzinvestoren schneiden beim Kunden bis auf den Knochen

Der Erkenntnis- und Unterhaltungsgewinn ließ dann auch nicht lange auf sich warten, als Rainer M. Jacobus zum Mikrofon griff: „Die Tatsache, dass zwei große Versicherer darüber nachdenken, ihre Bestände an ausländische Finanzinvestoren zu verkaufen, hat in den Medien harten Widerhall gefunden und führt in der Fachöffentlichkeit zu großen Diskussionen“, begann Ideal-Chef Jacobus im zunächst neutralen Tonfall. Doch dann folgte seine Analyse: Jeder wisse, dass Finanzinvestoren Eigeninteressen verfolgten, die möglicherweise mit den Kundeninteressen kollidierten, befand Jacobus.

Wie eine derartige Kollision aussehen könnte, schilderte er dabei besonders bildhaft: „Als Investor schneide ich bei der Überschussbeteiligung der Kunden bis auf den Knochen.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass die Überschussbeteiligung so beibehalten würde, „sonst wären Finanzinvestoren keine Finanzinvestoren – ich sehe das extrem kritisch“, legte Jacobus seine Sicht der Dinge dar.

Armin Zitzmann von der Nürnberger nutzte dann auch das Podium, um zu versichern: „Wir bekennen uns zu unserem Kerngeschäft. Unseren Bestand zu verkaufen, kommt überhaupt nicht in Frage.“ Ein Run-Off, sowohl bei Schaden als auch Leben, sei im angelsächsischen Raum ein gängiges Thema, so Zitzmann. Dass man in Deutschland anders denke, insbesondere „bei uns Mittelständler“, sei bekannt. „Was mich drückt, ist der wahrscheinlich negative Hall in der Politik“, gab sich der Nürnberger-Chef besorgt. Wichtig sei, dass „die Masse der Lebensversicherer sagt, wir halten an den Verträgen fest“.

Unterstützung bekam Zitzmann von Volkswohl-Bund-Mann Dietmar Bläsing: „Für uns kommt ein Run-Off keinesfalls in Frage“, erklärte der Versicherungsmanager, den das Thema – Stichwort Bärendienst – sichtlich in Rage brachte. „Uns ärgert das Thema sehr. Wir haben gerade einen Run-On mit der Frankfurter Lebensversicherung gestartet und müssen uns in diesem Kontext plötzlich fragen lassen, habt ihr das vielleicht gemacht, um eine ‚Bad Insurance’ zu gründen? Völliger Quatsch. Aber wir kennen das ja aus dem Versicherungsbereich, wo das Fehlverhalten von einzelnen immer gern auf die Gesamtheit der Masse übertragen wird.“

Äußerst unprofessionell gelaufen

Oliver Fellmann vom Maklerverband VDVM fragte sich indes, warum es eine Ergo nicht schaffe, „ihre Verträge günstiger zu verwalten?“. Das könne man den Kunden nur schwer vermitteln, so Fellmann. Zudem meldeten sich die Kunden durchaus bei ihren Maklern und wiesen „auf die pauschalen Aussagen wie ‚Lebensversicherer gehen in den Run-Off‘ in der Presse hin“. Aufgrund der Größe der beiden Versicherer sei durchaus „der ein oder andere Kunde direkt betroffen“, sagte der Makler, der ebenfalls angefressen wirkte. „So wie das Thema in den Markt gebracht wurde ist das – mal wieder – äußerst unprofessionell gelaufen.“

Selbst der stets besonnen wirkende Reiner Will kommentierte die jüngste Entwicklung mit einem überaus kritischen Tonfall: „Gesellschaften, die kein Neugeschäft mehr machen, werden intransparenter, die geben keine Daten mehr raus.“ So verwies Will unter anderem darauf, dass entsprechende Gesellschaften nicht mehr an Überschussbeteiligungsstudien teilnähmen.

„Das konventionelle Lebensversicherungsgeschäft wird derzeit fast überall umgebaut“, analysierte der Assekurata-Chef im Folgenden. „Die neuen Produkte, die wir heute haben, sind alle zum Großteil noch irgendwo im Sicherungsvermögen integriert, etwa die Indexpolicen. Der Großteil des Marktes versucht mit verminderten Garantien an den klassischen Konzepten weiterzuarbeiten.“ Wenn man in die Analyse gehe, sehe man, so Will, dass die Gesellschaften unter dem Ertragsdruck litten. „Da wird auch ein Investor, eine AG, sich fragen, lohnt sich dieses Geschäftsmodell noch?“, fragte Will in die Runde.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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