Garantiert teuer

Warum man Garantien in der Altersvorsorge nicht braucht

Die jüngsten Einbrüche an den Börsen könnten Anleger bestätigen, die Sparverträge nur mit Garantien wollen. Doch das ist ein Trugschluss. Kein Crash brachte lang laufende Einzahlpläne bisher in Verlustgefahr. Stattdessen sind Garantien einfach teuer.
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Die Grafik zeigt, wie sich ein Einzahlplan von monatlich 100 Euro in den Aktienindex Dax seit 1981 entwickelt hätte (ohne Kosten).

Es ist wieder so weit. Ein so nicht vorhersehbares Ereignis hebt die Börsenwelt aus den Angeln. Krieg in Europa – wer hätte das vor einigen Monaten für möglich gehalten? Rohstoffe werden knapp. Die Preise steigen und lassen die Inflation emporschnellen. Das Wort Rezession schwebt durch den Raum. Wer hätte das gedacht, als sich alle Welt vor einigen Monaten noch auf neue Freiheiten nach dem Corona-Generalverschluss freute?

Die Aktienmärkte beschleunigten ihren zuvor ohnehin schon begonnenen Abstieg zusätzlich. Der deutsche Aktienindex Dax schloss am 7. März bei 12.835 Punkten. Das sind 21 Prozent unter seinem bisherigen Rekordschlussstand vom 5. Januar. Bekommen nun wieder jene Recht, die Garantien für Sparpläne einfordern? Sogar für lang laufende Verträge bei einer Altersvorsorge? Nein, überhaupt nicht. Crashs gehören zur Aktienanlage dazu und spielen auf lange Sicht kaum eine Rolle. Denn die langfristige Rendite eines durchschnittlichen, breit gestreuten Aktienportfolios entsteht im Großen und Ganzen aus Wirtschaftswachstum, Inflation und Dividenden.

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Wirtschaftswachstum lässt die Umsätze von Unternehmen einer Volkswirtschaft wachsen. Inflation sorgt dafür, dass Preise und Umsätze und damit auch Gewinne sogar ohne Wirtschaftswachstum steigen können. Und Umsatz und Unternehmensgewinne sind wiederum Maßstäbe für Aktienkurse und ausgeschüttete Gewinne, also Dividenden.

Deshalb an dieser Stelle ein Gedankenspiel: Damit nach 30 Jahren mit einem Aktienfondssparplan tatsächlich der Garantiefall eintreten muss, dürfte in dieser Zeit die Wirtschaft kein Stück wachsen, dürften die Preise nicht steigen und dürfte kein Unternehmen einen Gewinn ausschütten. Oder es müsste am Ende plötzlich alles, aber wirklich alles den Bach runtergehen. Alle BMWs, Coca-Colas und Allianzes dieser Welt wären dann verschwunden. Wie wahrscheinlich ist das? Und was kann man dann überhaupt noch mit Geld anfangen? Eben.

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Diesen Gedanken nutzt auch Marcel Oberle, um seinen Kunden die Furcht vor Aktienanlagen selbst in Zeiten wie diesen zu nehmen. „Ich frage sie, was passieren müsste, damit am Ende alles weg ist“, sagt der Finanzplaner aus dem fränkischen Elsenfeld. „Und dann zeige ich ihnen, welche Unternehmen in den Fonds enthalten sind – Apple, Google und so weiter. Das beruhigt sie dann.“ So kommt es, dass Oberle noch nie eine Altersvorsorge mit Garantie vermittelt hat. „Garantien sind für mich klare Kostenheber und Renditebremser, die ich vor allem jungen Kunden nicht zumuten möchte“, sagt er.

Christian Nuschele von Standard Life berichtet, dass Garantien bei konservativen Sparern bisher stets auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Doch dann passiert oft etwas Merkwürdiges: „Wir sehen bei vielen Kunden deutlich, dass sie zwar vor Vertragsabschluss auf Garantien achten, danach aber eigentlich nur noch auf den aktuellen Vertragswert schauen“, so der Vertriebschef für Deutschland. Die Garantie als Beruhigungspille, aber nur im Vorfeld.

 

Produktmanagerin Marlies Tiedemann von der Basler Versicherung hat beobachtet, dass Kunden mit Garantietarifen später aus Renditegründen oft unzufrieden sind. „Manche Kunden brauchen Garantien, weil sie sonst nicht ruhig schlafen können“, so Tiedemann. „Dieses Bedürfnis nach Sicherheit darf man nicht in den Wind schlagen, schließlich handelt es sich um die Rente der Kunden.“ Weshalb die Basler solche Modelle für Kunden mit höherem Sicherheitsbedürfnis im Programm hat. Doch generell zeigt sie sich eher als Freundin der reinen Investment-Schiene.

Während solche eingangs angeführten grundsätzlichen Gedanken zeitlos sind und deshalb funktionieren, lässt sich die genaue Zukunft leider nicht vorhersagen. Weshalb sich konkrete Rechnungen logischerweise nur auf die Vergangenheit beziehen. Trotzdem können sie beruhigen. So haben wir für die Grafik oben einen Einzahlplan in den Dax simuliert. Der lief angesichts notleidender Banken, Wirecard-Skandal, Dieselaffäre und zahlreicher anderer unternehmerischer Vollpannen eigentlich nicht wirklich optimal. Trotzdem blieb selbst im heftigen Hightech-Crash zur Jahrtausendwende und in der Bankenkrise 2008 das Guthaben deutlich über der bis dahin eingezahlten Summe. In beiden Crashs verlor der Dax immerhin jeweils rund zwei Drittel an Wert.

Der Versicherer Helvetia hat ein Instrument programmiert, mit dem man ebenfalls Einzahlpläne in den Dax ausrechnen kann. Dabei unterstellt er aber auch, dass ab fünf Jahren vor Laufzeitende das Geld schrittweise über ein Ablaufmanagement gesichert wird. Grundlage sind Dax-Daten seit 1960, also inklusive Ölkrise in der 1970ern, Irakkrise in den 1990ern und so weiter. Das verblüffende Ergebnis: Selbst bei der minimalen Laufzeit von zwölf Jahren hätte ein Sparer in keinem einzigen von 602 möglichen Zeiträumen einen Verlust erlitten. Im schlimmsten Fall hätte die Wertentwicklung nur 1,1 Prozent pro Jahr ausgemacht. Aber auch das wäre am Ende mehr als eine Garantie von 100 Prozent. Im besten Fall wären 12,5 Prozent im Jahr drin gewesen.

Info am Rande: Bei 40 Jahren Laufzeit hätte die Wertentwicklung bei mindestens 6,8 Prozent im Jahr gelegen. Im mittleren Fall bei 7,4 und im besten bei 8,2 Prozent. Mini- und Maximum nähern sich also an, je länger der Vertrag läuft.

Der Kampf gegen Garantien

Bei der Helvetia hat man deshalb eine klare Meinung zur Materie. „Im Prinzip kämpfen wir seit über zehn Jahren gegen Garantien. Wir halten sie für unnötig und sehr teuer“, berichtet Guntram Overbeck, der dort das Produktmanagement leitet. Zwar biete auch sein Unternehmen Garantieelemente an, die sich in Vorsorgeverträge einbauen lassen. Eine große Rolle spielten sie jedoch nicht, so Overbeck. Bei diesen Bausteinen kommt der Deckungsstock der Helvetia ins Spiel, in den Kunden Beiträge oder schon vorhandenes Guthaben umschichten können. Aus diesem Topf können sie anschließend schrittweise wieder zurück in Aktien gehen. „Wenn man Geld gesichert hat, sollte man sofort die Rückkehr in Fonds anstoßen. So verhindert man, dass man zu lange nicht investiert bleibt oder den Wiedereinstieg sogar gänzlich vergisst“, empfiehlt Overbeck.

Was nämlich zum Problem werden kann, sind die heutzutage weit verbreite­ten dynamischen Systeme, die die Garantien sichern sollen. Deren Abkürzung CPPI steht für Constant Proportion Portfolio Insurance. Und weil sie inzwischen – IT sei Dank – für jeden Vertrag einzeln berechnet werden, kommt noch ein I für „Individuell“ davor. Das System greift ein und sichert Vermögen, sobald es in allzu gefährliche Nähe der Garantiesumme sinkt. Wie nahe das ist, entscheidet jeder Anbieter selbst anhand von Risikoformeln.

Die Gefahr des Cash-Lock

Anschließend schichtet I-CPPI im Idealfall wieder zurück in Aktien. Das war nicht immer so. Manche frühere Modelle schafften das nicht und hielten das Geld noch immer sicher und warm, selbst als der Crash vorbei war und die Kurse schon lange wieder gestiegen waren. Cash-Lock nennt man das Phänomen, das beispielsweise in der Finanzkrise 2008 und 2009 bei vielen Riester-Sparern auftrat. Sie waren raus aus Aktien und damit sicher, kamen aber auch nicht mehr zurück. Neue Aktienpositionen entstanden nur durch die weiter fließenden Beiträge, doch das war nur ein schwacher Trost.

Denn nicht investiert zu sein kann sogar im Crash sehr teuer werden. Es bringt nur dann etwas, wenn die Kurse anschließend noch kräftig weiter fallen und man auf niedrigerem Niveau rechtzeitig wieder einsteigt. Aber wem gelingt das schon? Beim Dax beispielsweise stehen sämtliche zehn Tage mit den bisher höchsten Kursgewinnen direkt mit einem Crash im Zusammenhang. Spitzenreiter ist der 13. Oktober 2008 mit einem Plus von 11,4 Prozent mitten in der globalen Finanzkrise.

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Insofern hat die Basler Versicherung bei ihrer Invest Garant einen recht interessanten Ansatz. Dort überwacht ein System namens Garant-Tracker jeden Vertrag nach I-CPPI-Manier, greift notfalls ein, denkt aber auch an später. „Wenn wir dort Vermögen in den sicheren Deckungsstock legen mussten, schichten wir es anschließend schrittweise wieder zurück“, erklärt Marlies Tiedemann. Wie das ausgesehen hätte, zeigt die rückwirkende Simulation unten. Demnach wäre die Reißleine im Hightech-Crash zur Jahrtausendwende und in der Bankenkrise 2008 in Aktion getreten. Wobei im zweiten Crash mehr umgeschichtet worden wäre, weil der Vertrag näher am Laufzeitende war.

Bei der Basler Invest Garant kam eine Komponente hinzu, die auf den ersten Blick wie aus der Zeit gefallen wirkt. Über „Garantie Plus“ kann nämlich das Garantieniveau von anfänglich 10 bis 80 Prozent auf einen Spitzenwert von 120 Prozent steigen. Wo doch selbst 100 Prozent bei dem aktuellen Zinsniveau als kaum noch realistisch gelten. Der Schlüssel ist das Wörtchen „kann“. Garantie Plus greift nicht gleich am Anfang, sondern erst bei erreichten Gewinnen. Einmal im Monat prüft das System, ob etwas Sicherungswürdiges hinzugekommen ist. Dann zieht es alle Reißleine- und Garantieschwellen nach – bis zum erwähnten Maximum. Aber ganz klar: So etwas drückt die Rendite. In der Simula­tion unten ist Garantie Plus enthalten. Ein Vertrag ohne diesen Baustein hätte im selben Zeitraum nur ein einziges Mal in größerem Stil gesichert werden müssen: im Frühjahr 2009. Mit Garantie Plus hätte die Rendite bei 4,3 Prozent im Jahr gelegen, ohne bei 5,4 Prozent. Das ist schon ein Unterschied.

Wie stark Garantien die Rendite am Ende bremsen, lässt sich leider nicht pauschal sagen. Das hängt nämlich davon ab, wie sich die Märkte entwickeln, welche Rendite sie in der langen Laufzeit abliefern und vor allem wie oft Aktien in dieser Zeit abstürzen und teure Eingriffe nötig machen.

Das Institut für Finanz- und Aktuarwissenschaften näherte sich der Sache in einer Studie. Anhand eines Modells mit rund 10.000 Szenarien errechneten die Forscher, wie unterschiedlich hohe Garantieniveaus bei unterschiedlichen Garantiemodellen wirken. Die Tabelle auf Seite 31 zeigt einige Ergebnisse daraus. Leider fehlen in der Studie Daten für ein Vergleichsmodell ohne Garantie, weshalb der Preis der Garantie an sich nicht ersichtlich wird.

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Dieses Datenloch füllt der Versicherer WWK, indem er in einer Beispielrechnung seine Premium-Fondsrente mit dem Garantietarif Intelliprotect vergleicht. Letzterer funktioniert mit einem I-CPPI-System und hätte mit einem Indexfonds auf den US-Aktien­index S&P 500 über 37 Jahre bei einer Beitragsgarantie von 80 Prozent eine durchschnittliche Rendite von 5,8 Prozent gebracht.

Ohne Garantie wären es 8,2 Prozent gewesen. Rechnet man das mal ganz einfach mit 100 Euro Sparrate hoch, ergibt sich ein Endguthaben von 268.000 Euro gegenüber 152.000 Euro. Macht eine Differenz von 116.000 Euro. Das wäre dann der Preis für einen ruhigen Schlaf.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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