Steigt die Inflation „immer höher“? Nein, tut sie nicht. Tatsächlich legen einige Nachrichten nahe, dass der Höhepunkt jetzt oder demnächst erreicht ist. Wir wollen einige von ihnen hier aufzählen.
Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat die vorläufige Inflationsrate für den November bekanntgegeben – sie liegt bei 10,0 Prozent. Im Vergleich zum Oktober gingen die Preise sogar um 0,5 Prozent zurück.
Damit ist der starke Preisauftrieb zunächst gestoppt. Wichtige Gründe dürften sein, dass Erdöl, aber auch Erdgas auf den Weltmärkten wieder deutlich unter ihren Höchstständen notieren. Beispielsweise kostete ein Fass Erdöl (159 Liter) der Nordseesorte Brent im Juni noch in der Spitze fast 125 US-Dollar. Heute sind es nur noch 85 Dollar. Das ist fast ein Drittel weniger. Ähnlich – Engpässe hin oder her – sieht es auch beim Erdgas auf dem Weltmarkt aus.
Die Zahlen von Destatis bestätigen das zwar nicht direkt. Aber sie besagen, dass die Energiepreise im Oktober noch um 43,0 Prozent höher lagen als im Vorjahresmonat. Im November waren es 38,4 Prozent, dann aber gegenüber dem Vorjahres-November. Das lässt den Schluss zu, dass sie von Oktober bis November sogar gefallen sind. Destatis hingegen schreibt von einer „leichten Entspannung“.
Die Produktion hat diese Entspannung übrigens schon erreicht. Die Erzeugerpreise waren schon im Oktober gegenüber September um enorme 4,2 Prozent gesunken. Das liegt insbesondere eben an jenen Energiepreisen.
Ein weiterer Grund für die aktuelle Entspannung sind normale wirtschaftliche Mechanismen (mehr dazu hier). Zum Beispiel, dass die gestiegenen Preise die Nachfrage dämpfen. Die Menschen kürzen zwangsläufig ihre Ausgaben, weil ihre Kaufkraft sinkt. Und wenn man das mal ganz plump auf die Angebots- und Nachfragekurve überträgt, heißt das, dass bei gleichbleibendem Angebot der Preis sinken muss. Frei übersetzt: Wer sein Zeug nicht loswird, muss mit dem Preis runtergehen.
Nun bleibt das Angebot aber nicht gleich, sondern sinkt auch (Anbieter verlassen ja auch den Markt). Gleichwohl hat sich das Gesamtverhältnis zumindest entspannt.
Passend dazu meldet Destatis, wie sehr die Kaufkraft in Deutschland gesunken ist. Zwar stiegen Löhne und Gehälter in reinen Zahlen im dritten Quartal um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Doch die Inflation fraß das auf, sodass die realen Einkommen um 5,7 Prozent sanken. Das ordnen die Statistiker so ein:
Damit mussten die Beschäftigten in Deutschland bereits im vierten Quartal in Folge einen Reallohnverlust hinnehmen, nachdem die Reallöhne bereits im 2. Quartal 2022 um 4,4 Prozent, im 1. Quartal 2022 um 1,8 Prozent und im 4. Quartal 2021 um 1,4 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahresquartal gesunken waren.
Damit sinken die realen Löhne nunmehr so lange und so stark wie noch nie seit Beginn dieser Statistik im Jahr 2008. Es wundert nicht wirklich, dass sich das auf die Nachfrage auswirkt.
Seite 2: Der zweite Fehler der Zentralbanken
Das heißt aber auch im Umkehrschluss: Solange Löhne und Gehälter nicht zu heftig steigen – zum Beispiel zweistellig wie zuweilen in den 70er-Jahren –, dürfte der Preisauftrieb erst einmal gedeckelt sein.
Spannend wird somit, was die Währungshüter von der Europäischen Zentralbank (EZB) bei ihrem nächsten Zinsentscheid am 15. Dezember beschließen. Zuletzt hatten sie ja mehrmals ihre Zähne gezeigt und die Leitzinsen zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte erhöht. Der wichtigste Leitzins, der Zinssatz für Hauptrefinanzierungsgeschäfte, liegt seit November bei 2,0 Prozent. Laut „Handelsblatt“ stehen nun weitere 0,75 Prozentpunkte im Raum. Nach den neuen Inflationszahlen könnten es aber auch nur 0,5 sein. Wer weiß das schon?
Volkswirte indes sind sich nicht einig, ob das nun der Höhepunkt war. Die bei der DWS für Europa zuständige Ulrike Kastens glaubt Letzteres noch nicht. In einem Kommentar schreibt sie:
Ob die Inflationsrate bereits ihren Höhepunkt erreicht hat, ist noch fraglich. Wir rechnen um den Jahreswechsel mit den höchsten Inflationsraten in Deutschland, da auch im Dezember Preiserhöhungen für Gas und Strom anstehen und auch viele Unternehmen nochmals ihre Preise wegen der höheren Kosten anheben werden.
Chefvolkswirt Jörg Zeuner von Union Investment verweist darauf, dass die Lebensmittelpreise weiter steigen, was an Problemen in Lieferketten und den hohen Preisen für Dünger liegt. Außerdem hätten viele Unternehmen die gestiegenen Kosten noch gar nicht auf die eigenen Preise umgeschlagen. Laut Ifo Institut waren es gerade mal ein Drittel. „Daher bleibt die Kerninflation, also die Inflationsrate ohne schwankungsanfällige Energie- und Nahrungsmittelpreise, hartnäckig hoch. Wir erwarten für Dezember den Höhepunkt der Inflation“, schreibt Zeuner in seinem Kommentar. Er halte deshalb 0,75 Prozentpunkte im Dezember für wahrscheinlicher als 0,5.
Hart ins Gericht mit den Zentralbanken geht Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwalters Bantleon. Sie hätten einerseits zu spät auf die Inflation reagiert und damit Mitschuld an deren Überschießen, wirft er den Geldhütern vor. Und jetzt, um ihre Reputation zu retten, begingen sie gleich den zweiten Fehler. „Dieses Mal schießen die Währungshüter bei den restriktiven Impulsen über das Ziel hinaus und treiben damit die Weltwirtschaft im kommenden Jahr in eine Rezession“, meint Hartmann. Die wiederum dürfte gleich für den „nächsten scharfen Kurswechsel“ sorgen – nämlich wieder kräftig gesenkte Leitzinsen. Hartmann hofft, dass die Zentralbanken aus dem Hin und Her lernen und „perspektivisch zu einer Zinspolitik der ruhigen Hand zurückkehren“.
Nun klingt eine Rezession – durchaus aus gutem Grund – erst einmal schrecklich. Doch nichts ist so schlecht, dass nicht auch etwas Gutes dabei ist. In einer Rezession baut die Wirtschaft Überkapazitäten ab und stellt sich effizienter auf, was den Arbeitsmarkt entspannen könnte. Und außerdem: Die Preise sinken.
Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.