Märkte in Bewegung

Der Anleihecrash, die Lebensversicherung, der Bauzins

Reagieren Anleihe-Investoren endlich auf überhöhte Schuldenberge und Inflation? Es scheint so, denn die Kurse von Staatsanleihen sinken bemerkenswert, was die Renditen steigen lässt. Das wirkt sich auf Lebensversicherungen und Bauzinsen aus – und möglicherweise auch auf Aktien.
Schuldenuhr in Berlin im Juli: Anleihe-Investoren bemerken die hohen Schuldenstände von Ländern und Unternehmen
© picture alliance / dts-Agentur | dts Nachrichtenagentur
Schuldenuhr in Berlin im Juli: Anleihe-Investoren bemerken die hohen Schuldenstände von Ländern und Unternehmen

Es ist alles nicht neu, aber jetzt sehen sie es. Und sie reagieren. Auf Inflation, auf überbordende Schuldenberge von Staaten und Tech-Unternehmen, auf Krieg in Nahost, auf Energiepreise.

Völlig unbeeindruckt von Leitzinsen und Worten haben Anleihe-Investoren weltweit geschüttet, sprich: verkauft. Exemplarisch dafür soll der sogenannte Bund Future stehen. Er bildet das Kursniveau einer (künstlichen) zehnjährigen Bundesanleihe mit einem Zinskupon von 6 Prozent am Terminmarkt ab. In nicht einmal einer Woche verlor dieser Bund Future 1,25 Prozent (Stand: 19. August 2026, 12 Uhr). Das ist für so einen sonst eher ruhigen Markt beachtlich. Zeitungen schreiben schon von einem Crash.

Doch alles hat zwei Seiten: Indem die Kurse fallen, steigen im Umkehrschluss die Renditen. Die zehnjährige Bundesanleihe erreichte 3,26 Prozent pro Jahr. Die 30-jährige ging auf 3,77 Prozent. Wie das „Handelsblatt“ meldet, ist das der höchste Stand seit 2011. Die 30-jährige US-Staatsanleihe erklomm sogar 5,27 Prozent. Für einen Schuldenmacher wie US-Präsident Donald Trump mit teurem Krieg an den Hacken wird es nun teuer. Für die Deutschen und ihr Investitionsprogramm aber auch.

Von allen fiskalischen Neuzwängen mal abgesehen, betrifft der Crash direkt die Lebensversicherung und den Baukreditmarkt. Lebensversicherer erleiden durch die Kursverluste direkt neue stille Lasten. Die entstehen immer dann, wenn Kurse – zum Beispiel von Anleihen – in der Bilanz unter ihren Kaufwert sinken. Zum echten Verlust werden sie erst dann, wenn der Versicherer die Papiere verkaufen muss. Zum Beispiel, wenn Kunden ihren Vertrag kündigen. Wenn hingegen alles wie geplant weiterläuft, zahlt der Schuldner sie zum Laufzeitende zurück – wenn er denn zahlen kann.

Erhöhte Renditen für Neuanlagen

Doch das heißt auch, dass Lebensversicherer neu hereinfließendes Geld (zum Beispiel Sparraten) zu höheren Renditen neu anlegen können. Gut für die Kunden. Wie stark sich das auswirkt, wird sich zeigen, wenn die Häuser ihre kommenden Überschussbeteiligungen vermelden.

Eher teuer wird es hingegen für all jene, die Immobilien kaufen wollen. Zinsen für die entsprechenden Kredite hängen direkt an den Anleihemärkten – und werden also steigen, falls sich der Crash weiter verfestigt.

Der Zinsindikator des Kreditvermittlers Dr. Klein steigt heute von 3,63 auf 3,73 Prozent für die Zehnjahresbindung (Stand: 19. August 2026). Der Zins für 30 Jahre bewegt sich hingegen kaum. Eingeschlagen hat da also noch nicht viel.

Auch auf den Aktienmarkt wirken die Anleiherenditen. Nicht wenige Vermögensverwalter nutzen marktübliche Renditen, um Unternehmensgewinne aus der Zukunft abzuzinsen. Steigt dieser angenommene Zins, sind künftige Gewinne heute weniger wert (stärker abgezinst). Das lässt somit den Aktienkurs relativ teurer erscheinen – und kann zu Verkäufen führen. Außerdem steigen – ganz profan – die Kreditkosten für die Unternehmen selbst, was deren Gewinne drückt. Doch das sind nur zwei direkte Stellschrauben. Insgesamt ist alles natürlich komplexer.

Wie stark sich das ändert, hängt nun davon ab, was Anleihe-Investoren rund um den Globus weiter tun. Das „Handelsblatt“ nennt sie die „Bond Vigilantes“ – Investoren, die Staaten zu mehr Haushaltsdisziplin zwingen wollen (Vigilante, etwa: Bürgerwehr). Wie ernst sie das meinen, zeigt sich in den kommenden Tagen oder Wochen.

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Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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