Das große Reinemachen

Wie die Fondsbranche Probleme mit Nachhaltigkeit hat

Die Anbieter von Investmentfonds tun sich mit dem Trend zur Nachhaltigkeit schwer. Sie stufen Fonds hoch und wieder herab – und klare Regeln vom Regulator gibt es nach wie vor nicht. Vermittler und Makler müssen deshalb die Augen und Ohren offenhalten und die Fonds beobachten.
Braunkohletagebau Garzweiler von RWE vor Windrädern
© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt
Braunkohletagebau Garzweiler von RWE vor Windrädern: Nachhaltigkeit ist oft nicht einfach zu greifen

Sie vermitteln auch Fonds? Und Sie mögen es, wenn sie nachhaltig sind? Und seit dem 2. August müssen Sie auch Ihre Kunden befragen, ob sie das genau so sehen? Dann schauen Sie in nächster Zeit bitte etwas öfter hin, welche Fonds Ihre Kunden im Depot haben. Denn was heute noch sehr sauber und nachhaltig sein soll, kann es morgen schon nicht mehr sein. Offenbar hat die Investmentbranche Probleme ihre eigenen Produkte richtig einzuordnen.

Zunächst ist der Hintergrund der sogenannten Offenlegungsverordnung (SFDR) ein guter, der Anlegern und Vermittlern helfen soll: Seit März 2021 müssen Investmentgesellschaften ihre Fonds nach der SFDR einschlüsseln. Die heißt komplett „Sustainable Finance Disclosure Regulation“ und unterscheidet zwischen den Artikeln 6, 8 und 9. Herkömmliche Fonds landen in Artikel 6. Fonds nach Artikel 8 müssen ökologische oder soziale Merkmale aufweisen, es müssen also schon Fonds mit nachhaltigen Kriterien sein. Artikel-9-Fonds hingegen müssen ausdrücklich ökologische und soziale Ziele verfolgen und über die Wirkung berichten.

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Nur fehlt es noch immer an konkreten Merkmalen und Standards. Was wirklich grün ist, steht noch nirgendwo klar geschrieben. Die Fondsgesellschaften können ihre Produkte selbst den Artikeln zuordnen, und die Aufsicht kontrolliert das kaum.

Deshalb hat das mal das „Handelsblatt“ im Rahmen des internationalen Medienprojekts „Great Green Investment Investigation“ zusammen mit den Plattformen Follow the Money und Investico und einigen Medienhäusern übernommen. Mehr als 800 als grün dargestellte Fonds – also nach Artikel 9 – besah man sich in einer Studie, 547 davon sind in Deutschland erhältlich.

Öl, Kohle, Flugzeuge in jedem zweiten Fonds

Fast jeder zweite Fonds enthält Öl, Kohle und Luftfahrt – alles nicht sonderlich klimafreundlich, möchte man meinen. 8,5 Milliarden Euro fließen europaweit entgegen der Werbung nicht in ökologische Firmen. Einige extreme Beispiele für Artikel-9-Fonds hielten sogar mehr als 40 Prozent ihres Geldes in den genannten Branchen.

Zweifellos sind unter den Anbietern einige, die sich mit dem Trend zur Nachhaltigkeit eine goldene Nase verdienen wollen. Ein Problem ist allerdings auch, dass sich die Welt nicht so einfach in schwarz und grün unterteilen lässt. Das zeigt sich oft an Energie-Unternehmen, die schon auf Erneuerbare umstellen, aber noch (zu) stark an der Kohle hängen. Somit lässt sich als Gegenargument bringen, dass Fonds über ihre Stimmrechte schmutzige Unternehmen in eine saubere Zukunft lenken wollen und auch können. Und es ist sicher auch davon auszugehen, dass zahlreiche Fonds diesen Hebel auch bewusst einsetzen. Wenn nicht Aktionäre ein Unternehmen umkrempeln können – wer dann?

Gleichwohl ist die Unsicherheit derzeit offenbar groß. Wurden noch im zweiten Quartal 713 Fonds in der SFDR-Skala nach oben gestuft, ging es im dritten eher in die andere Richtung. Hortense Bioy, Nachhaltigkeitsspezialistin bei der Rating-Agentur Morningstar erwartet eine regelrechte Welle an Fonds, für die es von Artikel 9 auf 8 abwärts geht.

Anbieter stufen Fonds herab

Im dritten Quartal betraf es laut Morningstar erst einmal nur 41 Fonds. Doch es folgen noch mehr. Axa Investment Managers, die Investmenttochter der Axa, hat zum Beispiel schon angekündigt, 24 weitere Fonds herabzustufen. Bei 21 hat sie es schon getan.

Der französische Vermögensverwalter Amundi – immerhin eine der größten Fondsgesellschaften Europas – hat laut Morningstar fast alle Artikel-9-Fonds in Artikel 8 umsortiert. Dabei geht es um rund 100 Fonds mit 45 Milliarden Euro Vermögen.

Beim „Handelsblatt“ vermutet man zwei Gründe: Einerseits müssen Fondsanbieter im neuen Jahr anders und mit standardisierten Daten über ihre Nachhaltigkeit berichten. Das könnte dazu führen, dass Prüfer plötzlich Dinge entdecken, die nicht in einen dunkelgrünen Fonds gehören.

Neue Regulierungsstandard erwischen die Branche kalt

Andererseits war lange offen, wie groß der Anteil der nachhaltigen Anlagen in einem Artikel-8- oder -9-Fonds überhaupt sein muss. In der SFDR steht es jedenfalls nicht. Laut neuer technischer Regulierungsstandards könnte das Limit allerdings bei 100 Prozent liegen. Das traf wohl insbesondere einige Anbieter von Indexfonds (ETFs) – darunter Blackrock mit iShares, die Deka und die DWS mit ihrer ETF-Marke Xtrackers. Auch bei den heruntergestuften Amundi-Fonds handelt es sich bei ungefähr der Hälfte um ETFs.

Vor diesem wackeligen Hintergrund ist es alles andere als günstig, dass Anlageberater und Versicherungsvermittler ihre Kunden zur Nachhaltigkeit befragen und entsprechende Produkte anbieten müssen. Da heißt es definitiv: den Markt im Blick behalten und flexibel bleiben. Denn ein heute noch sehr sauberer Fonds kann es morgen schon nicht mehr sein.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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