„Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint“ – dieses Kurt Tucholsky zugeschriebene Zitat ist mein Favorit für einen Eintrag in das imaginäre Freundschaftsbuch der EU-Kommission. Denn was sicher die meisten von uns unterschreiben: Wenn wir möglichst viele Menschen dazu bringen möchten, gemeinsam mit uns wirkungsvoll in den nachhaltigen Wandel zu investieren, benötigen sie eine unabhängige Orientierung.
Doch an der Umsetzung hapert es noch gewaltig: Viele Berater und deren Kunden lässt das Thema mittlerweile frustriert zurück. Dabei gibt es Wege aus dem Regulatorik-Dschungel doch noch „a gmahde Wiesn“ zu machen, wie wir in Bayern sagen. Einfach, verständlich und weithin anerkannt.
Verwirrung programmiert
Warum gibt es unabhängige Labels oder Produkteinstufungen überhaupt? Sie sollen dem Verbraucher Sicherheit, Klarheit und Orientierung geben. Sicherheit, dass fest definierte Standards auch wirklich eingehalten werden. Klarheit, dass ein Produkt hält, was die Werbung verspricht. Und Orientierung, wie ein Produkt im Vergleich zum Wettbewerb abschneidet. Genau das sollte auch in Sachen ESG-Regulatorik für Finanzprodukte gelten. Doch in der Realität sind wir aktuell mit einem Wirrwarr sich teils widersprechender Informationen konfrontiert.
Um die Probe aufs Exempel zu machen, ein kleines Quiz: Welcher Fonds ist nachhaltiger: der Artikel-9-Fonds mit einem taxonomiekonformen Mindestanteil von 7 Prozent oder der Artikel-8-Fonds, der es auf mindestens 45 Prozent Taxonomieanteil schafft?
Und wo wir schon dabei sind: Wie erklären wir unserem Kunden den Fakt, dass ein Spezialfonds, der wie unser „Pangaea Life Blue Energy“ ausschließlich in erneuerbare Energien, Energiespeicher und Energieeffizienzprojekte investiert, eine Taxonomie-Quote von unter 30 Prozent aufweist? Gewiss, Erklärungen in der Jurisdiktion dafür gibt es. Aber ist das aktuelle Nebeneinander von Einstufungen und die Aussagekraft mancher Kriterien wirklich im Sinne einer informierten Kaufentscheidung des Anlegers, geschweige denn einer transparenten Beratung?
Ein Markt, ein Standard, ein Label
Ein Vorbild, wie es besser geht, kommt just aus Brüssel selbst. In Gestalt des EU-Energielabels für Elektronikgeräte, wie sie sicher jeder von uns aus Küche, Bad und Elektromarkt kennt. Mit dem Label hat die EU selbst bewiesen, wie Regulatorik auch sein kann: nämlich schlank, einfach und dennoch glaubwürdig.
Wir Verbraucher finden auf Elektronik-Geräten wie Waschmaschinen, Kühlschränken, Geschirrspülern und elektronischen Displays eine einheitliche, transparente und aussagekräftige Orientierung über die Energieeffizienz des jeweiligen Produkts. Die Farbskala reicht für jedermann verständlich wie eine Ampel vom dunkelgrünen A-Label bis zur tiefroten G-Einstufung.
Somit sehen wir auf den ersten Blick, wie ein Gerät im Vergleich zur Konkurrenz abschneidet, wie effizient das Gerät ist und wie viel ich selbst durch einen geringeren Verbrauch sparen kann – Win-win für Umwelt und Geldbeutel. Vorreiter-Modelle erkenne ich dadurch ebenso, wie Geräte, die in Sachen Energieeffizienz noch hinterherhinken – völlig unabhängig davon, was die Werbung verspricht. Ist solch ein einheitliches A-G-Nachhaltigkeitslabel auch für nachhaltige Finanzprodukte denkbar?
Akzeptanz schaffen
Sicher steht und fällt diese Idee mit den konkreten Kriterien, der Datengrundlage und den Nachweispflichten, die am Ende zu einer Bewertung der Produkte führen. Die Bewertung eines Finanzprodukts ist vielleicht doch komplexer als die Einstufung eines Fernsehers. Doch Faktoren wie Do-no-harm, Transparenz in den Produktunterlagen und die messbare CO2-Intensität von Assets lassen sich schon heute erfassen. Auch der Versuch einer Operationalisierung und Quantifizierung weiterer ökologischer und sozialer Effekte von Anlagen würde uns eine spannende Perspektive eröffnen: die Schaffung eines unter Kunden umfassend bekannten, leicht nachvollziehbaren und vor allem glaubwürdigen Labels für den gesamten Markt.
Mögliche Auswirkungen? Die angesichts der Greenwashing-Debatte arg in Mitleidenschaft gezogene Glaubwürdigkeit der Finanzbranche und ihrer nachhaltigen Produkte stiege. Berater, Vermittler und deren Kunden fänden endlich objektiv Orientierung und eine nachvollziehbare Vergleichsgröße unter den Produkten. Komplexität würde für beide Seiten reduziert und Berührungsängste zum Thema nachhaltige Finanzberatung sänken.
Kunden fühlten sich angesichts der Angebotsvielfalt sofort besser informiert und dazu ermächtigt informierte Kaufentscheidungen zu treffen. Und die Anbieter erhielten mit einheitlichen Benchmarks Orientierung und Anreize die Nachhaltigkeit ihrer Produkte kontinuierlich zu steigern.
Besser geht immer
Denn simpel heißt nicht substanzlos – das zeigt das EU-Energielabel eindrücklich. Hohes Vertrauen unter den Verbrauchern genießt es nämlich auch durch seine Wandelbarkeit. Als Innovationen und technischer Fortschritt bei den Elektrogeräten dazu führten, dass Unterschiede zwischen den Modellen kaum noch zu erkennen waren, schraubte die EU ihre Anforderungen einfach nach oben.
Wer eben mit seinem Kühlschrank noch bequem in der Spitzenklasse lag, fand sich plötzlich im Mittelfeld wieder und musste seine Anstrengungen für bessere Energieeffizienz ankurbeln – eine kontinuierliche und branchenweite Anhebung des Nachhaltigkeitsniveaus in punkto Energieverbrauch war die Folge. Und genau das ist meine Vision für unsere Finanz- und Versicherungsbranche.
Niemand ist von heute auf morgen perfekt – auch wir nicht. Nachhaltigkeit sollten wir deshalb als stetigen Prozess des Besserwerdens verstehen – und uns dabei gegenseitig inspirieren und motivieren. Ein dynamisches, einheitlich anerkanntes Label, das den Regulatorik-Dschungel lichtet, Vertrauen bei Vermittlern und Kunden aufbaut und uns zugleich dazu anspornt mit unseren nachhaltigen Produkten immer besser zu werden, würde genau diesen Prozess in Gang setzen.