Der Satz auf Seite 60 im Geschäftsbericht der Deka-Gruppe lässt sich getrost auch als Warnung verstehen: „Im Zertifikategeschäft steht 2023 unverändert die Nettovertriebsleistung für Retailkunden im Vordergrund.“ Retail-Kunden, das sind nämlich alle Normalos, die sich in einer Sparkasse zu einer Geldanlage beraten lassen. Und damit die Nettovertriebsleistung am Ende stimmt, kann es sein, dass ihnen ein Zertifikat empfohlen wird.
Zertifikate haben schon das Halbjahresergebnis der Fondsgesellschaft Deka gerettet, für knapp 11 Milliarden Euro setzte sie welche ab. Fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum und viel mehr als mit Investmentfonds.
Der Honorarberater Gunnar Marschke, warnte bereits im Blog von Hartmut Walz vor regelrechten Zertifikatewochen. Und zwar zu Recht. Denn Zertifikate sind nicht ganz einfach zu durchschauen und noch schwerer zu vergleichen. Und sie sind auch nicht für Leute geeignet, die sich vor Aktienrisiken fürchten. Denn meistens enthalten sie eins, und zwar nicht zu knapp.
Das Papier, das Marschke in seinem sehr lesenswerten Blog-Beispiel zeigt, ist noch recht einfach und im Grunde gar kein echtes Zertifikat: eine normale Anleihe der Bank Société Générale mit fester Laufzeit, festem Zins und festem Rückzahlpreis. Kein großer Haken dabei, kein Derivat, aber eben unverschämte Konditionen.
Auch die Derivateabteilung hat was davon
Der Markt für sogenannte Anlagezertifikate – die anderen sind die Hebelzertifikate – enthält drei große Produktgruppen, wenn man nach Börsenumsatz und Neuemissionen geht: Aktienanleihen, Discount-Zertifikate und Bonuszertifikate.
Der oft genutzte Begriff „strukturierte Anleihe“ ist dagegen gar keine richtige Produktkategorie. Er umfasst ganz einfach alle Anleihen, die nicht klassisch sind (siehe oben), sondern mit Derivate-Schmu und sonstigen Bedingungen verändert wurden. Deshalb heißt es im Deka-Bericht auf Seite 48: „Vom Zertifikateabsatz profitierte auch der Derivatehandel.“
Rein rechtlich betrachtet gehören übrigens alle Zertifikate zur Gattung der Anleihen, weil dahinter immer ein Emittent steht, der sie ausgegeben hat und am Ende den Rückzahlbetrag rausrücken muss.
Die Aktienanleihe
Doch gehen wir die drei genannten Zertifikatetypen durch und beginnen mit der Aktienanleihe. Denn sie lockt regelmäßig mit Zinsen über dem Marktniveau, hat aber einen Haken.
Wie der Name schon andeutet, sind Aktienanleihen an eine bestimmte Aktie gekoppelt. Sie ist der Basiswert, von dem das Endergebnis abhängt. Aktienanleihen haben feste Laufzeiten und feste Zinsen, die es jährlich oder halbjährlich bar aufs Konto gibt (kein Zinseszins!). Beides kann sich auch nicht ändern, sondern steht fest in den Bedingungen.
Läuft die Anleihe jedoch aus, gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder der Anleger bekommt den Nennwert (also 100 Prozent) plus letzten Zinsbetrag zurück. Dann hatte er einfach eine gute Zinsanlage.
Seite 2: Man muss die zugrunde liegende Aktie grundsätzlich mögen
Oder aber der Basiswert, also die Aktie, notiert am Rückzahltag unter einer vorher festgelegten Kursschwelle. Dann bekommt der Anleger nicht sein Geld zurück, sondern eine im Vorfeld festgelegte Zahl dieser Aktien. Dann hatte er zwar auch in diesem Fall ein ordentliches Zinseinkommen, denn das bleibt. Er steht aber mit Aktien da, die im schlimmsten Fall im Verlust liegen.
Das Prinzip beruht auf der Optionsstrategie Short-Put. Die läuft auch unter dem Titel „Erwerbsvorbereitung“ und ist eine Technik, um eine Aktie, die man ohnehin gerne hätte, ein wenig günstiger einzukaufen. Man verpflichtet sich, die Aktie zu einem bestimmten Preis zu kaufen und bekommt dafür am Optionsmarkt eine Prämie (quasi der Zins bei der Aktienanleihe).
Auch beim Short-Put behält man die Prämie in jedem Fall. Und am Laufzeitende passiert entweder nichts weiter, oder man bekommt die Aktien zum festgelegten Kurs angedient. Und dann wäre es hilfreich, wenn man mit dieser Aktie ohnehin schon geliebäugelt hätte.
Dasselbe gilt für Käufer von Aktienanleihen: Einfach nur davon auszugehen, dass der Aktienkurs über der Schwelle bleibt, reicht nicht aus. Man muss die zugrunde liegende Aktie definitiv mögen, denn die Aktienanleihe trägt das volle Risiko und fängt nur leichte Verluste ab.
Anleger dürfen sich vom flotten Zins also nicht blenden lassen, sondern müssen immer auch damit rechnen, am Ende diese Aktien zu bekommen und damit erst einmal unter Wasser zu landen.
Eine Variante, die das verhindern soll, ist die Aktienanleihe Protect (oder auch: Plus). Sie hat noch eine zweite Kursschwelle unter der ersten. Bleibt die unberührt, gibt es auch bei gefallenem Aktienkurs den Nominalwert der Aktienanleihe zurück. Wird sie irgendwann während der Laufzeit berührt, ist auch diese Reißleine futsch und alles bleibt beim alten.
Das Bonuszertifikat
Weiter geht es mit dem Bonuszertifikat. Auch das ist an eine Aktie oder einen Aktienindex gekoppelt und folgt grundsätzlich deren Kursverlauf. Es verspricht aber zum Laufzeitende einen bestimmten Rückzahlbetrag, der zugleich eine durchaus ansehnliche Rendite enthält. Damit verdienen Anleger sogar dann was, wenn sich der Basiswert nicht bewegt. Seitwärtsrendite nennt man das.
Steigt der Kurs des Basiswerts besonders stark, kann der Wert des Bonuszertifikats dem auch über den versprochenen Bonusbetrag hinaus folgen. Die Gewinnchancen sind also nicht gedeckelt.
Ungünstig ist es hingegen dann, wenn der Basiswert unter eine im Vorfeld festgelegte Schwelle fällt, die Barriere. Dann verfällt der Bonus sofort und unwiederbringlich, und das Zertifikat folgt einfach nur noch dem Basiswert. Und nicht mal das, denn es enthält nicht die Dividende (die behält der Emittent).
Seite 3: Discount-Zertifikat tanzt aus der Reihe
Damit schützt ein Bonuszertifikat wie die Aktienanleihe auch nur vor leichten Verlusten einer Aktie oder eines Index. Vor starken aber nicht. Sollte es nicht andersherum sein? Das muss jeder selbst entscheiden.
Das Bonuszertifikat beruht übrigens nicht auf einer einzelnen Optionsstrategie. Es ist aus mehreren Derivaten zusammengesetzt.
Das Discount-Zertifikat
Und zuletzt noch das Discount-Zertifikat. Das tanzt ein bisschen aus dieser Reihe, weil es von vornherein keine feste Rendite verspricht. Nicht mal mit Nebenbedingung. Stattdessen werden die Zertifikate mit (meist deutlichem) Abschlag zum Basiswert (Aktie oder Index) notiert. Im Laufe der Laufzeit verringert sich dieser Abschlag, das Zertifikat holt also quasi auf. Damit läuft es relativ betrachtet besser als der Basiswert. Diese Überrendite ist der Sinn der Übung.
Der Haken liegt darin, dass der Gewinn gedeckelt ist. Das Discount-Zertifikat folgt dem Basiswert nur bis zu einem vorher bestimmten Maximalkurs. Verluste bleiben dagegen unbegrenzt. Allerdings wiegen sie nicht ganz so schwer wie beim direkten Kauf der Aktie, denn den Discounter hat man ja billiger bekommen.
Auch das Discount-Zertifikat spiegelt eine alte Optionsstrategie wider: den Short-Call. Der ist ein bewährtes Mittel, um sich was hinzuzuverdienen, wenn man die Aktie schon hat (!). Dann stellt man sie für einen bestimmten (höheren) Kurs eine Zeit lang zum Verkauf und deckelt damit die eigene Gewinnchance. Meist macht man das, wenn die Aktie ohnehin schon gut gelaufen ist.
Für das Recht gibt es wie beim Short-Put sofort eine Prämie, die man behalten darf. Das ist die Zusatzrendite. Am Laufzeitende wird man die Aktie zum vorher festgelegten Preis los, nämlich wenn sie darübergestiegen ist. Oder man behält sie einfach.