Kommentar zu Telematik-Tarifen

„Viele Verbraucher sind bereit, für einen Vorteil Daten preiszugeben“

Telematik-Tarife sind sinnvoll und können sich auch in Deutschland durchsetzen. Dafür müssen Versicherer Daten allerdings zielgerichteter erheben und auswerten, erklärt Gero Nießen, Direktor bei der Unternehmensberatung Towers Watson, in seinem Kommentar.
© Towers Watson
Gero Nießen ist Direktor bei der Unternehmensberatung Towers Watson.

Immer mehr deutsche Versicherer wagen sich 2015 mit Telematik-Tarifen aus der Deckung. Was Verbraucher vielfach nicht wissen: Bisherige Telematik-Tarife basieren nur auf wenigen Daten und werden noch nicht mit den relevanten Vergleichsdaten abgeglichen. So können sie derzeit gar nicht die Vorteile erbringen, die mittels Telematik möglich sind und in anderen Märkten bereits sehr erfolgreich realisiert werden. Versicherer müssen ihre Methodik deshalb dringend verfeinern.

Drei Schritte auf dem Weg dorthin:

1. Mehr Mut zu vollständiger Datenerhebung

Telematik-Geräte senden die individuellen Fahrdaten meist direkt an den IT-Partner des Versicherers. Dieser sammelt die Daten und ermittelt daraus einen Risiko-Score, der dann dem Versicherer zur Prämienbestimmung zur Verfügung gestellt wird. Damit der Score aber den Tarif des Versicherers bestmöglich ergänzen kann, sind zwei Kriterien maßgeblich: Die Vollständigkeit der Daten und der Vergleich mit den Daten anderer Fahrer.

In punkto Vollständigkeit ist klar: Nur der sekündliche Informationsfluss garantiert, dass das Fahrverhalten adäquat im Kontext analysiert werden kann. Anhand von Geschwindigkeits- und Richtungsänderungen können zum Beispiel Fahrmanöver wie ein Überholvorgang identifiziert und auch risikotechnisch klassifiziert werden: Musste der Überholvorgang vorzeitig abgebrochen werden oder zeigen die Daten ein weitsichtiges Überholen an? Welche Wetterverhältnisse und Straßenzustände herrschten zum entsprechenden Zeitpunkt?

All diese Informationen sollten die Bestands- und Schadendaten des Versicherers ergänzen. Nur dann ist die Ableitung aussagekräftiger Merkmale zur Tarifierung möglich.

2. Datenpools bilden

Darüber hinaus sind Vergleichsdaten enorm wichtig. In den USA greifen Versicherer beispielsweise auf gemeinschaftliche Datenpools zurück, in denen dann eine signifikante Masse von Autofahrten sowie Schadenerfahrung zur Verfügung stehen. So lässt sich statistisch wirklich ableiten, welche Fahrmanöver wie schadenträchtig sind.

Hierzulande verfolgen Versicherer aber bislang eher abgespeckte Konzepte, mit denen sie die Telematik-Daten ihrer Kunden nicht in einen relevanten Kontext setzen können. Die Schadenerfahrungen eines einzelnen Versicherers aus den aktuellen Pilotversuchen sind für die Ableitung eines risikogerechten „Scores“ bei weitem nicht ausreichend.

3. Die Diskussion versachlichen

In den vergangenen Jahren zeigten Studien, dass Autofahrer Telematik-Tarife interessant finden, wenn sie dadurch Prämien einsparen können oder die Sicherheit von Familienmitgliedern substanziell erhöhen können. Doch die Debatte um Datenschutz und Big-Brother-Fantasien bleibt hitzig.

Versicherer müssen deshalb klarer kommunizieren, wie Daten erhoben, verwertet und für die Tarifierung genutzt werden: Kunden müssen wissen, wie ihre Fahrdaten gespeichert werden und ob sie für die Nutzung durch Dritte zur Verfügung stehen. Das Verhalten von Nutzern sozialer Netzwerke zeigt, dass ein großer Teil der Bevölkerung bereit ist, für einen Vorteil Daten preiszugeben.

Fazit: Telematik-Tarife werden sich in bestimmten Segmenten durchsetzen. Um wirklich wettbewerbsfähig zu sein, haben die Anbieter die Nase vorn, die bei der Datenerhebung konsequent und umfassend vorgehen. Wer bei Telematik zu langsam ist, wird langfristig die schlechteren Risiken im Portfolio haben.

Der Autor Gero Nießen ist Direktor bei der internationalen Unternehmensberatung Towers Watson in Köln und dort spezialisiert auf Pricing und Produktmanagement in der Sachversicherung.

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