Viele Menschen in Deutschland legen zunehmend Wert darauf, ihren Alltag möglichst umweltschonend zu gestalten. Sie kaufen im Unverpackt-Laden, essen weniger Fleisch, wechseln zu Ökostrom. Zugegeben gehört das Autofahren nun nicht unbedingt zu den Maßnahmen, die man als besonders nachhaltig einordnen würde. Aber auch hier tut sich was. Der Anteil an Autos mit hybriden Antrieben legt zu – im vergangenen Jahr sogar ziemlich explosionsartig. Fast verdoppelt haben sich die Neuzulassungen von Elektro- und Hybridfahrzeugen im Jahr 2019, belegen Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts.
Und auch wenn es um die Absicherung des eigenen Wagens geht, greifen die Bundesbürger dabei nun des Öfteren zu Kfz-Versicherungen, die einen „grünen“ Baustein haben. „Wir sehen eine stetige, aber keine explosionsartige Zunahme des Interesses“, sagt Oliver Lang, Chef des digitalen Versicherers One, der die Kfz-Versicherungen „One Switch green“, „One Comfort green“ und „One Compact green“ mit der nachhaltigen Versicherungsmarke „grün versichert“ vertreibt. Es gehe eher langsam voran, weil das Angebot an grünen Versicherungen noch immer recht überschaubar sei. Lang: „Entsprechend wissen nur wenige Vertriebe und Kunden von dem Angebot. Das Bewusstwerden grüner Versicherungsprodukte steigt mit dem Angebot. Und das ist noch zu dünn.“
Welche Modelle gibt es bisher am Markt? Das ist recht unterschiedlich. Ein Ansatz ist es, für jeden verkauften Kfz-Vertrag zum Beispiel einen Baum zu pflanzen und die Kapitalanlage nachhaltig aufzustellen. Das macht beispielsweise Pangaea Life so, die grüne Tochter der Bayerischen. Sie hat die Kfz-Versicherung für Elektro- und Hybridautos, eDrive, im Angebot, die genau auf diese beiden Punkte setzt. „Von vornherein ausgeschlossen bei der Kapitalanlage sind beispielsweise Investitionen in Sektoren wie Atomenergie, Rüstung, Schweröl, Kohle, Tabak oder Pornografie. Auch Investitionen in Sektoren, die mit Kinderarbeit in Verbindung stehen oder in denen inhumane Arbeitsbedingungen herrschen, haben keine Chance“, erklärt Martin Gräfer, Vorstand Versicherungsgruppe die Bayerische, das Vorgehen.
Pro Vertrag wird ein Baum gepflanzt
In die gleiche Richtung geht auch die Itzehoer mit ihrer Kfz-Versicherung. „Wir arbeiten eng mit unserem Partner, der bessergrün GmbH, zusammen, um zwei transparente Mehrwerte anbieten zu können“, sagt Frederik Waller, Abteilungsleiter der Maklerdirektion Vertrieb bei der Itzehoer. „Erstens: Ein Äquivalent des Jahresbeitrags wird in nachhaltige Kapitalanlagen investiert. Die Kriterien sind von bessergrün vorgegeben und orientieren sich an den sogenannten ESG-Standards.“ Zweitens werde auch hier für jeden Kfz-Vertrag ein Baum in Deutschland gepflanzt. Die ersten 10.000 Bäume stehen schon in Niendorf in Schleswig-Holstein, freut sich Waller.
Bei One achtet man ebenfalls darauf, nur in umweltfreundliche und nachhaltige Kapitalanlagen zu investieren. Das Bäumepflanzen läuft über eine Spende an die wohltätige Organisation „We Forest“, die mit dem Geld den Regenwald aufforstet. Die Organisation lege darüber „detailliert Bericht ab, und wir haben uns bereits selbst vor Ort von den Erfolgen der Stiftung überzeugt“, so Lang. „In Summe konnten durch die Spenden aus ,grün versichert‘-Tarifen bereits mehr als 30.000 Bäume gepflanzt werden.“

Das ist dem Digitalversicherer aber nicht genug. Zukünftig will man die „grün versichert“-Tarife um weitere Merkmale ergänzen. Lang: „So versuchen wir, für den Schadenfall zertifizierte Partner zu finden, die Reparaturen und Entsorgung beschädigter Fahrzeuge umweltfreundlich erledigen. Das kann zum Beispiel geschehen, indem umweltfreundliche Lacke verwendet werden oder die Ersatzteillogistik mit nachhaltigen Transportmitteln erfolgt. Den dafür fälligen Aufpreis werden wir unseren Kunden dann erstatten.“
Eine weitere Idee sei der eingebaute CO₂-Ausgleich im Produkt. „Als Versicherer wissen wir sehr genau, wie viele Kilometer unsere Kunden fahren. Wir wissen auch, welches Fahrzeug mit welcher Motorisierung unsere Kunden verwenden. Im Telematik-Tarif, der nächstes Jahr startet, kennen wir sogar die Fahrweise des Kunden. Daher können wir individuell und präzise den CO₂-Fußabdruck unserer Kunden bestimmen und ihnen ermöglichen, diesen durch Förderung entsprechender Projekte zu neutralisieren“, erläutert der Versicherungsmanager das geplante Konzept.
Je umweltfreundlicher das Auto, desto günstiger die Police
Einen etwas anderen Weg geht der ökologische Verkehrsclub VCD. Über seine Tochter VCD Service GmbH verkauft der Club unter anderem den nachhaltigen Kfz-Tarif „VCD Eco-Line“. Der Clou: Gemeinsam mit dem Direktversicherer DA Direkt hat man, basierend auf den langjährigen Erfahrungen des Clubs, ein differenziertes Rabattsystem entwickelt. „Je umweltfreundlicher ein Kfz im Sinne dieser VCD-Autoumweltliste abschneidet, umso günstiger wird die Versicherungsprämie“, erklärt Geschäftsführer Stephan Oldenburg. Neben dem Verbrauch spielen dabei der CO₂-Ausstoß und die Schadstoffklasse des Fahrzeugs eine Rolle.
Haben Vermittler also Kunden, denen das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, gibt es jetzt schon Möglichkeiten, ihnen grüne Kfz-Versicherungen anzubieten. Auch wenn das jetzt eventuell noch eher vereinzelt der Fall ist – das Thema dürfte in rund einem Jahr deutlich mehr Schwung bekommen. Denn dann müssen Versicherungsvermittler bei der Beratung auch die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden abfragen. Wer sich jetzt schon auf Nachhaltigkeit spezialisiert, kann sich einen formidablen Vorsprung auf die Beraterkollegen herausarbeiten. „Die Spezialisierung auf das ‚grüne Thema‘ bringt aus unserer Sicht klare Vorteile in einer interessanten Zielgruppe und sichert einen Wissensvorsprung. Am Thema Nachhaltigkeit wird zukünftig niemand mehr vorbeikommen“, sagt Oldenburg.
„Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht uns alle an“, stimmt Bayerische-Vorstand Martin Gräfer zu. „Der Vermittler und Makler, der sich diesem Thema stellt, besetzt ein außerordentlich relevantes Zukunftsthema. Das ist wirtschaftlich sinnvoll und überaus sympathisch.“ Und man sei mehr als nur ein menschlicher Preis-Leistungs-Vergleicher, stimmt auch Itzehoer-Mann Frederik Waller zu. „Insbesondere Kundenbindung benötigt andere und auch höhere Werte. Mit den eigenen Kunden über die relevanten Themen im Leben zu sprechen und auch dafür konkrete Angebote zu haben ist absolut relevant“, sagt er.
One-Geschäftsführer Oliver Lang geht hier noch einen Schritt weiter: „In einigen Jahren wird es unserer Ansicht nach für viele Kunden ein Ausschlusskriterium sein, wenn Vermittler kein nachhaltiges Angebot machen können. Spätestens dann müssen Vermittler ohne jegliche Kompetenz in Nachhaltigkeit um ihr Geschäft bangen. Vermittler, die in letzter Minute auf den Nachhaltigkeitszug aufspringen, laufen Gefahr, von ihren Kunden als ‚Ewiggestrige‘ oder ‚Alibi-Nachhaltigkeitsvermittler‘ wahrgenommen zu werden. Der heutige Fokus auf Nachhaltigkeit bringt also nicht nur aktuell schon neue Kunden, er sichert auch zukünftig den Bestand.“
Aber auch die Versicherer selbst stehen in der Pflicht, findet der auf nachhaltige Konzepte spezialisierte Versicherungsmakler Volkmar H. Haegele von grün vorsorgen. „Die Versicherungen könnten noch wesentlich mehr tun, als Bäume pflanzen. Es geht nicht um Greenwashing, sondern darum, zukünftig jeden Euro der Kunden und Gesellschaften so zu investieren, dass weder das Klima, die Umwelt noch die Menschen dadurch weiter Schaden nehmen. Nachhaltig handeln heißt auch, Ressourcen zu schonen – und das beginnt schon bei der papierlosen, CO₂-neutralen Antragsstrecke.“

