Defino-Vorstand Möller zur DIN-Norm 77230

„Verkrustete Feindseligkeit zwischen Branche und Verbraucherschutz aufbrechen“

„Die Politik ist mit Ideen zur weiteren Regulierung der Branche noch längst nicht durch“, sagt Klaus Möller, Vorstand des Defino Instituts für Finanznorm. Die neue DIN-Norm 77230 sei daher eine große Chance, „ein seriöses Signal zu setzen – gerade jetzt!“. Im Interview mit Pfefferminzia sagt Möller, warum die Kritik an der Norm ins Leere ginge, wie der neue Branchen-Standard Beratern helfe und warum der Vorwurf des schlechten Timings unberechtigt sei.
© Defino
Klaus Möller ist Vorstand des Defino Institut für Finanznorm. Dieses hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, allgemeingültige und verlässliche Standards in der Finanzberatung in Deutschland zu initiieren und zu etablieren.

Pfefferminzia: Die Liste der Vorbehalte gegenüber der neuen DIN-Norm 77230 ist lang: Mal sei das Reformwerk zu oberflächlich geraten, mal zu tiefgehend, mal zu starr oder mit falschen Prioritäten versehen, so die Kritiker. Hätten Sie mit derartigem Widerstand gerechnet? Und was davon ist aus Ihrer Sicht Unsinn, was geht womöglich als berechtigte Kritik durch?

Klaus Möller:Ich habe mit deutlich mehr Widerstand gegen die Norm gerechnet. Er ist ja in Wirklichkeit gar nicht groß. Tatsächlich sind es ja nur ein paar wenige, aber dafür lautstarke Protagonisten, die sich immer wieder mit gleichlautenden Äußerungen zu Wort melden. Die DIN 77230 ist die erste DIN-Norm im Gesamtkontext der Finanzberatung in Deutschland. Dass ein solcher erster Versuch, zu einer zudem komplexen Fragestellung einen Konsens zu erarbeiten, in unserer weder konsensfreudigen noch innovativen Branche überhaupt erfolgreich abgeschlossen werden konnte, ist ein Erfolg an sich. Dass dieser Konsens von einer so breiten Mehrheit der Marktteilnehmer positiv aufgenommen würde, wie das tatsächlich der Fall ist, ist sehr erfreulich.

Da wo Kritik geäußert wird, entspringt sie häufig der Unkenntnis dessen, was tatsächlich in der Norm steht. Die Äußerungen im Rahmen des Pfefferminzia-Roundtables zum Thema Pflege sind schlicht Unsinn. Wenn jemand sagt, das Thema Pflege komme in der Norm nicht vor, dann ist das einfach falsch. Die Pflege kommt in der Norm sehr prominent vor! 

Unsinn ist auch, wenn sich der Sprecher von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mit der Aussage zitieren lässt, eine gute Diagnose bringe nichts, wenn in der Therapie immer noch Fehler gemacht werden könnten – als wenn die Fehlerwahrscheinlichkeit ohne gute Diagnose nicht viel höher wäre als mit.

Andere Kritiker haben das Wesen und den Sinn einer Norm nicht verstanden. Wenn beispielsweise Unternehmen äußern, man brauche die Norm nicht, weil man ja einen guten eigenen Standard habe, dann übersehen sie, dass jeder Verbands- oder Unternehmens-eigene Standard – und sei er noch so gut – bei den Verbrauchern unter dem Verdacht steht, die Unternehmensinteressen vor den Kundeninteressen bedienen zu wollen. Unternehmensstandards sind nicht reproduzierbar. Welchem Standard soll ein Verbraucher mehr glauben? Nur 26 Prozent der Menschen in Deutschland vertrauen dem Wohlwollen ihrer Finanz- oder Versicherungs-Institute. Die meisten vermuten hinter den Haus-Standards das, was die Politiker „Fehlanreize“ nennen. Dem steuert nur eine übergeordnete, im Branchenkonsens und unter Beteiligung des Verbraucherschutzes erarbeitete Norm entgegen.

Und wie sieht es mit berechtigteKritik aus?

Über einzelne Themen wie dem (fehlenden) Detaillierungsgrad der Altersvorsorge-Berechnung oder die Position einzelner Finanzthemen in der Rangfolge der Norm kann man diskutieren. Da gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Wir können die im Ausschuss getroffenen Vereinbarungen allerdings alle sehr gut begründen.

Welche Motivation haben die Gegner der DIN-Norm 77230 Ihrer Meinung nach? Lars Georg Volkmann, Vertriebsvorstand der VPV Versicherungen, argwöhnte jüngst, dass es manchen Kritikern überhaupt nicht passe, dass die Norm unter anderem zusammen mit Verbraucherschützern entwickelt wurde, wodurch deren „alte Freund-Feind-Muster“ unbrauchbar würden. Teilen Sie diese Sicht oder ist das zu pauschal?

Unkenntnis und Unverständnis sind die häufigsten Gründe für Kritik. Wir – und damit meine ich die Finanzbranche – brauchen einfach Zeit, um uns an den Gedanken zu gewöhnen, dass auch in unserer Branche übergreifende Standards hilfreich sein können.

In der Tat bietet Konsensarbeit unter Moderation des Deutschen Instituts für Normung DIN eine Chance, die verkrustete Feindseligkeit zwischen Branche und Verbraucherschutz aufzubrechen. Denn alle Projekte beim DIN werden auch vom Verbraucherschutz begleitet. Wir sind froh, dass die Stiftung Warentest und der Verbraucherrat beim DIN die Arbeit an der DIN 77230 sehr konstruktiv begleiteten. Und an den spärlichen von den Verbraucherzentralen vorgetragenen Argumenten gegen die Norm ist zu erkennen, dass es in dieser Sache dort eher um das Aufrechterhalten des Freund-Feind-Musters und weniger um mehr Verbraucherschutz geht.

Ein weiteres Argument der DIN-Norm-Gegner ist, dass Berater in der Folge „wegrationalisiert würden“. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Zunächst ist die Norm ein Werkzeug für einen Vorgang, den Berater eh verpflichtet sind zu gehen: Die Finanzanalyse des Kunden. Da kann ich kein Weg-Rationalisieren erkennen. Und: Für eine Selbstanalyse ihrer finanziellen Situation durch Kunden ist die vollständige Umsetzung der Norm völlig ungeeignet. Bei allem Bemühen um Einfachheit ist die Norm dafür zu komplex. Sie hat eben einen ganzheitlichen Anspruch – und das Leben ist nun mal komplex.

Die Norm hilft vielmehr bei der Beratergewinnung. Ich höre aus den Unternehmen, die jetzt nach der Norm arbeiten, dass ihnen heute die Rekrutierung junger Mitarbeiter deutlich leichter fällt als vorher. Die an der Finanzberater-Tätigkeit interessierten jungen Leute erkennen und schätzen, dass die Berufung auf die DIN-Norm ihnen eine bessere Reputation, mehr Vertrauenswürdigkeit und Verlässlichkeit gibt. 

Selbst einige wohlmeinende Vertriebsexperten sagen zur Norm: „Eigentlich eine gute Sache, aber das Timing ist schlecht“. Angesichts von IDD, LVRG II etc. pp. bräuchten die Vermittler eine Regulierungspause. Wie gehen Sie mit derlei Bedenken um?  

Wann ist das Timing schon gut? Als wir im Jahre 2012 die erste Initiative bei DIN auf die SPEC 77222 ergriffen, hatten sich nur wenige in der Branche wirklich für die „gute Sache“ interessiert. Seitdem mussten sechs Jahre vergehen, bevor die Norm fertig wurde. 

Hätten wir früher angefangen, uns mit Standardisierung im Branchenkonsens zu beschäftigen, wäre uns vielleicht das ein oder andere politische Oktroi erspart geblieben, das uns heute Kopfzerbrechen macht. Die Politik ist mit Ideen zur weiteren Regulierung der Branche noch längst nicht durch. Man denke nur an die permanenten Diskussionen über Deckelung oder Abschaffung der Provisionen. Dem kann sich die Branche nur durch klare und übergreifende Qualitätsbekenntnisse und -verpflichtungen entgegenstellen. Alle bisherigen Initiativen haben da zu kurz gegriffen. Normung hat aber eine Chance, ein seriöses Signal zu setzen – gerade jetzt! Die Politik sagt: Macht weiter mit Normung! Was Ihr selbst regelt, müssen wir nicht anpacken.

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Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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