Zum zweiten Mal mussten die Versicherer, die unter die Regeln des europaweit geltenden Regimes Solvency II fallen, in diesem Jahr die geforderten Berichte der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zu ihrer Finanzlage vorlegen. Das Ergebnis: Es gibt Fortschritte. So zeigt sich die Behörde recht zufrieden und fasst zusammen, dass sich einige Berichte „qualitativ sogar deutlich verbessert“ haben.
Eine wichtige Kennzahl in diesem Zusammenhang ist die Solvenzquote. „Sie gibt an, wie viel Eigenkapital einem sogenannten 200-Jahres-Stressereignis gegenübersteht“, sagt Johannes Bender, Leitender Analyst bei der Rating-Agentur S&P Global Ratings. Hat also ein Unternehmen genug Kapitalreserven für Negativszenarien, die statistisch gesehen einmal in 200 Jahren eintreten? Das sind zum Beispiel heftige Crashs am Aktienmarkt, eine schnelle Veränderung der Lebenserwartung, Großschäden durch Naturkatastrophen oder ein starker Anstieg von Krankenversicherungsleistungen durch Epidemien. Bei einer Solvenzquote von 100 Prozent, hat der Versicherer also gerade genug Eigenkapital für solch ein Ereignis.
„Bei den meisten Versicherungsgruppen hierzulande beträgt diese Quote teilweise deutlich über 200 Prozent. Nähert sich dieser Wert der 100-Prozent-Marke, beobachtet die Bafin intensiver und kann unterschiedliche aufsichtsrechtliche Maßnahmen ergreifen“, sagt Bender.
Rating-Agenturen wie S&P Global Ratings geben kontinuierlich eine Einschätzung für die Unternehmen. Ihre Noten dienten schon vor Solvency II vielen Marktteilnehmern als Orientierung. „Um die Solvenzquote nach Solvency II zu ermitteln, greifen in Deutschland wenige, meist große Versicherungsgruppen wie Allianz, Münchener Rück, Hannover Rück oder Talanx auf interne Modelle zurück“, sagt Silke Longoni, Mathematikerin und Aktuarin bei S&P und für den deutschen Versicherungsmarkt zuständig. „Die meisten anderen nutzen das Standardmodell des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft als Basis für ihre Solvenzberechnung. Allerdings bietet dieses ebenfalls einige Wahlmöglichkeiten, welche die Vergleichbarkeit der Solvenzquoten erschweren.“
In der S&P-Analyse ist die Kapitaladäquanz ein wichtiger Faktor. Dabei verwendet S&P für seine Analysen zur Kapitalausstattung seit über 20 Jahren ein eigenes risikobasiertes Modell, welches eine globale Vergleichbarkeit zwischen Versicherern in den verschiedenen Regionen ermöglicht. Wie bei der Solvenzquote unter Solvency II wird das vorhandene Kapital ins Verhältnis zum Kapitalbedarf für mögliche Risiken gesetzt. Ein Rating von S&P basiert auf einer Prognose der Kapitalausstattung und Kapitalanforderung für die nächsten zwei bis drei Jahre.
„Für eine belastbare Beurteilung eines Unternehmens ist es jedoch unabdingbar, sich eine Vielzahl von Kennzahlen anzuschauen“, sagt Longoni. „Denn jede Kennzahl für sich genommen hat Stärken und Schwächen. Erst im Zusammenhang ergibt sich ein umfassendes Bild.“ Im S&P-Rating-Prozess fließen daher Umsatz und Gewinn mit ihren jeweiligen zwei bis drei Jahresprognosen ein. Auch Verhältniszahlen beispielsweise die Schaden-Kostenquote oder die Umsatz- beziehungsweise Eigenkapitalrentabilität oder die Fremdkapitalquote spielen eine wichtige Rolle. „Zusatzreserven, Rückstellungen und der Rohüberschuss sind weitere Faktoren, die wir analysieren“, ergänzt Longoni.
Die Schaden-Kostenquote etwa gibt für die Schaden-Unfallversicherung Aufschluss, wie viel für Versicherungsschäden und Kosten für die Verwaltung ausgegeben wurden im Verhältnis zu den erhaltenen Versicherungsprämien. Liegt diese Kennzahl über 100 Prozent, können die Prämien nicht die angefallenen Schäden und Kosten decken.
Die Umsatzrentabilität setzt das Vorsteuerergebnis ins Verhältnis zum Umsatz aus den Prämien und den Kapitalanlageerträgen. „Diese Kennzahl ist allerdings eher geeignet für die Schaden- und Unfallversicherungen und weniger für die Lebensversicherung“, so Bender. Die Eigenkapitalrentabilität bildet ein Verhältnis von Jahresüberschuss und durchschnittlichem Eigenkapital. Wie bei der Umsatzrentabilität gilt, je höher, desto profitabler wirtschaftet ein Versicherer. Zu beachten ist hier wiederum, dass auch die Höhe des Eigenkapitals eine wichtige Rolle für die Interpretation spielt. „Zudem muss die Gesellschaftsform des Versicherers berücksichtigt werden. Ein Verein auf Gegenseitigkeit behält seinen Gewinn weitestgehend ein und baut damit Eigenkapital weiter auf. Damit ist das Eigenkapital bei gut wirtschaftenden Vereinen tendenziell größer als bei vergleichbaren Aktiengesellschaften, die Gewinne ausschütten. Jedoch ist die ausgewiesene Eigenkapitalrentabilität tendenziell kleiner“, sagt Silke Longoni.
Bei der Fremdkapitalquote wird das Fremdkapital ins Verhältnis zum Gesamtkapital gestellt. S&P bewertet einen Verschuldungsgrad bis etwa 20 Prozent als vorteilhaft und höher als 40 Prozent als eher kritisch.
Allerdings erlaubt die Betrachtung von Kennzahlen zu einem retrospektiven Stichtag auch einen unvollständigen Einblick. Darum spielen neben den quantitativen Faktoren auch qualitative Betrachtungen eine wichtige Rolle in der Rating-Einschätzung. Die S&P-Analysten setzen zusätzlich zu ihrem Kapitalmodell auf Basis von Zahlen und Daten auf weichere Informationen. Johannes Bender: „Die Stärke der Marke und des Vertriebs beispielsweise runden das errechnete Bild ab. Insbesondere die Zukunftsfähigkeit steht dabei im Fokus.“
Die öffentlich erhältlichen Geschäftsberichte werden ebenso genutzt wie der Solvenzbericht sowie die im Unternehmen vorhandenen, jedoch üblicherweise nicht jedem zugänglichen, Risiko- und Reservierungsberichte. „Diese Ausarbeitungen fragen wir gezielt an und ergänzen sie um Diskussionen, die wir mit den Gesellschaften zur Steuerung und Strategie ihrer Unternehmen führen“, erklärt Longoni die Vorgehensweise beim Rating. Zwar sei es schwer, einen Blick in die Zukunft zu werfen. „Alle agieren in den gleichen Marktbedingungen, und doch unterscheiden sie sich nicht nur hinsichtlich ihrer Finanzstärke, sondern eben auch in der Geschäftsstrategie, dem Risikoappetit in den Produkten und der vertrieblichen Aufstellung.“
Seit der Einführung von Solvency II sehen Bender und Longoni positive Effekte in der Versicherungsbranche. Beispielweise habe sich bereits während der Vorbereitungsphase das Risikomanagement positiv verändert. Das Bewusstsein für die Bemessung von Risiken sei gestiegen und werde in der Geschäftsplanung integriert berücksichtigt. Ein weiterer Einfluss sei in der Produktlandschaft zu bemerken, vor allem auch angesichts der anhaltend niedrigen Zinsen.
„Ein Trend, der sich fortsetzen wird, ist, klassische laufende Zinsgarantien in den Lebensversicherungsprodukten durch anders geartete, kapitalschonende Garantien zu ersetzen“, so Silke Longoni.
Für die Zukunft erwarten die Experten weitere Veränderungen, insbesondere angesichts des leichten Zinsanstiegs. Das wird sich auf die Solvenzquote auswirken. Denn bei steigenden Zinsen, verändert sich die Zinskurve im Solvabilitätsmodell und die Risikosituation im Solvenzmodell verbessert sich abhängig vom Geschäftsprofil. Und nicht nur das: Auch die nächsten Änderungen durch die Europäische Kommission stehen vor der Tür. Denn die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa hat in einem entsprechenden Papier einige Korrekturen vorgeschlagen. Beispielsweise soll das Zinsmodul, anders als bisher, negative Zinsen in den Stress-Szenarien berücksichtigen können, die durch die langandauernde Niedrigzinsphase teilweise erreicht wurden.
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