Seit dem 17. Januar 2025 muss die Dora-Verordnung (Digital Operational Resilience Act) der Europäischen Union umgesetzt sein. Das Ziel: die Cybersicherheit im Finanzsektor europaweit zu stärken und dessen digitale Widerstandsfähigkeit nachhaltig zu verbessern.
Zwei Jahre hatten die betroffenen Unternehmen Zeit, die neuen für alle gleichermaßen geltenden Anforderungen zu implementieren – eine Frist, die von Beginn an kritisch hinterfragt wurde und noch heute zu hinterfragen ist.
Bereits seit der Verabschiedung von Dora im November 2022 gab es erhebliche Bedenken seitens der Branche. Die Regulierung verpflichtet alle Finanzinstitute in der EU, darunter Banken, Versicherer, Investmentgesellschaften und Zahlungsdienstleister, robuste Mechanismen zur Identifikation, Überwachung und Bewältigung digitaler Risiken einzuführen.
Schnell wurde deutlich, dass die straffen Fristen und die weitreichenden Anforderungen viele Unternehmen vor große Herausforderungen stellen würden. Auch jetzt reißt die Kritik nicht ab: Noch immer fehlten entscheidende Detailvorgaben, was die Umsetzung zusätzlich erschwere, moniert die Branche.
Zu viel Regulierung?
Die Kritik an Dora ist nicht unbegründet. Die Verordnung stellte und stellt hohe Anforderungen innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit. Der notwendige Aufwand ist immens. Kaum ein Unternehmen erfüllt Dora heute in Gänze. Ganz im Gegenteil: Einige Unternehmen werden ihre Umsetzungsprojekte erst in zwei oder drei Jahren abschließen können. Überraschend ist das nicht. Bereits vor einigen Wochen hatten die nationalen und europäischen Aufsichtsbehörden signalisiert, nicht mit einer vollständigen Umsetzung durch alle Unternehmen zu rechnen.
Besonders kleinere und mittlere Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen. Häufig fehlen ihnen schlicht die personellen Ressourcen, um Dora fristgerecht umzusetzen. Zwar beinhaltet die Verordnung einen Proportionalitätsansatz, doch dieser reicht nicht aus, um den Aufwand für kleinere Akteure entscheidend zu reduzieren. Auch größere Unternehmen, die über umfangreichere Kapazitäten verfügen, sind stark gefordert – hier liegt die Herausforderung vielmehr in der enormen Komplexität der Umsetzung.
Stufenweiser Ansatz wäre besser
Eine schrittweise Einführung von Dora hätte die Umsetzung erleichtert. Statt sämtliche Anforderungen auf einmal verbindlich zu machen, wäre es sinnvoll gewesen, zunächst zentrale Bereiche wie das Provider-Management zu priorisieren und weitere Komponenten sukzessive zu ergänzen. Ein solches Vorgehen hätte die Belastung gleichmäßiger verteilt und die Effizienz möglicherweise gesteigert.
Der Deutschen Finanzmarktauficht Bafin muss man zugutehalten, dass im Rahmen einer eigenen Website sowie FAQ alles getan wurde, um zu informieren. Zudem hatte man in Deutschland Rundschreiben wie die BAIT oder die VAIT, welche bereits große Teile der Dora abdeckten, ja sogar mehr als die Dora regelten. Andere europäische Mitgliedstaaten hatten derartige aufsichtsrechtliche Regulierungsstandards nicht.
Seite 2: Welches wichtige Anliegen Dora wirklich anspricht
Doch nicht nur der Regulator scheint die Tragweite von Dora unterschätzt zu haben – auch viele Unternehmen haben das Regelwerk erst spät ernst genommen. Bereits mit den ersten Entwürfen vor vier Jahren war erkennbar, dass Dora tiefgreifende Veränderungen mit sich bringen würde. Dennoch haben sich viele Unternehmen erst spät mit der Umsetzung befasst. Einige begannen sogar erst 2024 mit einer Gap-Analyse, manche tatsächlichen Umsetzungsprojekte starten sogar erst in diesem Jahr.
Nun setzen viele Unternehmen auf eine Minimalstrategie: Sie konzentrieren sich auf die unbedingt erforderlichen Maßnahmen, um den regulatorischen Anforderungen gerade so zu genügen. In der Praxis bedeutet dies, dass sie erst auf eine Prüfung warten, bevor weitergehende Anpassungen vorgenommen werden. Diese Strategie birgt jedoch Risiken. Bislang ist unklar, wie die Prüfer – und damit auch die Aufsicht – die Umsetzung letztlich bewerten werden.
Cybersicherheit war und bleibt ein zentrales Thema – auch ohne Dora
Unbestritten adressiert Dora ein wichtiges Anliegen: Cybersicherheit ist essenziell für die Zukunftsfähigkeit des Finanzsektors. Doch ob die Verordnung tatsächlich einen nachhaltigen Sicherheitsgewinn bringt, bleibt fraglich. Zwar will die Verordnung einheitliche europäische Standards schaffen, aber Cybersicherheit ist längst ein etabliertes Thema, in das Unternehmen bereits erhebliche investiert haben. Verschlüsselungskonzepte sowie Rollen- und Berechtigungsmodelle gehören vielerorts zum Standard.
Dora zwingt Unternehmen nun, bestehende Maßnahmen noch weiter beziehungsweise detaillierter auszubauen – mit der Gefahr, dass der zusätzliche Aufwand nicht in gleichem Maße zu erhöhter Sicherheit führt. Es wäre möglicherweise effizienter gewesen, in gewissen Bereichen stärker auf Marktmechanismen zu vertrauen, statt eine derartige umfassende Regulierung zu schaffen, die teilweise als Überregulierung empfunden wird.
An einem Punkt erfüllt Dora die eigenen Ziele jedoch sehr gut: beim sogenannten IKT-Drittparteienrisiko. Hier wird ein klarer Bedarf adressiert. Künftig werden externe IT-Dienstleister, die für den Finanzsektor essenziell sind, stärker beaufsichtigt und bewertet, sowohl national als auch europäisch. Dies trägt dazu bei, potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und Dienstleister zu identifizieren, die kritisch sind, da sie beispielsweise für sehr viele Unternehmen tätig sind.
Der Vorfall um Crowdstrike, bei dem ein fehlerhaftes Update weltweit zu IT-Ausfällen führte, hat eindrücklich gezeigt, wie verletzlich gesamte Branchen gegenüber Ausfällen zentraler Anbieter sein können. In diesem Bereich setzt Dora zweifellos an der richtigen Stelle an.
Der regulatorische Druck steigt weiter
Dora ist nun Realität – und wird es bleiben. Die kommenden Monate werden zeigen, wo Anpassungen erforderlich sind und welche Aspekte möglicherweise präzisiert werden müssen. Unternehmen sollten sich jedoch nicht darauf verlassen, dass weitere Verzögerungen gewährt werden. Vielmehr gilt es, die Umsetzung entschlossen voranzutreiben, denn die nächste große regulatorische Herausforderung zeichnet sich bereits ab: Fida (Financial Data Access) wird mit umfangreichen technischen Anforderungen neue Maßstäbe setzen. Der regulatorische Druck wächst – und mit ihm die Notwendigkeit, frühzeitig vorbereitet zu sein.
Über den Autor
Christian Brockhausen, MBA, ist Associate Partner bei Wavestone Germany in München und verantwortet den Bereich Compliance Audit & Regulatory (CAR). Zudem ist er zertifizierter Anti Financial Crime Officer, Compliance Auditor sowie Datenschutzbeauftragter. Er hält seit Jahren Seminare, tritt als Redner auf und publiziert regelmäßig Fachbeiträge und fungiert zudem als Interims Manager (Compliance und Datenschutz).
