Pfefferminzia: Ist der deutsche Versicherungsmarkt überreguliert?
Hato Schmeiser: In der Versicherungsindustrie haben wir nach der Finanzkrise eine sehr starke Re-Regulierung erlebt. Die Stoßrichtung zu einer risikobasierten Solvenzaufsicht ist gut, aber man ist mit dem Umfang des Projekts in 15 Jahren Entwicklungszeit zu weit gegangen. Auch die Komplexität der IDD geht weit über das gewünschte Ziel hinaus. Problematisch erscheint mir, dass man die Kunden, die man vorgibt schützen zu wollen, überhaupt nicht gefragt hat, wie viel Sicherheit sie sich wünschen – und vor allem, wie viel sie bereit sind dafür zusätzlich zu bezahlen.
Sind denn die ursprünglichen Ziele erreicht worden?
Welche denn genau? In vielen Dokumenten sind Ziele nur sehr unscharf formuliert. Und deshalb auch nur schwer messbar. Man kann kaum sagen, ob ein Ziel erreicht worden ist, weil man fast nichts konkret vorgegeben hat. Ohne klare Vorgaben ist eine Performance-Messung ausgeschlossen. Das finde ich sehr problematisch. Insbesondere, weil alle Regulierungen auch einen Effekt auf Prämien haben. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob Kunden für eine entsprechende zusätzliche Dokumentation zur Aufschlüsselung von Prämienbestandteilen 2 oder 3 Euro mehr bezahlen würden. Oder falls ja, welche der Kunden dazu bereit wären. Von daher sollte dies nicht einfach verpflichtend für alle eingeführt werden.
Es gibt den Eindruck, Deutschland packt immer noch mehr drauf, als die EU vorgibt.
Jedes Land hat gewisse Freiräume. Es gibt auch durchaus kritische Stimmen gegenüber der Versicherungsindustrie in Deutschland, die eher andere, staatsbetriebene Lösungen sehen möchten. Ich will das nicht bewerten, dies ist eine gesellschaftliche Frage. Es sind grundsätzliche Perspektiven, ob man eher einem staatsorientierten System vertraut, oder sehr viel mehr Freiräume für Privatunternehmen erlauben möchte sich zu positionieren. In letzterem Fall entsteht eine große Produktvielfalt und damit auch ein Risiko für den Kunden, ein falsches Produkt gewählt zu haben.
Sie lehren in der Schweiz. Ist der Versicherungsmarkt dort weniger stark reguliert?
Da muss man differenzieren. Die Solvenzregulierung der Schweiz ist sehr ausgeprägt, gerade für Lebensversicherungen sind die Anforderungen höher. Die Schweiz hat einige EU-Regulierungen adaptiert, aber der Versicherungsvertrieb ist etwas weniger restringiert. Es gibt keine Unisex-Tarifierung und man ist grundsätzlich offener hinsichtlich der Verwendung unterschiedlicher Tarifierungsfaktoren. Der Anteil an alternativen Vergütungsmodellen im Versicherungsvertrieb ist höher, obwohl es dafür keine spezielle Regulierung gibt.
Gibt es andere EU-Länder, die die Regulierung besser auf ihre Wirksamkeit überprüfen?
In Großbritannien wird sehr stark hinterfragt, welche Effekte aus neu eingeführter Regulierung erwachsen. Wir sollten das auch viel intensiver tun. Es sollte ein Leistungsauftrag für die Aufsichtsbehörde sein, entsprechende Daten zu erheben und nachhaltiges Monitoring zu betreiben. Falls eine Maßnahme nicht wirkt, müsste man sie einstellen. Sonst geht es uns wie beim Steuerrecht, wo jede jemals eingeführte Regelung – egal wie abwegig sie ist – fortlebt bis zum jüngsten Tag.
Mich stört besonders, dass oft nicht klar umschrieben ist, welcher Miss-Stand konkret durch eine Regulierung behoben werden soll. Das darf nicht einfach eine Ansicht sein, sondern ein empirisch belegbarer Miss-Stand. Zum Beispiel müsste man belegen können, dass es regelmäßig in einem nicht tolerierbaren Maß zu Fehlberatungen kommt. Das wird jedoch nicht gemessen, daher wird mit einer Unschärfe und über Ansichten und Vermutungen reguliert. Das ist inakzeptabel.
Es gibt immer wieder neue Phänomene in der Finanzdienstleistung wie der Bitcoin-Hype oder das Aufkommen von Robo-Advisorn. Ab wann muss Regulierung einsetzen?
Bei Bitcoin wäre es schlimm zu regulieren, dann wäre es den Protagonisten gelungen, die virtuelle Währung zu einem Zahlungsmittel zu machen. Das hielte ich für problematisch. Ansonsten muss Regulierung bei Beratung ansetzen. Ich glaube, dass man sich Robo-Advice sehr genau anschauen muss. Insbesondere, wenn schnell eine große Marktmacht eines Anbieters erzeugt wird wie bei Google oder Amazon. Wenn ich von Siri in Zukunft also drei Angebote erhalte mit Cyber Payments, der Bezahlung über das Internet, dann ist der Markt plötzlich und aus Anbietersicht sehr bewusst eingeschränkt. Das wäre keine unabhängige Beratung mehr. Man muss sich fragen, ob die bisherige Regulierung hierfür passend ist.
Hier sehen Sie ein kurzes Videointerview mit Hato Schmeiser:
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