Risiko – sprachgeschichtlich gibt es für den Begriff mehrere Ableitungen. Eine von ihnen kommt von rizikon, altgriechisch für „Klippe“. Wer ein Risiko eingeht, gelangt an eine Klippe. Das Weitergehen ist gefährlich, man kann abstürzen. Wie viel Risiko Kapitalanleger bereit sind einzugehen, hängt von ihrer Wahrnehmung und Bewertung des Risikos ab. Beide Faktoren sind höchst subjektiv und unter anderem abhängig vom Wissen, den Erfahrungen und Emotionen des Anlegers.
Aus diesem Grund setzen viele Anleger bei der Geldanlage weiterhin auf Garantien – trotz der anhaltenden Niedrigzinsphase. Allerdings sind die meisten Anleger mit ihrer risikoarmen Entscheidung nicht wirklich zufrieden, wie eine Umfrage von Yougov im Auftrag der Standard Life zeigt. Bei der Frage, welche von drei Risikovarianten Anleger den Vortritt geben würden, entschieden sich zunächst 52 Prozent aller Interviewten für die Variante mit nominaler Beitragsgarantie und einer Renditechance von 2 Prozent jährlich.
Wurde fiktive 20 Jahre später hingegen nur der Garantiebetrag von 10.000 Euro ausgezahlt, bereuten 70 Prozent der stark sicherheitsorientierten Anleger ihre Wahl. Sie zeigten sich „unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“ mit dem Resultat ihrer Altersvorsorge. (Quelle: thewayforward.de/#!/artikel/67)
Garantien helfen, das Unbekannte zu vermeiden
Und dennoch hängen deutsche Anleger an Garantien und tun sich schwer, alternative Modelle für die Altersvorsorge, die anstelle einer teuren Garantie auf rigide Risikokontrollmechanismen setzen, zu vertrauen. „Mit Garantien möchten wir vor allem das Unbekannte vermeiden. Das ist nach der Angst das zweitgrößte Motiv, das unsere Risikowahrnehmung treibt. Zudem spielen die Kontrollierbarkeit und die Verlust-Aversion eine wichtige Rolle“, sagt Bernd Ankenbrand, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.
Verhaltensökonomische Experimente haben eine weit verbreitete Irrationalität gezeigt, den sogenannten Zero-Risk-Bias. „Wir bewerten das Nullrisiko übermäßig. Oft sind wir bereit, für eine Risikoreduktion, die zum Nullrisiko führt, deutlich mehr zu zahlen, als für einen deutlich größeren Gewinn an Sicherheit, der aber nicht das Risiko komplett eliminiert“, so Ankenbrand. Doch alle Versuche, sich einer risikofreien Sicherheit anzunähern, müssen teuer bezahlt werden. Bei der Kapitalanlage geschieht dies häufig indirekt in Form von entgangener Rendite.
Risiken für künftige Lebensqualität aufzeigen
Wie können nun Berater ihren Kunden helfen, über diese verhaltenspsychologische Hürde zu springen und ein gesundes Risiko-Rendite-Verhältnis zu akzeptieren?
„Berater müssen ihren Kunden die Angst nehmen, etwas Neues auszuprobieren. Sie sollten daher die Kosten-Nutzen-Relation sehr viel besser verdeutlichen.“ Für Berater sei es indes nicht zielführend, das Wertesystem des Anlegers infrage zu stellen. Dies sei ohnehin im Wandel begriffen. Für die neue Generation sei materieller Wohlstand nicht mehr automatisch Lebenszweck, so Ankenbrand. Andere Faktoren wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit würden zunehmend höher gewichtet.
„Zudem kann der Berater verdeutlichen, was wäre, wenn seine Basisversorgung, beziehungsweise sein aktuelles Wohlstandsniveau wegbrechen würde. Der Anleger müsste dann überlegen, ob die Werte, die ihm jetzt so wichtig sind, in solch einem Szenario überhaupt noch möglich sind“, rät Ankenbrand. Wer später an Altersarmut leide, werde schließlich nicht mehr häufig ins Kino gehen oder nach Mallorca in den Urlaub fahren können. Das Problem: „ Wenn Berater und Kunde unterschiedliche Wertmaßstäbe haben, versteht der Berater oft die Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Kunden nicht richtig.“
Der Professor hat mit dem „Risk Perception Radar“ daher mit Mitteln der Verhaltensökonomie ein Tool entwickelt, das durch 24 Fragen in rund 10 Minuten hilft, mögliche Risiken für die zukünftige Lebensqualität zu identifizieren. Die Auswertung kann dem Anleger und dem Berater als sinnvolle Grundlage im Beratungsgespräch dienen.