Kein Zweifel, diese Zahl schockiert: Allein im Jahr 2018 sorgten gestreamte Videos für über 300 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente – also sämtliche Treibhausgase in CO2 umgerechnet – in der Luft. Das entspricht der Menge, die ganz Spanien in einem Jahr herauspustet. Ganz schön viel also.
Ein Fünftel (21 Prozent) davon machen Online-Plattformen wie Youtube aus, weitere 27 Prozent kommen durch Pornofilme und 34 Prozent durch Video-on-Demand-Dienste wie Netflix und Amazon Prime. Finger weg von dem Schmutz, könnte man also meinen. Auf Versicherungsmakler übertragen würde das bedeuten, Kunden lieber wieder verstärkt Auge in Auge zu beraten als per Videokonferenz.
Doch das ist aus zwei Gründen zu kurz gedacht:
Als Anhaltspunkt für Grund 2 sei das Mooresche Gesetz erwähnt. Es besagt, dass sich die Komplexität von Schaltkreisen mindestens alle zwei Jahre verdoppelt (was bisher auch weitgehend stimmt). Das heißt: Systeme und Speicher werden mit hohem Tempo effizienter. Wer das nicht glaubt, braucht sich nur mal sein Handy anzusehen.
Insofern ist auch die vom Umweltbundesamt veranlasste Studie „Green Cloud Computing“ kein allzu heißer Kaffee mehr. Sie erschien im vergangenen Jahr und nutzt zum Teil Daten von 2020. Wissenschaftler vom Öko-Institut und dem Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration (IZM) ermittelten darin, für wie viel CO2 moderne Cloud-Technik verantwortlich ist – also auch Videoströme.
Die Studie ist eine wahnwitzige Sammlung von Zahlen und Werten auf fast 200 Seiten. Doch an einigen Stellen wird sie so konkret, dass selbst Halblaien damit etwas anfangen können.
Um Videodaten zu sammeln, zu verarbeiten und in die richtigen Kanäle zu lenken, sind Rechenzentren nötig. Riesige Rechenzentren. Also nahmen sich die Autoren verfügbare Daten als Grundlage.
Seite 2: Es hängt vom Datenkanal ab
Sie ermittelten, wie viele Teilnehmer den Videokonferenzdienst „Jitsi“ nutzten und wie viel Energie das verbraucht, wenn die Videos in Full-HD übertragen werden (1.920 mal 1.080 Pixel). Das brachen sie auf einen einzelnen Nutzer herunter und ermittelten so einen CO2-Ausstoß von 1,93 Gramm pro Stunde. Rechnet man mit ein, dass so ein Rechenzentrum ja auch gebaut werden muss, sind es insgesamt 2,27 Gramm pro Stunde. Als Stromquelle setzten sie den aktuellen Strommix in Deutschland an. Zieht das Zentrum seine Kraft ausschließlich aus Sonne und Wind oder umgekehrt aus Braunkohle, sieht die Bilanz natürlich anders aus.
Um das Ergebnis einzuordnen, rechnen wir es in eine Autofahrt um (siehe Punkt 1, der Kundenbesuch). Ein deutscher Mittelklassewagen stößt im Schnitt 156 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Über einen Dreisatz erkennen wir also, dass eine Stunde Videokonferenz im Rechenzentrum so viel CO2 freisetzt wie eine Autofahrt von 12 Metern – ohne den Bau von Rechenzentrum und Auto zu berücksichtigen. Und natürlich muss man auch hier einschränken: Fährt das Auto mit Strom aus der Sonne, ist gar kein CO2 mehr anzusetzen.
Der Videostrom muss von den Nutzern zum Rechenzentrum und von dort wieder zurück. Dabei ist ein Knackpunkt, welches Datennetz die Nutzer verwenden. Die beste Klimabilanz bieten Glasfaserkabel mit 2 Gramm CO2 pro Stunde (g/h). Es folgen die weiteren Techniken:
Womit sehr gut zu erkennen ist, wie stark technischer Fortschritt den CO2-Abdruck verringern kann. Zumindest auf eine bestimmte, unveränderte Datenmenge bezogen.
Kaum klopfen die Daten an die Tür, will man sie auch sehen und hören. Dafür sind Router und Endgeräte vonnöten. Auch hier haben die Studienautoren Durchschnittswerte gebildet und mit dem deutschen Durchschnittsstrom betrieben. Schließlich ist völlig klar, dass ein großer Daddel-Monitor deutlich mehr Strom verbraucht als ein kleinerer mit bescheidener Diagonale. Und diese Werte kommen heraus:
Es versteht sich von selbst, dass diese Werte nicht zu addieren sind, sondern entsprechend dem anzusetzen, was daheim auf dem Schreibtisch steht.
Seite 3: Wir errechnen Mini- und Maximum
Womit wir alle Bestandteile zusammengesammelt haben. Rechnen wir nun für Videogespräche mit zwei Teilnehmern jeweils Maximum und Minimum aus. Das Maximum entsteht, wenn die Gesprächspartner je einen Desktop mit großem Bildschirm nutzen und die Daten per UMTS übertragen. Macht also:
… und somit rund 362 g/h. Eine Stunde Ferngespräch mit Bild entspricht dann einer Mittelklassefahrt von 2,3 Kilometern. Der Kunde müsste also ziemlich nah dran wohnen, damit sich der Besuch besser rechnet.
Und damit sind wir beim Minimum – mit zwei Laptops und feinem Glasfaser-Anschluss:
Das ergibt 38 g/h und entspricht bei einer Stunde Konferenz einer Autofahrt von 244 Metern.
Ein drittes Beispiel zeigt übrigens die folgende Grafik:

Damit bleibt natürlich immer noch die Frage, was dauerhaftes Netflix-Glotzen mit unserer Umwelt macht (und unserer Gesundheit). Wahrscheinlich ist es ohnehin besser, stattdessen mal wieder vor die Tür zu gehen.
Unbestritten ist allerdings, dass Videoberatung ein klimaschonender Ersatz dafür ist, jeden Kunden einzeln zu besuchen.
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