Telematik-Tarife und Co.

So sparen Fahranfänger in der Kfz-Versicherung

Mit dem druckfrischen Führerschein geht für Fahranfänger eine gehörige Portion Verantwortung einher. Helfen die Telematik-Tarife der Kfz-Versicherer dabei, Geld zu sparen und zugleich sicherer zu fahren? Antworten gibt es hier.
© dpa/picture alliance
Ein Pkw steckt im Juni 2013 bis zu Hinterradachse in der Wand eines Hauses in Meißenheim (Baden-Württemberg). Ein betrunkener Fahranfänger war Samstagnacht mit seinem Wagen durch die Hauswand eines Einfamilienhauses gekracht und im Wohnzimmer zum Stehen gekommen. Laut Polizei sind Autofahrer in der Altersspanne von 18 bis 24 Jahren einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt.

Endlich Freitag! Erlösung finden vom öden Schul-/Azubi-Schnarch-Alltag in der Provinz – für wenigstens ein paar unendlich währende Stunden. Mit den Kumpels über die Landstraße rollen – „Hit the road“! Für viele Jugendliche, die gerade ihren Führerschein gemacht haben, kann so das Lebensgefühl aussehen. Der Tod hat in diesen Gedanken verständlicherweise keinerlei Platz, jedoch in den dürren Zeilen des Nachrichten-Tickers vom 21. Juli 2018: „Ein 18-jähriger Fahranfänger ist am Samstagmorgen im Hohenlohekreis tödlich verunglückt. Er schoss mit seinem Wagen über eine Verkehrsinsel. Sein 22 Jahre alter Beifahrer wurde schwer verletzt.“

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Nur eine Woche später findet ein „Bild“-Reporter eindringliche Worte für den nächtlichen Horror auf deutschen Landstraßen: „Die Türen sind weggefetzt, die Airbags geplatzt. Die Karosse ist völlig zerstört. Der Kran hievt die Überreste des VW auf den Abschlepper. Ein Fahranfänger hat im Vogtland seinen Golf zerlegt.“ Auch diesen Unfall verursachte ein 18-Jähriger Samstagmorgen gegen 3 Uhr. Ob er zu schnell gewesen sei, werde noch ermittelt. Wie durch ein Wunder konnte der Fahrer lebend geborgen werden. Er kam mit schweren Verletzungen in die Klinik.

„Nach wie vor sind junge Fahrer einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt“

Es sind zwei Beispiele, die von den Unfallstatistiken gestützt werden. „Nach wie vor sind junge Fahrer, also Autofahrer in der Altersspanne von 18 bis 24 Jahren, einem erhöhten Unfallrisiko ausgesetzt“, berichtet das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz. Auf dem Weg in die Eigenständigkeit würden Grenzen getestet und überschritten, was nicht selten mit dem Konsum von Alkohol und Drogen einhergehe, so die Analyse der Polizei. Die Zahl der Verkehrsunfälle in der Gruppe der jungen Fahrer konnte beispielsweise in Rheinland-Pfalz von 33.193 in 2016 auf 33.098 im Folgejahr nur minimal reduziert werden.

Quelle: ADAC

Hauptunfallursachen sind fehlende Sicherheitsabstände, gefolgt von überhöhter Geschwindigkeit. Gerade männliche Fahranfänger neigen laut Polizei dazu, sich selbst zu überschätzen. Hinzu kommt immer häufiger die Gefahr der Ablenkung durch die Nutzung von Smartphones. Verkehrspsychologen zufolge ist das Unfallrisiko beim Lesen und Schreiben von Texten stärker erhöht als beim Fahren unter Alkoholeinfluss. Schon ein kurzer Blick von einer Sekunde auf das Display reicht aus, um bei Tempo 50 ganze 14 Meter im „Blindflug“ unterwegs zu sein.

Auffällig sei vor allem eines, berichtet das Portal Regio-Protect, das junge Menschen in Brandenburg für Risiken im Straßenverkehr sensibilisieren möchte: Fahranfänger haben ein anderes Blick verhalten als erfahrene Autofahrer, sie vermuten Gefahren eher bei unbewegten Objekten, unterschätzen Risiken und erfassen die Verkehrsumwelt noch nicht ganzheitlich. Dies wiederum führe dazu, dass der Sicherheitsabstand nicht ein gehalten und die Geschwindigkeit nicht angepasst werde.

Mehr Disziplin dank Telematik?

Kann womöglich die Versicherungswirtschaft einen entscheidenden Beitrag liefern, um die Sicherheit von Fahranfängern zu erhöhen? Anders gefragt: Können sogenannte Telematik-Tarife der Kfz-Versicherer die Selbstdisziplin der „jungen Wilden“ stärken? Darum geht es: Bei Telematik-Tarifen, gelegentlich auch als „Pay-as-you-drive“-Tarife bezeichnet, beeinflusst die Fahrweise des Kunden die Höhe seiner Kfz-Versicherungsprämie. „Wer vorsichtiger fährt, hat eine geringere Schadenwahrscheinlichkeit – und kann so unter Umständen auch bei der Versicherungsprämie sparen“, erklären die Experten des Versicherungsverbandes GDV.

Die elektronischen Systeme messen dabei Faktoren wie Geschwindigkeit, Uhrzeit, Beschleunigungs- und Bremsverhalten. Die Daten werden per Mobilfunk an einen unabhängigen oder zum Versicherer gehörenden Dienstleister übertragen. Dieser errechnet daraus nach jeder Fahrt eine Note, den sogenannte Score, der wiederum über die Prämie entscheidet. Wer die Datenerfassung abschaltet, darf das tun, riskiert aber, den Bonus zu verlieren.

Lange Zeit waren derartige Tarife mit reichlich angezogener Handbremse auf der Vertriebsstrecke unterwegs. Doch die Versicherer haben mittlerweile ein paar Gänge höher geschaltet. Beispiel Huk-Coburg: Im Oktober 2016 ging der Versicherer mit dem „Smart-Driver“-Tarif an den Start. Seither kamen nach eigenen Angaben rund 70.000 Vertragsabschlüsse zusammen. Das Produkt steht jungen Menschen bis 25 Jahren offen. Hauptanreiz ist, dass Kunden bis zu 30 Prozent ihrer Beiträge sparen können, außerdem ist eine automatische Rettung nach einem Unfall vorgesehen.

Die Allianz befindet sich mit knapp 68.000 verkauften Telematik-Policen nahezu auf Augenhöhe mit dem Erzrivalen. Darüber hinaus bietet ein gutes Dutzend weiterer Gesellschaften, darunter Admiral Direkt (Itzehoer), Axa, Generali, HDI, Sijox (Signal Iduna) und VHV entsprechende Tarife an. Weitere Anbieter dürften folgen. Maßgeblicher Treiber für die Telematik-Renaissance sind neue technologische Entwicklungen, die den Aufwand für die Branche reduzieren. So verlangt eine EU-Verordnung, dass alle Neuwagen seit März über Systeme zur Positionserfassung und Notfallmeldung verfügen müssen. Das sogenannte E-Call-System eignet sich somit auch, um das Fahrverhalten zu messen.

Allianz zieht positive Telematik-Bilanz

Der Vorteil: Die bisherige Erfassung von Fahrdaten via Handy-App, die nicht immer pannenfrei verläuft, sowie der Einbau von „Black-Boxen“ sind damit nicht mehr nötig. Die Chancen stehen gut, dass sich Telematik nach anfänglicher Skepsis als Win-win-Situation für Versicherer und Kunden erweist. Telematik-Tarife seien „ein erster Versuch“, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Schäden exakter zu bestimmen, sagt Roland Weber, Vorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung. Das Thema öffnet damit den Blick auf ganz neue Möglichkeiten. „Wir können vielleicht Menschen sowie Dinge versichern, die wir vorher nicht versichern konnten, weil wir jetzt mehr über sie und ihre Risiken wissen. Das kann hilfreich sein und den Versicherungsnehmern das Gefühl geben, gerechtere Prämien zu bezahlen“, so Weber.

Quelle: destatis.de, Check24

Für Fahranfänger im Hier und Jetzt sind derlei Zukunftsvisionen natürlich weniger spannend. Was sie in erster Linie reizvoll finden, ist, dass sie als „Datenlieferant für die Versicherer“ günstiger fahren als üblich. Der Grund: „Fahranfänger mit Telematik fahren viel besser als Fahrer ohne Telematik“, lautet eine Zwischenbilanz der Allianz, die nach wie vor auf eine App setzt, die vernetzt mit dem Fahrzeug beinahe in Echtzeit Daten liefert und „wie ein virtueller Fahrlehrer“ funktioniere. 

Tarifvergleich lohnt sich

Wem das trotzdem alles nicht ganz geheuer ist, der kann als Versicherungsneuling nach wie vor auch klassische Spar-Varianten wählen. Wer beispielsweise in der Vergangenheit regelmäßig das Auto der Eltern, Schwieger- oder Großeltern genutzt hat, kann den Schadenfreiheitsrabatt (SF-Rabatt) des Wagens laut Huk-Coburg eventuell für den ersten eigenen Wagen übernehmen. Wie das geht? Der Verwandte muss als bisheriger Anspruchsberechtigter seinem Kfz-Versicherer mitteilen, dass er auf den SF-Rabatt des gemeinsam genutzten Pkw verzichtet. Im Gegenzug beantragt der künftige Versicherungsnehmer die Übernahme dieses Rabatts. Als Nachweis für die Dauer der Fahrzeugnutzung teilt er dem Versicherer zusätzlich mit, wie lange er einen Führerschein besitzt. Dieser Zeitraum entscheide darüber, in welche SF-Klasse der neue Kfz-Versicherungsvertrag eingestuft werde, erklärt die Huk.

Wie das Vergleichsportal Check24 berichtet, lohnt es sich für junge Fahrer außerdem, die Preise von Kfz-Versicherungen genau zu vergleichen. Für einen Fahranfänger liegt das Sparpotenzial demnach besonders hoch (siehe Grafik). Der teuerste Anbieter verlangt von einem 21-jährigen Fahrer mit einer Fahrleistung von 6.000 Kilometern im Jahr am Zulassungsort Braunfels (Hessen) eine jährliche Prämie von 3.293 Euro für die Kfz-Haftpflicht. Im Durchschnitt der zehn günstigsten Tarife werden hingegen nur 956 Euro fällig – der Fahrer spart also 2.328 Euro beziehungsweise 71 Prozent. Doch Vorsicht: Zunächst sollten Fahranfänger für sich definieren, welche Leistungen ihnen wichtig sind, und prüfen, ob die Versicherungsbedingungen des Versicherers diese auch erfüllen.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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