Pay-as-you-drive

Der gläserne Autofahrer

Alle Welt regt sich über die Datensammelwut von Geheimdiensten auf. Doch wenn es Geld zu sparen gibt, legen viele Bürger ihre Hemmungen ungeniert ab.  So schleicht sich zurzeit ein Thema durch die Hintertür, das für so manchen zu einem bösen Erwachen führen könnte. Pay as you drive (Zahle wie du fährst) – für weniger Versicherungsprämie würden Millionen Autofahrer ihre Intimsphäre an der Garderobe abgeben. Das haben die Kölner Marktforscher von YouGov herausgefunden.

In Spanien und Großbritannien gibt es PAYD-Tarife mit bis zu 40 Prozent Rabatt schon. Über eine Blackbox an Bord oder sogar per Smartphone wird der Fahrstil an den Versicherer übermittelt. Wer zu aggressiv aufs Gaspedal tritt, muss nachzahlen. In Deutschland böte sich der ohnehin für das Notrufsystem eCall geplante Datentransfer an. Ab 2015 hätte die EU-Kommission diesen gern in allen Neuwagen. HUK-Coburg-Vorstand Klaus-Jürgen Heitmann verneint ein Logistik-Problem: „Das System ließe sich theoretisch auch auf PAYD-Tarife erweitern.“

Laut YouGov hätten 40 Prozent der deutschen Kunden durchaus Spaß daran. Im Mai waren 1.000 Beitragszahler ab 26 Jahren und 150 im Alter von 17 bis 25 Jahren um ihre Meinung gebeten worden. 36 Prozent aller Befragten würden ihren Fahrstil des lieben Geldes wegen überwachen lassen. 31 Prozent wollen endlich für ihr defensives Fahren belohnt werden.

Eine für PAYD-Angebote empfängliche Zielgruppe hat Oliver Gaedeke, Vorstand und Leiter der Finanzmarktforschung bei YouGov, schon auf dem Schirm: Sie dürften „vor allem jungen, vorsichtigen Fahrern zu Gute kommen, die bislang für die hohen Schadensummen von weniger rücksichtsvollen Fahranfängern mitbezahlen müssen“.

Und der Datenschutz? Rund drei Viertel der Befragten hätten hiermit kein Problem. Freie Fahrt also für Automobilhersteller und Versicherer. Zielgruppenanalysen aus den gesammelten Daten könnten ihnen ganz nebenbei helfen, Produkte noch besser an gläserne Autofahrer zu bringen.

Auf Blackboxes könnten sie sogar verzichten. Ein Smartphone mit entsprechender App würde reichen. Weit mehr als jeder dritte jüngere Kunde (39 Prozent) würde laut YouGov ein solches Programm hochladen. Derzeit bastelt eine Arbeitsgruppe im GDV an einer Smartphone-App für den eCall. Und sammelt wertvolles Knowhow für die Zukunft.

Noch zögern die Versicherer aus Furcht vor dem Datenschutz. Offenbar lauern alle darauf, dass ein Wettbewerber den ersten Schritt tut. So sagt HUK-Coburg-Manager Heitmann. Derzeit planen wir nicht, PAYD-Tarife einzuführen.“ Kein Wort für die Ewigkeit. Denn „für alle Zeiten ausschließen“ wolle Deutschlands größter Kfz-Versicherer das nicht. Ins selbe Horn stößt Allianz-Sprecher Christian Weishuber: „Im Moment ist das für uns kein Thema.“ Wobei er Wert auf „im Moment“ legt. Auf europäischer Ebene – etwa in Großbritannien – sei die Allianz bereits mit solchen Angeboten am Markt.

Das Modell hätte für die Versicherer noch einen überaus angenehmen Nebeneffekt. Bei Verkehrsunfällen könnte sie über Schuld und Unschuld richten. Für manchen Autofahrer könnte das ein böses Erwachen geben.

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