Julia Wiens, Bafin

„Dauerhafte Verluste können wir als Aufsicht nicht akzeptieren“

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Versicherungsaufseherin Julia Wiens von der Finanzaufsicht Bafin sprechen wir über das verlustreiche KFZ-Geschäft – und welche Punkte die Bafin hier jetzt ins Visier nimmt.
Julia Wiens ist Exekutivdirektorin für den Geschäftsbereich Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der Bafin.
© Bafin/Matthias Sandmann
Julia Wiens ist Exekutivdirektorin für den Geschäftsbereich Versicherungs- und Pensionsfondsaufsicht bei der Bafin.

Pfefferminzia: Nach den Lebensversicherern will die Bafin jetzt auch die Schaden- und Unfallversicherer stärker in den Blick nehmen. Haben Sie schon Missverhältnisse entdeckt, die Sie angehen wollen?

Wiens: Wir wollen, dass Versicherer ihre Kundinnen und Kunden fair behandeln. Dieser Anspruch gilt natürlich auch für Schaden- und Unfallversicherer. Bisher haben wir uns vor allem mit der KFZ-Versicherung beschäftigt – und da gab es leider einige Beispiele, bei denen diese Fairness nicht gegeben war. Man muss bei der KFZ-Versicherung bedenken, dass es sich um eine Sparte mit sehr vielen Tarifmerkmalen handelt. Zu dieser feinen, aktuariellen Kalkulation kommen dann pauschale, nicht risikobasierte Rabatte hinzu. Wir haben Extremfälle gesehen, in denen den Kundinnen und Kunden 80 Prozent Rabatt gewährt wurde. Da kann man nicht mehr von einer fairen Behandlung sprechen.

>>> Zum ersten Teil des Interviews über die Lebensversicherung geht es hier.

Gut, der Kunde, der 80 Prozent Rabatt bekommt, freut sich natürlich.

Wiens: Ja, der freut sich. Aber die Sparte muss auch profitabel betrieben werden. Und solche Rabatte gehen zulasten des Kollektivs. Außerdem ist uns noch eine zweite problematische Praktik aufgefallen: das sogenannte Price Walking. Dabei zeichnet der Versicherer Neugeschäft mit hohen Rabatten und gewinnt so eine neue Kundin oder einen neuen Kunden. Danach erhöht der Versicherer die Prämie nach und nach – und zwar überproportional und nicht transparent. Dabei nutzt er aus, dass es Versicherte gibt, die sehr loyal gegenüber ihrem Versicherer sind oder denen es zu aufwendig ist, den Vertrag zu kündigen. Auch das schauen wir uns an, denn das ist unserer Meinung nach kein fairer Umgang mit den Versicherten.

Die KFZ-Branche hat jahrelang kollektiv Verluste geschrieben, die Combined Ratio lag deutlich über 100. Jetzt arbeitet sie sich langsam wieder hoch, aber eben über steigende Prämien. Sind Sie damit zufrieden?

Wiens: Vorab – die KFZ-Sparte zeichnet sich durch einen extrem hohen Wettbewerb aus. Es gab Zeiten, in denen die Prämien überhaupt nicht auskömmlich waren. Das kann dazu führen, dass Versicherer Verluste schreiben. Die Branche hat aber nachgebessert, auch weil wir als Bafin auskömmliche Prämien angemahnt haben. Dauerhafte Verluste können wir als Aufsicht nicht akzeptieren, die Unternehmen müssen profitabel arbeiten. Insofern begrüße ich es, dass die Versicherer reagiert haben – auch wenn das für die Kundinnen und Kunden ärgerlich ist. Letztlich sind die extremen Prämiensteigerungen aber vor allem den steigenden Reparatur- und Materialkosten geschuldet.

>>> Das Interview mit Julia Wiens können Sie auch hören. Hier geht es zu unserem Podcast-Interview.

Würden Sie sich von der Branche wünschen, dass sie zum Beispiel gegenüber Autoherstellern oder Werkstätten sagt: Das zahlen wir nicht mehr, es reicht?

Wiens: Es gibt tatsächlich den einen oder anderen in der Branche, der das öffentlich kritisiert. Das finde ich richtig.

Preisgestaltung ist unternehmerische Freiheit. Das ist wichtig, um sich im Wettbewerb zu positionieren. Wo verläuft für die Bafin die Grenze zwischen dieser Freiheit und Fehlverhalten? Wann sagen Sie: Jetzt müssen wir einschreiten?

Wiens: Wenn ein Versicherer dauerhaft Verluste in einer Sparte schreibt. Also wenn die Combined Ratio dauerhaft über 100 liegt. Das ist der Moment, an dem wir spätestens aktiv werden.

Die Bafin erhebt – wie die Versicherungsombudsstelle – Beschwerdestatistiken. Wie nutzen Sie solche Daten konkret? Wann sagen Sie: Jetzt hat das Beschwerdevolumen ein Maß erreicht, bei dem wir als Bafin ranmüssen?

Wiens: Beschwerden sind für uns ein ganz wichtiger Indikator. Daran erkennen wir, ob etwas im Argen liegt. In der KFZ-Versicherung sind die Beschwerden beispielsweise massiv gestiegen. Dabei geht es im Wesentlichen um die Dauer der Schadenbearbeitung. Wir schauen uns dann an, ob das an einzelnen Unternehmen liegt, oder ob es ein branchenweites Phänomen ist. Mit den betroffenen Unternehmen gehen wir ins Gespräch. Wir lassen uns darlegen, wie sie die langen Bearbeitungszeiten und die Rückstände abbauen wollen. Danach bleiben wir in sehr engem Austausch, es gibt dann beispielsweise monatliche Berichtspflichten für den Versicherer.

Das ist sicherlich nicht so angenehm.

Wiens: Nein, aber es ist für einen guten Zweck. Wir haben im vergangenen Jahr eine Aufsichtsmitteilung veröffentlicht. Darin steht: Wir erwarten von den Versicherern, dass sie Schäden innerhalb eines Monats bearbeiten. Die Beschwerden nehmen wir also zum Anlass, um konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Ziel ist es, die Lage für die Verbraucherinnen und Verbraucher zu verbessern.

Welcher Trend zeichnet sich bei den Beschwerden für 2026 ab?

Wiens: Der Trend setzt sich fort – die Zahl der Beschwerden steigt. Wir haben jetzt schon mehr als 9.000 Beschwerden bearbeitet, mit den gleichen Schwerpunkten wie im Vorjahr, also insbesondere Art und Dauer der Schadenregulierung in der KFZ-Versicherung. Wenn man das hochrechnet, werden 2026 rund 15.000 Beschwerden zusammenkommen. Vergangenes Jahr waren es 14.000.

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Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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