Warnung vor NHS-Kollaps

Britisches Gesundheitssystem stark unter Druck

Die Bundesbürger sind voll des Lobes für das deutsche Gesundheitssystem, wie eine aktuelle Studie zeigt. Nicht so in Großbritannien. Die Kritik am steuerfinanzierten britischen Gesundheitsdienst NHS ist immer lauter zu vernehmen. Das System sei „nicht zu beherrschen und ineffizient“, geißelt ein Kommentator in der britischen Boulevardzeitung The Sun.
© dpa/picture alliance
Das Schild eines Zahnarztes in London, der im Nationalen Gesundheitsdienst NHS arbeitet.

Gut zwei Drittel (64 Prozent) der Deutschen stimmen der These zu, wonach das hiesige Gesundheitssystem zu den Top-3 in der Welt gehöre, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage durch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC). Zudem sind 79 Prozent der Bundesbürger der Ansicht, dass sie alle Leistungen für eine gute medizinische Versorgung erhalten würden (wir berichteten).

Wenn es Kritik an der heimischen Gesundheitsversorgung gibt, dann bezieht sich diese vor allem auf Bereiche, die man in anderen Teilen der Welt – so auch in vielen Ländern Europas – wohl als Luxusprobleme abtun würde: „Die Ärzte nehmen sich nach Einschätzung der Befragten zu wenig Zeit für ihre Patienten“, berichten die Studienautoren von PWC. Dieser Ansicht sind 41 Prozent der gesetzlich Versicherten, bei den Privatversicherten sind es immerhin noch 32 Prozent.

Zustände „wie in der Hölle“

Nun ja, das kann man so finden. Allerdings wären Patienten im Vereinigten Königreich heilfroh, wenn sie überhaupt mal einen Arzt zu Gesicht bekämen: Mehr als 35 Stunden habe eine 66-Jährige nach einem Schlaganfall auf dem Flur einer britischen Klinik gelegen, berichtete kürzlich die Bild-Zeitung, die angesichts weinender Krankenschwestern von Zuständen „wie in der Hölle“ schrieb.

Doch auch eine objektive Studie der British Medical Association (BMA) kommt zu einem vernichtenden Ergebnis: „Operationen werden oft monatelang hinausgezögert, Krankheitswellen können nur schwer bewältigt werden, weil die Krankenhausplätze schon unter normalen Umständen ausgelastet sind“, berichtet der Spiegel über die Studie, „die das Ausmaß des jahrelangen Sparens im NHS geißelt“.

Die ohnehin schon dramatisch angespannte Situation im britischen Gesundheitswesen dürfte sich künftig noch weiter verschärfen. So ergab eine aktuelle BMA-Umfrage an Kliniken im Königreich, dass sich 42 Prozent aller nicht-britischen Allgemeinmediziner aus dem Europäischen Wirtschaftsraum nach der Brexit-Entscheidung mit dem Gedanken tragen, die Inseln zu verlassen. In diesem Fall müsste das britische Gesundheitswesen auf knapp 13.000 Ärzte verzichten, schreibt der Spiegel.

„Monumentales, nicht zu beherrschendes und ineffizientes System“

Auch in Großbritannien selbst wächst die Kritik am NHS. Diese hat mit der üblichen Mäkelei an einem bei vielen Briten nach wie vor beliebten System nichts mehr zu tun. Der NHS sei ein „monumentales,  nicht zu beherrschendes und ineffizientes System“, das nicht in der Lage sei, sich an die künftigen Herausforderungen anzupassen, schreibt der Wissenschaftler Karol Sikora in einem Gastkommentar für die berüchtigte Boulevardzeitung The Sun.

Nirgendwo in Westeuropa seien die Zielvorgaben nachlässiger, meint Sikora und verweist auf eine angeblich sechsmonatige Wartezeit für eine Routine-Op sowie eine zweimonatige Zwangspause bis zum Beginn einer Tumor-Therapie.  

Die marktliberal ausgerichtete Sun gilt ohnehin nicht als Freund der „letzten Bastion eines selbstgerechten Sozialismus“ (Sikora). Um die massive Unterfinanzierung des Systems zu beseitigen, schlägt der Kommentator vor, den NHS zu einer Art steuerbasierten Bürgerversicherung (insurance scheme) umzubauen. Diese solle für die Basisversorgung der Patienten aufkommen.

Zugleich solle die Regierung „eine Fülle von Privatanbietern“ den Weg ins Gesundheitssystem ebnen. Der Zugang sowie die Firmen selbst sollten dabei ordentlich reguliert werden, so der Wissenschaftler, um ein „Desaster“ wie einst in der britischen Finanzindustrie zu verhindern.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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