Eine Unfallversicherung funktioniert im Grunde recht einfach: Erleidet jemand einen Unfall, prüft man anschließend, ob Schäden bleiben. Invalidität nennt sich das dann, und die drückt man in Prozent aus. Als Unfall zählt – etwas lose ausgedrückt – alles, was von Außen ungewollt auf jemanden plötzlich einprasselt.
Fehlt zum Beispiel unter dem Knie der Rest vom Bein, sind das 50 Prozent Invalidität. Ist der Zeigefinger fort oder unbrauchbar, sind das 10 Prozent. Zumindest sagt das die normale Gliedertaxe des Versicherungsverbands GDV, von der die Unfallversicherung aber abweichen kann. Und was sie nicht selten auch tut.
Anschließend multipliziert der Versicherer die Invalidität mit einer möglichen Progression und dann mit der Versicherungssumme – und zahlt das Ergebnis aus. Fertig.
Fertig? Nein, nicht mehr wirklich. Denn im stetigen Konkurrenzkampf verlegen sich Unfallversicherungen darauf, weitere Leistungen hinzuzusteuern. Über 170 zusätzliche Einzelleistungen zählt Fabian Schubert, der bei der Interrisk den Vertrieb leitet. Die ballen sich hauptsächlich im Tarif XXL, dem Luxusprodukt dort (L und XL sind im Vergleich dazu abgespeckt). Nur ein paar Beispiele herausgepickt: Assistenzhunde sind im Preis mit drin, ebenso wie alle zu ersetzenden Zähne, Pflege nach dem Unfall, eine warme Mahlzeit am Tag und zwei Einkäufe pro Woche. Der Katalog ist wirklich lang.
Auch die Konkurrenz schläft nicht. So hat beispielsweise die Signal Iduna in ihrem neuen Unfall-Tarifwerk zum Jahresbeginn neue Aspekte eingefügt. Über die Produktlinie „Premium“ schießt sie jedes Jahr bis zu 30 Euro für Sicherheitsmaßnahmen wie Helme oder Schutzbrillen hinzu. Kinder bis zu sechs Jahren bekommen ein Trostpflaster bis zu 40 Euro ausgezahlt, wenn sie sich leicht verletzt haben. Und der Helmbonus erhöht den Invaliditätsbetrag, wenn sich Versicherte trotz getragenen Helms schwer am Kopf verletzen.
Das alles rettet zwar nicht die Welt, doch manchmal machen auch Gesten viel aus. Eltern, deren Kinder Trostpflaster erhalten haben, werden das bestätigen können. Der Fantasie scheinen kaum Grenzen gesetzt. Was wiederum die Gefahr erhöht, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. Weshalb der Kasten ganz am Ende des Beitrags zeigt, welche Leistungen in den Augen von Signal-Iduna-Spezialist Dennis Bargende die Unfallversicherung auf jeden Fall mitbringen sollte.
Gleichwohl bleibt die Frage, wie diese Leistungen am Markt ankommen. Kurze Antwort: gemischt. Bei der Rating-Agentur Franke und Bornberg zeigt man sich fast schon genervt. „Sie [die Versicherer] befeuern Intransparenz – ob beabsichtigt oder nicht – stärker als je zuvor. Schuld daran sind wuchernde Vielfalt und fehlende Standards für das Kleingedruckte“, bemängelten die Analysten bereits im jüngsten Rating im Sommer 2025. Geschäftsführer Michael Franke bezeichnete den Markt gar als Flickenteppich.
Auch heute zeigt sich Christian Monke von den jüngsten Neuerungen erstmal nicht allzu begeistert. „Grundsätzlich sehen wir Leistungserweiterungen und Innovationen positiv, wenn sie wirklich einen Mehrwert bieten“, sagt der Leiter Ratings Gesundheit und Private Risiken und nennt dann ein Positivbeispiel: „Das sehen wir etwa bei den Assistance-Leistungen oder auch bei Beratungsleistungen wie einem Reha-Management. Schließlich kann ein schwerer Unfall eines Familienmitglieds schnell die Angehörigen überfordern.“
Doch im Gegenzug findet er manche Leistungen eher unnötig. Zum Beispiel, wenn Schäden durch Maniküre oder Pediküre als Unfall gelten. Oder wenn es die Unfallversicherung bezahlt, dass Tätowierungen wiederhergestellt werden müssen.
Auch bei manchem Makler hält sich die Begeisterung in Grenzen. So würde Tom Niewerth nur die wenigsten Zusatzleistungen hinzuwählen, wenn sie extra kosteten. „Es sind lediglich nette, kostenfreie Zusatzleistungen“, sagt der Makler von Finance for Good. Unter diesem Aspekt findet er für Alleinstehende die täglichen Hilfen interessant: die erwähnte warme Mahlzeit, Einkaufshilfen, Fahrdienste zu Ärzten und Behörden sowie waschen und putzen. Dinge, die er in „funktionierenden Partnerschaften“ aber schon nicht mehr allzu wichtig findet. Und dann wird er deutlich: „Wenn die Abwahl der Leistungen per Opt-out die Prämie relevant verringern würden, würde ich vermutlich über 90 Prozent der Kunden die Abwahl empfehlen.“
André Disselkamp kann sich eher dafür erwärmen. „Das Servicepaket aus häuslicher Hilfe, Fahrdienst und Einkäufen wirkt auf den ersten Blick wie Marketing. Ist es aber nicht. Gebrochenes Bein, alleinstehend, dritter Stock – dann ist der Einkaufsdienst ein echter Mehrwert“, lobt der Makler von Insurancy aus Berlin. Auch Sofortleistung bei schweren Verletzungen wie Amputation, Querschnittslähmung oder Polytrauma findet er sinnvoll. „Der Heilungsprozess muss erst abgeschlossen sein, bevor der Invaliditätsgrad festgestellt werden kann. Das dauert realistisch 1,5 bis 2 Jahre. Der Verletzte ist aber sofort eingeschränkt“, gibt er zu bedenken.
Und am Ende wirft er eine Leistung in den Ring, die vielleicht nicht alle auf dem Zettel haben: „Umschulungskosten werden bei guten Tarifen übernommen. Für Kunden mit körperlich anspruchsvollen Berufen ein echtes Argument – wird aber kaum kommuniziert.“ Disselkamp nutzt gern die Unfallversicherungen der Haftpflichtkasse und der Baloise. Erstere enthält zum Beispiel in ihrem Tarif „Einfach Komplett“ den Punkt „Behinderungsbedingte Mehraufwendungen“, in dessen Rahmen sie auch Umschulungen bis zu 30.000 Euro Sublimit übernimmt. Im Gold-Tarif der Baloise läuft das sogar finanziell unbegrenzt, dafür aber bis maximal vier Jahre Zeitraum. Personal- und Berufsberater mit eingeschlossen.
So weit, so einigermaßen klassisch. Doch ganz am Rande des Spektrums tut sich auch etwas, was die Unfallversicherung verändern könnte. Etwas, das sich Henning Schmidt von Schnitger Versicherungsmakler in Oldenburg offenbar interessiert ansieht. „Konzepte wie das Existenz-Budget der Bayerischen finden wir deshalb interessant, weil sie die Unfallversicherung anders denken. Weg von der reinen Einmalzahlung, hin zu der Frage: Was passiert finanziell eigentlich wirklich nach einem schweren Unfall?“
Der Tarif gehört zu jenen seltenen, die die tatsächlich entstandenen Kosten abdecken, anstatt pauschale Summen zu zahlen. Unfallkosten-Versicherung heißt diese Art von Produkt. Einkommen können ausfallen, während man in Krankenhaus oder Reha an sich arbeitet. Lifta, der Treppenlift, will vielleicht ins Eigenheim eingebaut werden, weil die Beine nicht mehr mitspielen. Und sogar Schmerzensgeld ist drin.
Derzeit bieten zweieinhalb Versicherer so etwas an, wie die Scoring-Firma Ascore herausfand. „Klassische Unfallversicherungen leisten in der Regel nur bei Invalidität, während dieses Produkt gezielt die tatsächlich anfallenden Kosten eines Unfalls übernimmt“, sagt Anne Peters, die den Fachbereich Komposit leitet.
Reine Policen dieser Art haben die erwähnte Bayerische und die Ostangler Brandgilde auf dem Markt. Bei der Ostangler ist es die „Unfall Existenz Versicherung“. Und die Debeka bietet für ihre herkömmliche Unfallversicherung einen entsprechenden Zusatzbaustein.
Ein wesentlicher Unterschied beginnt gleich ganz vorn, nämlich bei der Invalidität. In diesem Punkt greift bei der herkömmlichen Unfallversicherung die bekannte Gliedertaxe. Das ist bei der Unfallkosten-Versicherung anders. Dort reicht schon ein Invaliditätsgrad von einem einzigen Prozent. Das ist weniger als der kleine Zeh, denn der steht im Normalfall für 2 Prozent. Diese Invalidität muss als dauerhaft gelten. Ärzte können das beurteilen.
Unterschiede gibt es bei den Fristen. Bei der Bayerischen muss die Invalidität innerhalb von drei Jahren eintreten, festgestellt sein und beim Versicherer geltend gemacht werden. Bei der Ostangler Brandgilde muss das alles innerhalb von 15 Monaten geschehen. Auch andere Punkte unterscheiden sich entweder in Frist oder Sublimit.
Aber der alles umspannende Betrag, sozusagen die Versicherungssumme, beträgt bei beiden Anbietern satte 10 Millionen Euro. Und der greift schon beim erwähnten einen Prozent Invalidität komplett.
Das ist schon eine Ansage. Aber wie gesagt: Nur für die tatsächlichen Kosten. Wenn die nicht ermittelbar sind, zum Beispiel beim Schmerzensgeld, dann zahlen die Versicherer so, als hätten sie den Unfall verursacht und seien zum Schadenersatz verpflichtet.
Alle Aspekte hier aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Anne Peters von Ascore kann aber genau wie Makler Schmidt dem ganzen Konzept einiges abgewinnen. So meint sie: „Ein großer Vorteil einer Unfallkosten-Versicherung ist, dass sie genau dort greift, wo klassische Unfallversicherungen oft an Grenzen stoßen. Anders als bei klassischen Unfallversicherungen, die nur bei dauerhaften gesundheitlichen Folgen leisten, steht nicht die Schwere der Verletzung im Vordergrund, sondern die tatsächlichen Kosten. So entsteht eine transparente Absicherung ohne komplizierte Berechnungen von Invaliditätsgraden oder Progressionen.“ Vielleicht gibt es ja demnächst mehr von solchen Tarifen.
| Was in die Unfallversicherung gehört
Oft packen Versicherer in ihre Unfallversicherung jede Menge zusätzlicher Leistungen mit rein. Welche sind aber besonders wichtig? Wir haben bei Dennis Bargende, Product Owner bei der Signal Iduna nachgefragt. Wichtige Dienstleistungen
Todesfallleistung Ausreichend hohe Todesfallsumme sorgt für finanziellen Schutz der Hinterbliebenen. Daneben hat die Todesfallleistung noch eine weitere wichtige Funktion: Mit ihr kann vor Abschluss des Heilverfahrens innerhalb des ersten Jahres nach einem Unfall eine Vorschussleistung in Anspruch genommen werden. Pflege-/Hilfsleistungen Insbesondere für ältere Personen sind Assistance-Leistungen wichtig. Damit organisieren und übernehmen wir die Kosten für bis zu neun Monate für eine ganze Reihe von wichtigen Diensten, wie Mahlzeitendienst, Reinigung der Wohnung und Wäsche, Einkaufen bis hin zur Grundpflege. Sinnvoll erweiterter Unfallbegriff Mitversichern von Eigenbewegungen, Infektionen oder Impfschäden sowie Unfällen infolge von Schlaganfall, Herzinfarkt und Bewusstseinsstörungen. |
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