Roundtable zur Zukunft der PKV

„Große Aufgabe für Berater“

Die PKV hat ein neues Hoch bei den Altersrückstellungen erreicht. Trotzdem befürchten potenzielle Kunden, ihre Beiträge im Alter nicht zahlen zu können. Gibt es hier ein Beratungsproblem? Das sowie weitere Themen wie das neue Hamburger Modell für Beamte, der schwelende Treuhänderstreit und die Chancen von E-Health besprachen wir mit Experten.
© Jens Hannewald
Trafen sich in Hamburg, um über die Zukunft der privaten Krankenversicherung zu sprechen (v.l.): Jan Roß, Inter; Eric Bussert, Hanse-Merkur; Wiltrud Pekarek, Hallesche; Thomas Wiesemann, Allianz; Karen Schmidt, Pfefferminzia; und Marcus Kremer, Continentale.

Pfefferminzia: Nach Hamburg plant nun auch Brandenburg ein Gesetz, das freiwillig GKV-versicherten Beamten eine pauschale Beihilfe verspricht. Welche Konsequenzen befürchten Sie durch dieses Modell für die PKV?

Eric Bussert, Hanse-Merkur: Es ist natürlich ein Einfallstor in die Bürgerversicherung, wenn ein Bundesland sich entscheidet, diesen Weg zu gehen. Da aber viele andere Bundesländer abgewunken haben, sehe ich keine große Gefahr auf die Branche zukommen. Davon ganz abgesehen sind noch gar nicht alle Details in der letzten Konsequenz besprochen worden. Denn dieses Modell bringt ja auch sehr viele Nachteile mit sich, unter anderem auch für die Beamten, die sich für dieses Modell entscheiden sollen.

Welche denn?

Bussert: Haben sie sich einmal für dieses Modell entschieden, können sie beispielsweise nicht mehr in andere Bundesländer wechseln. Außerdem haben die Beamten auf der Leistungsseite die typischen Nachteile der gesetzlichen Krankenversicherung, ebenso im Alter bei den Beiträgen.

Marcus Kremer, Continentale: Der Vorstoß ist rein ideologisch und politisch motiviert und wurde auch schon im Wahlkampf ausführlich diskutiert. Ich schätze das Risiko für uns als Branche ebenfalls begrenzt ein. Allenfalls für Vermittler wird es einen erhöhten Beratungsaufwand bedeuten, da es sich bei der Entscheidung für die GKV oder für die PKV um eine fürs Leben handelt. Da sind unsere Vermittler besonders gefragt, über die Vor- und Nachteile aufzuklären.

Wiltrud Pekarek, Hallesche: Wenn man sich anschaut, welche Bundesländer diesen Vorschlag abgelehnt haben, merkt man aber auch, dass es mit der politischen Ideologie ganz schnell vorbei ist. Hier geht es ganz klar um finanzielle Gesichtspunkte. Und da die Belastungen für die öffentlichen Haushalte bei diesem Modell enorm sind, hat an vielen Stellen die Vernunft die Ideologie verdrängt.

Kremer: Experten haben ja mal ausgerechnet, was diese Pauschale Hamburg kosten könnte. Da können in den ersten zehn Jahren Beiträge im dreistelligen Millionenbereich herauskommen. Das muss man sich als Bundesland dann schon sehr gut überlegen, ob man das machen will.

Thomas Wiesemann, Allianz: Viele Beamte schätzen die Leistungen der privaten Krankenversicherung auch, und würden eine Veränderung hier gar nicht in Betracht ziehen. Die Kombination aus Beihilfe und privater Krankenversicherung bietet eine hohe Flexibilität für die Versicherten. Wenn in der Beihilfe etwas gestrichen wird, kann man das über die PKV zum Beispiel wieder ausgleichen.

Jan Roß, Inter: Ich denke, dieser Vorstoß bietet privaten Krankenversicherern eine hervorragende Möglichkeit, sich als leistungsstarker Anbieter zu präsentieren – aber das eigene Modell auch mal wieder zu hinterfragen. Das ist ja das Schöne am Wettbewerb. Genauso ist es für den Berater eine Chance, seiner Beratungspflicht nachzukommen und den Kunden darüber aufzuklären, was hinter dem Modell steckt.

Bleiben wir beim Thema Beratung. Die Altersrückstellungen der PKV sind mit über 250 Milliarden Euro auf einen neuen Rekordwert geklettert. Trotzdem ist ein Hauptargument potenzieller Kunden gegen eine PKV, dass sie befürchten, die Beiträge im Alter nicht mehr zahlen zu können. Schaffen es die Berater nicht, die Vorteile der PKV rüberzubringen?

Bussert: Das ist zumindest eine naheliegende Vermutung. Es liegt aber sicherlich auch daran, dass Einzelfälle von deutlichen Beitragssteigerungen im Alter, dann wieder auf die ganze Branche übertragen werden. Es gibt in den verschiedenen Häusern, auch in unserem, regelmäßige Auswertungen, wie die Beitragsentwicklung mit 60, 70 oder 80 Jahren ist. Dabei offenbaren sich viele kosten- und beitragsdämpfende Faktoren, wie etwa den Wegfall des gesetzlichen Zuschlags ab 60 Jahren. Während der Laufzeit gibt es außerdem zahlreiche Möglichkeiten, für einen stabilen Beitrag im Alter zu sorgen. Sei es durch das Umsteigen auf andere Selbstbehaltsstufen, sei es durch andere Tarifbausteine, die dann im Alter niedrigere Beiträge ermöglichen. Darüber aufzuklären ist allerdings eine große Aufgabe für Berater, das müssen sie drauf haben, damit der Kunde am Ende auch ein gutes Gefühl hat und solche Themen abgefangen werden.

Wiesemann: Mein Eindruck ist, dass sich sehr viel verändert hat in der Beratung. Als die Zinsen noch bei 6 oder 7 Prozent lagen und der Rechnungszins 3,5 Prozent betrug, spielte das Thema Beitragsanpassungen im Alter noch nicht diese große Rolle. Das ist heute ganz anders. Heute ist neben der Wahl des richtigen Tarifs ganz entscheidend, dass ich auch eine finanzstarke Gesellschaft auswähle. Denn hinter der Vollversicherung, aber auch bei der Pflegeversicherung, stecken langfristige und große Sparvorgänge. Das sind zum Teil die größten Sparvorgänge im Laufe eines Menschenlebens.

Roß: Daher ist es auch wichtig, sich in dem aufkommenden Markt der Vergleicher und der Portale nicht nur vom Preis leiten zu lassen – sei es als Berater oder als Endkunde. Idealerweise wähle ich eine Krankenversicherung nur einmal aus, sie begleitet mich dann ein Leben lang. Ich möchte als Kunde also auf Dauer den günstigsten Beitrag generieren, und eben nicht nur am Anfang und hinten raus kommen dann die Probleme. Zu einer vernünftigen PKV-Beratung gehört daher auch immer der Blick in die Altersvorsorge-Situation des Kunden.

Pekarek: Man muss aber auch sagen, dass die Gegner der privaten Krankenversicherung durch die lange Phase der Regierungsbildung sehr viel Raum hatten, Argumente gegen die PKV vorzubringen. Sie haben es sehr gut verstanden, Kunden, die den Wechsel zu uns vielleicht überlegt hatten, mit Halbwahrheiten wieder umzustimmen. Uns fehlt als Branche oft das Selbstbewusstsein, den Wertbeitrag, den wir als PKV für unser duales Gesundheitssystem leisten, herauszustellen. Wir müssen klar Stellung beziehen und unseren Gegnern das Stoppschild zeigen: „Die Argumente gegen die PKV sind schlicht und ergreifend falsch.“

Kremer: Ich teile diese Sicht. Was in der Phase der Koalitionsverhandlungen zum Beispiel untergegangen ist, ist die finanzielle Situation der Kassen. Derzeit mag die Lage dank der guten Beschäftigung ganz gut sein. Aber das ist ja nicht nachhaltig. Die Krankenkassen haben keine Demografie-Vorsorge über 250 Milliarden Euro aufgebaut wie die PKV. Da gibt es einen Monatsbeitrag, das war‘s. Denken wir mal zehn Jahre weiter, sieht die Lage ganz anders aus.

Wiesemann: Auch unser Abschneiden im internationalen Vergleich sollte man herausstellen. Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der leistungsfähigsten der Welt. Das muss man vielleicht stärker an Einzelbeispielen deutlich machen. In Deutschland braucht man für die Markteinführung eines neuen Medikaments 3,5 Monate, in den Niederlanden sind es 10 Monate und in Spanien 16 Monate. Einen Termin beim Hausarzt bekommt man hierzulande in 76 Prozent der Fälle am gleichen Tag oder einen Tag später. Da sind wir ganz vorne im OECD-Vergleich.

Wobei die Politik hier doch Handlungsbedarf sieht. In den Koalitionsverhandlungen haben sich SPD und Unionsparteien darauf geeinigt, dass sie Arzthonorare in der GKV und PKV angleichen wollen, um die Ungleichbehandlung zwischen privat und gesetzlich Versicherten aufzuheben. Wird diese Maßnahme zum Erfolg führen?

Kremer: Klares Nein. Ich frage mich vor allem, wer das bezahlen soll? Entweder übernimmt das der Bund, oder der Verbraucher zahlt es im Rahmen höherer Versicherungsbeiträge, oder es geht zulasten der Ärzte. Und wir reden hier von einem zweistelligen Milliardenbetrag, also richtig Geld. Wenn das auf die Ärzte abgewälzt wird, wird das einen erheblichen Effekt auf die Gesundheitsversorgung in Deutschland haben. Wir haben heute schon die Situation, dass viele Arztpraxen in den Städten und auf dem Land die Einnahmen aus der PKV brauchen. Fallen diese weg, werden wir erhebliche Einbußen in der Leistungsqualität erleben.

Pekarek: Ich denke auch, dass es dann eine echte Zwei-Klassen-Medizin geben wird. Der flächendeckende Zugang zur medizinischen Versorgung wird verloren gehen, stattdessen entscheidet das Portemonnaie. Man braucht doch nur in die Schweiz und in die Niederlande zu schauen: Diese Länder haben auf eine Einheitsvergütung umgestellt, und dort haben sich genau diese Effekte eingestellt.

Kommen wir zu einem anderen Thema. Der aktuelle Bericht des PKV-Ombudsmanns hat ergeben, dass sich Versicherte häufiger mit ihrem Anbieter über die Interpretation der „medizinischen Notwendigkeit“ streiten. Das liegt laut Bericht auch daran, „dass die Versicherer eingereichte Rechnungen aufgrund des Kostendrucks im Gesundheitswesen insgesamt kritischer prüfen“. Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die Kosten in Schach zu halten?

Kremer: Um das mal einzuordnen – 0,015 Prozent der Versicherten wenden sich mit Beschwerden an den Ombudsmann und 20 Prozent der Fälle befassen sich mit der medizinischen Notwendigkeit. So schlecht machen wir es als Branche also nicht.

Roß: Trotzdem ist jede Beschwerde und jede Auswertung dieser Art Wasser auf die Mühlen der PKV-Gegner, über die wir eben schon gesprochen haben. Dann heißt es wieder: Die privaten Krankenversicherer drücken sich um die Leistung, die sie den Kunden versprochen haben. Daher sollten die Versicherer an der Transparenz arbeiten und sich darüber klar sein, was sie eigentlich bieten wollen. Geht es um einen sehr günstigen Einstieg in die private Krankenversicherung, oder will man Qualitätsanbieter sein? Und das muss dem Kunden dann auch klar sein, sodass Versicherer und Kunden wissen, worauf sie sich einlassen, und was sie voneinander erwarten können. Dadurch kann man solche Streitfälle vermeiden.

Wiesemann: Die medizinischen Innovationen in den vergangenen Jahren waren enorm. Der Vorteil der privat Krankenversicherten ist, dass sie an diesem Fortschritt schnell und umfassend partizipieren. Natürlich steigen dadurch aber auch die Kosten. Da braucht man ein gutes Leistungsmanagement, das zum Schutz des Kollektivs auch Rechnungen ablehnt, wenn die Leistung nicht versichert ist. Zusätzlich dazu wird das Gesundheitsmanagement wichtiger. Wie kann ich dem Versicherten also mit bestimmten Services helfen, zielgerichteter Zugang zu der bestmöglichen Versorgung zu bekommen? Stichworte sind hier etwa die Arztsuche oder der Zweitmeinungsservice.

Pekarek: Die Möglichkeiten von E-Health mit seinen Vernetzungen werden viel zur Effizienz und Qualität in der Versorgung beitragen. Allein dadurch, dass man zum Beispiel verhindern kann, dass ein MRT dreimal durchgeführt wird. Und effizient müssen wir sein, damit unser Gesundheitssystem für unsere Versicherten bezahlbar bleibt.

Wie könnte E-Health Produkte und Service in der PKV verändern?

Bussert: Das wird die Branche revolutionieren. Wobei Deutschland bisher nicht gerade Vorreiter in Sachen Digitalisierung ist, um es mal freundlich zu formulieren. Hier muss sicher noch einiges im Rahmen der digitalen Agenda passieren. Die Möglichkeiten für Patienten, Ärzte sowie Krankenhäuser und Versicherer sind aber enorm. Ich nenne als Beispiel Anwendungen für chronisch Kranke wie den telemedizinischen Bereitschaftsdienst Cardigo mit mobilem EKG-Gerät, digitaler Gesundheitsakte und App, die ein Rund-um-die-Uhr-Monitoring ermöglicht. Oder nehmen Sie Teleportalkliniken, die in ländlichen Regionen durch digitale Anbindung an Unikliniken oder Maximalversorger erst eine qualitativ hochwertige Diagnostik ermöglichen. Diese Ansätze bieten den Patienten einen großen Nutzen, führen zusätzlich aber auch zu erheblichen Einsparungen, weil etwa kostspielige Krankenhausaufenthalte sich verkürzen oder sogar entfallen.

Wiesemann: Es gibt da tatsächlich hochspannende Projekte. Wir selber haben zum Beispiel die elektronische Gesundheitsakte Vivy gestartet, – 90 gesetzliche und 4 private Krankenversicherungen machen bisher mit, und erreichen potenziell über 25 Millionen Kunden. Diese können mit Vivy erstmals per App alle ihre medizinischen Daten sicher speichern und verwalten. Dazu kommen auf Wunschweitere Gesundheitsservices

Roß: Die Versicherer entwickeln sich dadurch auch immer mehr vom reinen Kosten-Erstatter zum Gesundheitsdienstleister, haben viel häufiger Berührungspunkte mit dem Kunden und bekommen dadurch ein anderes Image.

Ein Fall mit möglichen negativen Konsequenzen für die gesamte Branche ist das Gerichtsverfahren um die von einem Treuhänder abgesegneten Beitragserhöhungen der Axa. War der Treuhänder unabhängig oder nicht – das ist der Stein des Anstoßes. Hier muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden. Was erwarten Sie?

Kremer: Die Branche schaut sicherlich mit einer gewissen Spannung nach Karlsruhe. Die Gemengelage ist derzeit aber noch sehr unübersichtlich. Daher ist es gut, wenn hier nun eine höchstrichterliche Klärung erfolgt.

Pekarek: Die Frage der Unabhängigkeit des Treuhänders ist ein formaler Aspekt. Die Rechtsgrundlagen der Beitragsanpassung im Versicherungsvertragsgesetz und im Versicherungsaufsichtsgesetz und vor allem die Notwendigkeit zur Anpassung bleiben davon unberührt. Bei steigenden Kosten im Gesundheitswesen, zunehmender Lebenserwartung und niedrigen Zinsen, ist es im System vorgesehen, die Rechnungsgrundlagen anzupassen. Nur so kann die dauernde Erfüllbarkeit der Verträge gewährleistet werden. Das kann dieser formale Aspekt nicht außer Kraft setzen. Wir sollten aber auch zurückweisen, was in einigen Zeitungsüberschriften steht, nämlich, dass wir zu Unrecht die Beiträge erheblich erhöhen und willkürlich handeln.

Wiesemann: Richtig. Wir halten die Gesetze bei der Bestellung des Treuhänders ein, die Bafin überprüft das und sieht die heutige Praxis als rechtmäßig an.

Roß: Hier kochen die Emotionen wohl vor allem hoch, weil es um massive Beitragsanpassungen geht. Bei der Politik muss ankommen, dass wir hier ein anderes Verfahren brauchen, um Beitragsanpassungen durchzuführen. Sie gehören zum System dazu, aber es wäre wichtig, hier eine andere Glättung reinzubekommen. Käme es regelmäßiger zu kleineren Anpassungen, könnte man einen Großteil der Emotionen aus dem Thema herausbekommen.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia