Finanzielle Hilfe

Schwere Krankheit: Wann die Dread-Disease-Versicherung zahlt

Schlaganfall, Herzinfarkt, Krebs – die Dread-Disease-Versicherung zahlt, wenn eine schwere Krankheit zuschlägt. Für welche Zielgruppe ist eine solche Police interessant? Und welche Trends gibt es bei diesem Produkt? Hier gibt’s Antworten.
Ein Arzt untersucht per Ultraschall das Herz eines Patienten: Herzinfarft, Krebs & Co. gehören zu den schweren Krankheiten, die die Deutschen am häufigsten heimsuchen.
© picture alliance/Klaus Rose/dpa
Ein Arzt untersucht per Ultraschall das Herz eines Patienten: Herzinfarft, Krebs & Co. gehören zu den schweren Krankheiten, die die Deutschen am häufigsten heimsuchen.

German Angst? Auch wenn die Deutschen im Ruf stehen, immer etwas ängstlicher als andere in die Zukunft zu schauen – beim Risiko, durch eine schwere Krankheit in Geldnot zu kommen, gilt das offenbar nicht. Nur knapp jeder dritte Bundesbürger macht sich laut einer Civey-Umfrage im Auftrag von Canada Life Sorgen, durch eine schwere Krankheit länger nicht mehr arbeiten zu können (Stand: Mai 2024). Und nur ein Viertel ist für einen solchen Fall finanziell abgesichert, bei Selbstständigen immerhin ein Drittel.

Das heißt: 75 Prozent der Deutschen kämen bei einer „Dread Disease“ (wörtlich: einer „fürchterlichen Erkrankung“) schnell in finanzielle Schwierigkeiten. Heikel – vor dem Hintergrund, dass in Deutschland jedes Jahr rund 500.000 Menschen an Krebs erkranken, 270.000 einen Schlaganfall und 300.000 einen Herzinfarkt erleiden. Bahn frei also für die Vermittlung von Dread-Disease-Versicherungen? Ganz so einfach ist es nicht.

Eine Dread-Disease-Versicherung (auch: Schwere-Krankheiten-Versicherung) zahlt eine festgelegte Summe, wenn der oder die Versicherte sich eine vertraglich definierte schwere Krankheit zuzieht. Eine Gesundheitsprüfung ist meist obligatorisch, der Todesfall kann als Zusatzkomponente versichert werden. Die Höhe der Beiträge hängt unter anderem vom Alter, Gesundheitszustand, von familiären Vorbelastungen, riskanten Hobbys, dem Beruf, Gewohnheiten wie Rauchen und Alkoholkonsum sowie von der gewünschten Versicherungssumme ab.

Abgesichert sind je nach Vertrag bis zu 70 Erkrankungen, neben den erwähnten Krebsleiden, Herzinfarkt und Schlaganfall auch schwere Krankheiten wie Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer, Nierenversagen, Organtransplantationen oder Lungenversagen. Gezahlt wird auch dann, wenn der Betroffene weiterarbeiten kann. Entscheidend ist allein die Diagnose der Krankheit. Die ausgezahlte Summe kann nach Belieben eingesetzt werden, etwa für den Umbau von Haus oder Wohnung, Pflegeleistungen, zur Überbrückung des Verdienstausfalls oder bei Selbstständigen zum zwischenzeitlichen Einsatz eines Geschäftsführers.

Die exakte Definition muss erfüllt sein

Doch Achtung: Damit Geld fließt, muss die diagnostizierte Krankheit exakt der im Vertrag definierten Krankheit entsprechen. Außerdem muss üblicherweise ein bestimmtes Stadium der Krankheit (etwa bei Krebs) erreicht sein. Hier heißt es also vor Vertragsabschluss: genau hinsehen, was tatsächlich versichert ist.

Vor diesem Hintergrund sehen manche Experten die Dread-Disease-Versicherung durchaus kritisch und empfehlen sie lediglich als eine Art Notlösung: „Unter anderem aufgrund teils enger Definition der versicherten Erkrankungen bleibt die normale Berufsunfähigkeitsversicherung für uns der Königsweg“, sagt beispielsweise Berndt Schlemann, Gründer und Geschäftsführer der gleichnamigen, unabhängigen Finanzberatung.

Seine Einschätzung: „Manchmal ist eine Dread-Disease-Versicherung aber ein sinnvoller Weg, Kunden abzusichern, die eine BU-Versicherung zum Beispiel aufgrund von Vorerkrankungen gar nicht oder nur mit größeren Einschränkungen erhalten würden, bei Selbstständigen, die nicht auf Umorganisationsmöglichkeiten verwiesen werden möchten, oder als steuer­optimierte Key-Person-Absicherung.“

Rüdiger Feilen, Teamleiter Biometrie-Produkte bei Zurich, sieht außerdem in der Kombination aus BU und DD eine attraktive Option: „Die Dread-Disease-Versicherung kann eine sinnvolle Ergänzung zur Berufsunfähigkeits- und Grundfähigkeitsversicherung sein.“ In der von Schlemann bemängelten, engen Fassung der versicherten Krankheiten erkennt er sogar einen Vorteil: „Durch die klare Definition ist in 80 Prozent aller Leistungsanträge eine schnelle Entscheidung möglich. Somit sorgt diese Art der Versicherung für sofort verfügbares Kapital.“

Gestützt wird dieses Argument durch einen Trend, über den Pfefferminzia bereits berichtete: Bevor berufsunfähige Kunden ihren Anspruch gegenüber dem Versicherer durchgesetzt haben, vergeht oft geraume Zeit. Die Leistungsanträge sind kompliziert und verunsichern viele Kunden. Unter den BU-Antragstellern brechen 11 Prozent das zermürbende Prozedere sogar ab und verzichten nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft auf eine mögliche BU-Rente.

Dem wirken viele Versicherer inzwischen allerdings entgegen, indem sie diverse Service-Leistungen zur Unterstützung bei der Antragstellung anbieten. Das nimmt dem Argument der schnellen Auszahlung bei der DD-Versicherung einiges an Kraft.

Für jeden sinnvoll? Oder Nischenversicherung?

Außerdem sorge die in „guten“ Berufsunfähigkeitsversicherungen enthaltene Arbeitsunfähigkeitsklausel ebenfalls für eine beschleunigte Auszahlung, erklärt Berndt Schlemann. Die BU leiste dann auch rückwirkend. Allenfalls „wenn ein Kunde bereit ist, für ,Hosenträger und Gürtel‘ mehr Geld auszugeben“, sei die BU-DD-Kombi eine gute Sache, so der Finanzberater.

Ist eine Schwere-Krankheiten-Police also tatsächlich „für jede und jeden sinnvoll“, wie Natascha Brandenburg von der Canada Life meint? Die Biometrie-Expertin begründet ihre Einschätzung mit der hohen Zahl schwerer Neuerkrankungen in jedem Jahr, vor denen in der Tat niemand gefeit ist. Als Hauptzielgruppe nennt sie im Zusammenhang mit der Dread-Disease-Versicherung aber Selbstständige: „Gerade für sie macht es einen Unterschied, im Notfall finanziell abgesichert zu sein. Diese Sicherheit bedeutet eine Sorge weniger – nämlich die ums eigene Unternehmen – und man kann sich ganz auf die Heilung konzentrieren.“

Maklerinnen und Maklern rät Natascha Brandenburg, bei der Auswahl einer guten Dread-Disease-Versicherung darauf zu achten, dass der Vertrag vor allem Krankheiten mit der höchsten Wahrscheinlichkeit (Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt) abdeckt. „Der Versicherungsschutz sollte hoch genug sein, damit man den finanziellen Ausfall gut kompensieren kann. Dabei darf man nicht unterschätzen, dass Kranksein auch zusätzlich Geld kostet.“ Außerdem sollte der Vertrag möglichst flexibel gestaltet sein, um ihn veränderten Lebensumständen anpassen zu können. Für Canada Life verweist sie beispielsweise auf die „Multi-Pay-Option“, mit der Kunden bei einer zweiten schweren Krankheit weiterhin Versicherungsschutz haben.

Vertragsflexibilität nennt auch Zurich-Experte Rüdiger Feilen als wichtiges Kriterium. Leistungsumfang, die Definition und Ausschlüsse von Erkrankungen führt er als weitere Punkte an. „Zudem sollte geprüft werden, ob der Vertrag bei Ablauf verlängert werden kann oder ob er für mitversicherte Kinder in einen eigenen Anschlussvertrag umgewandelt werden kann“, so Feilen.

Verglichen mit der Berufsunfähigkeitsversicherung führt die Dread-Disease-Versicherung in Deutschland noch ein Nischendasein. Doch die Anbieter tun viel, um das zu ändern. Biometrie-Fachmann Feilen sieht verschiedene Trends. Einerseits gebe es verfeinerte Voll-Angebote mit umfassendem Versicherungsschutz. So hat Zurich etwa einen DD-Tarif mit „Booster-Zahlung“ im Angebot, der bei neun Erkrankungen mit voraussichtlich hoher finanzieller Belastung eine zusätzliche Versicherungssumme von maximal 40.000 Euro leistet (unter anderem bei Blindheit, Alzheimer, Verlust von Armen, Beinen, Händen oder der Sprache, oder bei schweren Verbrennungen).

„Andererseits erscheinen Ausschnittsdeckungen wie Krebs-Absicherungen oder Produkte mit reduziertem Versicherungsumfang am Markt“, so Feilen weiter. Ob sich Familienkonzepte wie in anderen Ländern auch in Deutschland durchsetzen werden, bleibe abzuwarten.

Finanzberater Schlemann erkennt ähnliche Trends, mag sich aber nicht über jeden so recht freuen. Beispiel Krebsversicherung. Seine Kritik: „Reine Krebsversicherungen können eine BU-Versicherung oder Schwere-Krankheiten-Vorsorge aufgrund der schmalen Abdeckung nicht ersetzen. Sie sind sozusagen der Ausschnitt aus einer Ausschnittsdeckung und lassen wichtige andere Risiken außen vor.“

Auch einen zweiten Trend sieht Schlemann skeptisch: „Die DD-Anbieter versuchen, sich mit immer neuen versicherten Krankheiten und deren Anzahl gegenseitig zu überbieten. Ob daraus ein Mehrwert für Kunden entsteht, halte ich für fraglich, solange die Kriterien so eng gefasst sind, dass sich für Versicherer im Leistungsfall Schlupflöcher ergeben.“

Psyche ist in der Regel nicht eingeschlossen

Weiter ausgeschlossen vom Versicherungsschutz werden wohl auch in Zukunft psychische Erkrankungen sein. Natascha Brandenburg: „Das hat in der Regel mit der Komplexität der Diagnosestellung zu tun und mit der Schwierigkeit, klare Kriterien für die Leistungserbringung zu definieren. Während körperliche Erkrankungen häufig eindeutig diagnostiziert werden können, unterliegen psychische Erkrankungen oft subjektiven Bewertungen und längeren Verläufen. Außerdem ist das Risiko hier statistisch schwer zu kalkulieren, was die Prämien deutlich verteuern könnte.“

Wie wird die DD-Versicherung sich weiter entwickeln? Folgt man Zurich-Experte Feilen, sind Makler nicht schlecht beraten, wenn sie die Produkte im Auge behalten. Seine Überzeugung: „Wir glauben, dass die Dread-Disease-Versicherung besonders in Kombination mit BU- und Grundfähigkeitsversicherungen an Bedeutung gewinnen wird.“

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Autor

René Weihrauch arbeitet seit 35 Jahren als Journalist. Einer seiner Schwerpunkte sind Finanz- und Verbraucherthemen. Neben Pfefferminzia schreibt er für mehrere bundesweit erscheinende Zeitschriften und international tätige Medienagenturen.

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