Jeder Vermittler wird sich sicher sein und ganze Salven an Vorurteilen in Richtung Göker abschießen. Dabei hat sich inzwischen auch in der Branche das Wissen über das Mitwirken der Versicherer verbreitet. Die Folgen aus politischer Sicht sind eindeutig. Man muss hier nur die Erhöhung der Stornohaftung auf fünf Jahre anstelle von zwölf Monaten nennen.
Trotzdem könnte diese Perspektive zu monokausal sein, um „Der Versicherungsvertreter 2“ einzuordnen und Göker zu verstehen. Wen die Branche als abgezockten Ganoven darstellt, muss man mit mehr Distanz betrachten: Göker ist ein gewiefter Verkäufer, der das System von Verkauf und Masse verstanden hat. Man mag über die Methoden streiten. Tatsächlich führt Göker auch aktuell wieder eins vor: Sein System scheint zu funktionieren.
Junge Männer lassen sich blenden
Gleichzeitig gibt es eine ganze Reihe von jungen Männern, die geprägt durch Medien und ihre Helden nach Geld giert. Auch diese Perspektiven muss man zulassen und einnehmen, um das Phänomen Göker zu verstehen. Dabei zeigt ihnen Göker eine Lebenseinstellung, die gemessen an Gleichaltrigen und deren Interessen eine vollkommen andere ist: Das Beste, so könnte man fast wertfrei formulieren, ist Göker und seinen Gefolgsleuten gerade gut genug. Das gilt für Autos, Essen und das Leben als solches. Die Abhängigkeit und Hörigkeit dieser jungen Männer, die Göker in „Der Versicherungsvertreter 2“ als 23-Mann-Klitsche bezeichnet, wird in der Aussage „Ich bin für Mehmet hier. Ich liebe diesen Mann“ deutlich. Erste Ausschnitte aus dem Film, die unter anderem dieses Zitat enthalten, hat der Hessische Rundfunk vorab ausgestrahlt.
Dabei bietet Göker eine ganze Reihe von Möglichkeiten an. Bereits 2013 warb er damit, dass er für jeden Mann die passende Frau bei der Meg finde. Auch dabei wird deutlich, was hinter dem Credo von Göker steckt: Meg ist mehr als ein Unternehmen. Es wird als Lebenseinstellung definiert und gelebt.
Kombination aus Erfolg, Geld und einem tollen Leben
Genau diese Kombination aus Erfolg, Geld und einem nach eigenen Maßstäben definiertes gutes Leben macht Meg nach wie vor für viele Menschen interessant. Das dokumentiert Klaus Stern nicht nur in Einzelinterviews mit Göker. Die beobachtende Haltung, die er dabei einnimmt, gibt dem Gründer der Meg gleichzeitig die Möglichkeit sich darzustellen. Aus dieser Kombination erwächst eine gewisse Brisanz. Es stellt sich die Frage, ob man verurteilte Personen, die mit Haftbefehl gesucht sind, so darstellen darf. Dabei handelt es sich um eine moralische Ebene, die von den Fakten wegführt: Ob man das darf und mit sich moralisch vereinbaren kann, muss schlussendlich jeder für sich selbst entscheiden.
Gleichzeitig sieht man zwischen dem ersten und dem zweiten Teil eine deutliche Veränderung. Schaut „Der Versicherungsvertreter“ zurück und versucht das Phänomen Meg zu erklären, beschäftigt sich „Der Versicherungsvertreter 2“ mit der Gegenwart und Zukunft. Zeterte er zunächst noch, man solle ihn doch holen kommen, scheint er sich im zweiten Teil verändert zu haben. Der Mann, der über sich selbst sagte, er sei ruhig und in sich zurückgezogen, ist zurück als derjenige, der die Meg damals in Kassel gründete und an die Spitze führte.
Kein Leisetreter
Die Vorarbeit leistete er bereits in den vergangenen Jahren hinter verschlossenen Türen. Umso erstaunlicher ist es, dass einem rechtskräftigen Urteil zum Trotz Göker nicht leise tritt. Eigentlich, so möchte man meinen, dürfte er froh sein, dass deutsche Behörden ihn nicht erreichen können. Dabei macht Göker sich die sozialen Netzwerke zunutze, um dort seine Meinung zu verbreiten. Dies dokumentierte das Handelsblatt bereits umfassend.
Für die Branche sind die vergangenen vier Jahre indes nicht unverändert geblieben. Eine Vielzahl von Regulierungen sollte die Wiederholung eines solchen Vorgehens vermeiden. Dabei reicht Göker nach eigener Aussage nach wie vor sein Geschäft bei deutschen Versicherern ein. Der neue Film, soviel kann den Medienberichten vorab entnommen werden, lässt die genaue Tätigkeit von Göker offen.
Geschäft an die gleichen Versicherer eingereicht?
So habe Göker nach eigener Aussage über Großvertriebe Geschäft an die gleichen Versicherer eingereicht. Diese hätten auch gewusst, dass er dahinter stecke, zitiert ihn der Focus. Die aktuelle Eindeckung über Strohmänner legt nahe, dass die Regulierung nicht oder nicht ausreichend funktioniert. Während der Einzelmakler nach Ansicht von MLP-Chef Uwe Schröder-Wildberg verschwindet, da ihn die Regulierung zunehmend mit Papierarbeit beschäftigt, scheinen die großen Strukturvertriebe die eigentlichen Gewinner zu sein.
Wer überlegt, ob er den zweiten Teil der Göker-Doku schauen möchte oder nicht, sollte Klaus Stern eine Chance geben. Göker totzuschweigen hat – das dokumentieren seine Aktivitäten – nicht funktioniert. Nur wer versteht, wie Göker arbeitet, kann seine Kunden vor möglichen Auswirkungen warnen. Vielleicht muss man in dieser Möglichkeit sogar den wahren Wert des Films sehen.
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