Personalvermittler im Gespräch

„Kann man Leute nicht einfach ins Industriegeschäft umschulen?“

Einerseits klagt die Assekuranz über Personalmangel. Andererseits baut sie Stellen ab. Wie passt das zusammen, und was macht das mit dem Arbeitsmarkt? Jürgen Dörendahl und Thomas Dudkiewicz von Le Groupe Bleu vermitteln Personal und erklären, wo es ganz besonders hakt.
Innovative Finanzberatung bei Pfefferminzia.de auf der Messe in Deutschland.
© Pfefferminzia
Personalvermittler Jürgen Dörendahl (rechts) und Thomas Dudkiewicz (links) von Le Groupe Bleu im Gespräch mit Pfefferminzia-Redakteur Andreas Harms

Pfefferminzia: Holen wir die Leser erst einmal ab. Was genau macht Ihr Unternehmen?

Jürgen Dörendahl: Wir sind eine spezialisierte Personalberatung für die Assekuranz. Vor über 20 Jahren sind wir mit Schwerpunkt auf Industrieversicherung gestartet und haben in den vergangenen Jahren das Personen- und Composite-Geschäft stärker hinzugenommen.

Die Branche beklagt Fachkräftemangel auf der einen Seite und baut auf der anderen Seite Personal ab – wie passt das zusammen?

Thomas Dudkiewicz: Man muss die Branche differenziert betrachten. Im Industriegeschäft ist vieles individuell. Dort besteht deshalb konstant hohe Nachfrage nach Fach- und Führungskräften. Im standardisierten Personengeschäft wurden dagegen Prozesse stark digitalisiert, teils mit künstlicher Intelligenz – etwa in der Schadenbearbeitung. Da sind in den letzten Jahren Stellen weggefallen.

Lässt sich durch Umschulung die Balance schaffen? Indem man Menschen aus dem Standardbereich ins Industriegeschäft holt?

Dörendahl: Das ist schwierig. Industriepolicen erfordern hohes Spezialwissen. Wer aus dem reinen Personengeschäft kommt, braucht lange Anlaufzeit, um dort arbeiten zu können. Nach vier, fünf Jahren ist man oft noch nicht auf 100-Prozent-Niveau. Das ist das Problem.

Wie groß ist denn der Mangel im Industrieversicherungsbereich?

Dudkiewicz: Unternehmen suchen durchweg. Vor allem Underwriter – also die, die Risiken bewerten und Prämien kalkulieren. Mit den Babyboomern gehen viele Menschen in Rente, der Bedarf wächst. Versuche, Underwriting sozusagen zu industrialisieren, haben bislang nicht zum Ziel geführt. Der Fachkräftebedarf bleibt hoch.

Kommen eher Unternehmen oder Kandidaten auf Sie zu?

Dörendahl: Überwiegend mandatieren uns Unternehmen exklusiv für eine gezielte Suche. Wir sprechen Marktprofile an – oft sind es Personen, die gar nicht suchen. Gleichzeitig sind wir Sparringspartner für Kandidatinnen und Kandidaten: Marktwert einschätzen, Trends, Gehälter.

Werben Sie auch bewusst Mitarbeiter von Unternehmen ab?

Dudkiewicz: (lacht) Wir sprechen sie an und schaffen Optionen. Ja, wir sind die, die auch die passiven Talente erreichen – irgendwer muss das tun. Deshalb gibt es uns.

Viele Unternehmen bauen internes Recruiting auf. Reicht das nicht?

Dörendahl: Internes Recruiting ist wichtig. Aber häufig fehlen das branchenspezifische Tiefenwissen und das Netzwerk. Wir sind seit 30 Jahren in der Nische unterwegs. Dieses Vertrauen kann man nicht in einem Jahr aufholen.

Welche Größenordnung hat Ihr Geschäft?

Dudkiewicz: Aufs Jahr gesehen vermitteln wir 80 bis 100 Leute.

Klingt nach nicht viel.

Dudkiewicz: Für eine spezialisierte Assekuranz-Beratung ist es viel, üblich sind eher um die 20. Unsere Spezialisierung sorgt für eine andere Schlagzahl. Auch im qualifizierten Backoffice der Industrieversicherung werden inzwischen Headhunter eingesetzt, weil der Mangel so deutlich ist.

Podcast: Fallstricke bei der Personalsuche und sinkende Solvenzquoten

Zurück zum Spannungsfeld: Das standardisierte Geschäft wird effizienter, aber die Industrie sucht händeringend. Was heißt das für die Branche?

Dörendahl: Dass sich Spezialisierung auszahlt – für Unternehmen, aber auch die Talente. Standardisierte Bereiche werden weiter automatisiert, dort sind Prozess- und Digitalwissen wichtig. Im Industriegeschäft wächst der Bedarf an juristisch und technisch versierten Underwritern, Brokern und Schadenexperten.

Dudkiewicz: Und Weiterbildung wird zentral. Wer wechseln will, braucht Zeit und Arbeitgeber, die Lernkurven bewusst einplanen. Schnellschüsse bringen wenig, Qualität zählt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mehr zum Thema

So holen Versicherer Personal zurück aus dem Homeoffice

Homeoffice ist längst nicht mehr wegzudenken aus der Versicherungsbranche. In einem Branchenvergleich des Statistischen Bundesamtes…

Wie Künstliche Intelligenz Versicherungsberufe neu definiert

Die Versicherungsbranche erlebt gerade einen der größten Umbrüche ihrer Geschichte. Die Branche steuert auf einen…

Die wichtigsten Trends in der Versicherungsbranche

In der Studie schwingt eindeutig positive Energie mit. Die Menschen in Deutschland, dem Vereinigten Königreich,…

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

Teilen:
Nicht verpassen!

Pfefferminzia.pro

Eine Plattform, die liefert: aktuelle Informationen, praktische Services und einen einzigartigen Content-Creator für Ihre Kundenkommunikation. Alles, was Ihren Vertriebsalltag leichter macht. Mit nur einem Login.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Pfefferminzia