Bei klassischen Welt-ETFs entscheidet vor allem der Börsenwert darüber, welches Land und welches Unternehmen wie stark vertreten ist. Je größer, desto schwerer. Das führt derzeit dazu, dass USA und große Technologiekonzerne besonders hoch gewichtet sind.
Diese Ungleichgewichte führen dazu, dass es Experten für eine gute Idee halten, Aktienfonds nach der Wirtschaftsleistung von Regionen oder Ländern aufzubauen. Gemessen an deren Bruttoinlandsprodukt (BIP). Auch wir haben darüber berichtet.
Nun ist es so weit: Amundi tut bei seinem neuen Amundi FTSE All World GDP-Weighted Ucits ETF (ISIN: IE000KCKFHE8) genau das. Arne Scheehl aus der Produktentwicklung von Amundi erklärt uns das mal genauer.
Pfefferminzia: Zunächst mal generell gefragt – warum gibt es einen ETF, der Länder nach ihrem BIP gewichtet?
Arne Scheehl: Wir haben aus unterschiedlichen Investorengruppen Nachfrage nach einer alternativen Gewichtungsmethode gesehen. Gleichzeitig gab es ein solches Produkt bislang nicht am Markt. Die Idee, nach dem BIP zu gewichten, ist zwar keineswegs neu. Neu ist aber, diesen Ansatz über einen passiven ETF investierbar zu machen.
Was genau ist denn die Alternative?
Scheehl: Ein klassischer globaler Aktienindex gewichtet nach Marktkapitalisierung, also dem Börsenwert der Unternehmen. Vereinfacht gesagt: Je größer der ist, desto größer ist das Gewicht im Index. Wir bieten eine andere Herangehensweise. Ziel ist nicht notwendigerweise, mit dem ETF nur einen Weltindex zu schlagen. Es geht auch darum, Anlegern, die Diversifizierung wünschen, eine alternative Gewichtungslogik anzubieten. Länder mit großer wirtschaftlicher Bedeutung und weniger entwickelte Aktienmärkte erhalten dabei einen größeren Anteil an der Allokation als bei herkömmlichen, nach der Marktkapitalisierung gewichteten Indizes.
Aber warum gerade nach dem BIP und nicht etwa nach Bevölkerung oder noch etwas anderem?
Scheehl: Für einen Index braucht man zunächst eine saubere und objektive Datengrundlage. Damit hat man eine klar definierte Grundlage und keine subjektive Einschätzung. Und wenn man Aktien als Investment in die Wirtschaft betrachtet, liegt es nahe, neben der Größe des Kapitalmarktes auch die wirtschaftliche Größe eines Landes zu berücksichtigen. Dafür bietet sich das Bruttoinlandsprodukt an.
Welchen Index bildet der ETF ab?
Scheehl: Den FTSE All-World GDP Adjusted Index. FTSE ist der Indexadministrator und damit für das Konzept und den Index verantwortlich.
Wie funktioniert die BIP-Gewichtung konkret?
Scheehl: Das Verfahren läuft in zwei Schritten. Zunächst wird anhand des BIP festgelegt, welches Gewicht ein Land im Index erhält. Danach wird das jeweilige Ländergewicht auf die Aktien dieses Landes verteilt. Auf dieser zweiten Ebene kommt wieder die übliche Free-Float-Marktkapitalisierung zum Einsatz, also der frei handelbare Börsenwert. Große und gut handelbare Unternehmen sind in ihrem Land also weiterhin höher gewichtet.
Das BIP kann man in mehreren Varianten messen, Stichworte: Währungen, Kaufkraft, Inflation. Welche Zahlen verwendet FTSE?
Scheehl: Das nominale BIP in US-Dollar. Es geht also weder um Kaufkraftparität noch um das BIP je Einwohner, sondern um die absolute Wirtschaftsleistung eines Landes in US-Dollar. Die zugrunde liegenden Daten stammen vom Internationalen Währungsfonds.
Wie kleinteilig ist der Index?
Scheehl: Er arbeitet auf der Ebene einzelner Länder und nicht etwa Regionen. Berücksichtigt werden Industrieländer und Schwellenländer des zugrunde liegenden Anlageuniversums. Insgesamt umfasst der Index mehr als 4.000 Einzelaktien.
Wo sind die Unterschiede zu einem klassischen Weltindex besonders groß?
Scheehl: Wie gesagt kann ein BIP-gewichteter Index die Länderallokationen an der tatsächlichen Wirtschaftsleistung ausrichten, wodurch die Konzentration auf die USA verringert und das Engagement in anderen Regionen, wie zum Beispiel China, erhöht wird. Vereinfacht lässt sich sagen: Industrieländer werden geringer, Schwellenländer stärker gewichtet. Für Anleger, die sich vor den hohen Bewertungen in technologielastigen Indizes hüten wollen, könnte dies einen gewissen strukturellen Schutz bieten.
Ist der ETF damit vor allem etwas für Anleger, denen zu viele US-Aktien Sorgen bereiten?
Scheehl: Ich würde es weniger mit Sorgen begründen. Der ETF richtet sich an Anleger, die nach einer Alternative suchen, weil sie ihr Portfolio über die übliche Gewichtung nach Marktkapitalisierung hinaus diversifizieren möchten. Auf Sektorebene führt die Gewichtung nach dem BIP naturgemäß zu einem höheren Engagement im Finanzsektor und verringert die strukturelle Ausrichtung auf den Technologiesektor, was in einem Umfeld, in dem Industriepolitik, Lieferketten und strategische Autonomie für Anleger zunehmend an Bedeutung gewinnen, von besonderer Relevanz sein kann.
Nun verdienen viele große Konzerne ihr Geld weltweit. Nvidia, Apple oder Google mögen US-Unternehmen sein, ihre Geschäfte sind aber global. Schwächt das nicht die Logik der BIP-Gewichtung?
Scheehl: Diese Frage kann man genauso an einen klassischen marktkapitalisierten Weltindex stellen. Wenn dort beispielsweise 60 oder 70 Prozent den USA zugeordnet werden, heißt das schließlich nicht, dass ein Anleger wirtschaftlich zu 60 oder 70 Prozent von den USA abhängig ist. Viele US-Konzerne erwirtschaften einen großen Teil ihrer Umsätze international. Die Länderzuordnung eines Unternehmens und seine tatsächliche wirtschaftliche Abhängigkeit sind also auch bei klassischen Indizes nicht identisch.
Wie häufig werden die Ländergewichte angepasst?
Scheehl: Die neuen BIP-Daten fließen einmal jährlich ein. Entsprechend gewichtet FTSE einmal pro Jahr die Länder neu.
Zum Abschluss noch mal ganz kurz: Was bekommen Anleger?
Scheehl: Sie bekommen eine Alternative zur traditionellen Gewichtung nach Marktkapitalisierung. Durch die Orientierung an der wirtschaftlichen Stärke der einzelnen Länder werden Schwellenländer höher und Industrieländer niedriger gewichtet. Die enthaltenen Aktien können dabei zu großen Teilen ähnlich sein – erheblich verändern können sich aber ihre Gewichte.
Herr Scheehl, wir bedanken uns für das Gespräch.
Arne Scheehl leitet die Produktentwicklung ETFs und Indexlösungen bei Amundi in Deutschland und Österreich. Frühere Stationen seiner Karriere sind die ETF-Häuser Lyxor und Comstage.
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