Zielgruppenkonzepte, Psyche & Co

Diese Trends gibt es in der Grundfähigkeitsversicherung

Immer mehr Anbieter, immer bessere Tarife – und Angebote für spezielle Zielgruppen: Die Grundfähigkeitsversicherung ist das Produkt der Stunde, die Nachfrage steigt. Und das ist erst der Anfang.
Ein Mann im Rollstuhl steigt in einen Bus ein: Zu den versicherbaren Grundfähigkeiten gehört bei einigen Anbietern auch das Nutzen des öffentlichen Nahverkehrs.
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Ein Mann im Rollstuhl steigt in einen Bus ein: Zu den versicherbaren Grundfähigkeiten gehört bei einigen Anbietern auch das Nutzen des öffentlichen Nahverkehrs.

In den vergangenen zehn Jahren hat die Grundfähigkeitsversicherung eine erstaunliche Entwicklung genommen: Das unter Kunden lange Zeit kaum bekannte Nischenprodukt ist zu einem echten Verkäufer geworden. „Die Grundfähigkeitsversicherung wird als Alternative zum Berufsunfähigkeitsschutz gehandelt, auch wenn sie nicht die eigentliche berufliche Tätigkeit, sondern wesentliche Grundfähigkeiten absichert“, sagt André Meissner, Direktor Vertrieb bei der Canada Life.

Gerade in körperlich und psychisch belastenden Berufen, zum Beispiel im Handwerk oder in der Pflege, können sich viele Berufstätige eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) wegen saftiger Zuschläge nicht mehr leisten oder haben aufgrund von Vorerkrankungen keine Möglichkeit, sich adäquat abzusichern – und weichen deshalb auf die Grundfähigkeitsversicherung aus. „Mittlerweile hat sie sich als wichtiger Bestandteil der Einkommensabsicherung etabliert“, bestätigt Sascha Bassir, Vorstand Baloise Vertriebsservice.

Das liegt auch am einfachen Konzept der Grundfähigkeitsversicherung mit eindeutig definierten, gut verständlichen Leistungsauslösern. Voraussetzung für Rentenzahlungen ist der Verlust körperlicher oder geistiger Kompetenzen. Wer beispielsweise nicht mehr hören, sehen, gehen oder Treppen steigen kann, erhält eine Grundfähigkeitsrente. Schon der Verlust einer versicherten Fähigkeit löst die Rentenzahlung aus, und zwar unabhängig davon, ob der Versicherte seinen Beruf noch ausüben kann oder nicht – ein wichtiger Unterschied zur klassischen BU, deren Leistungsauslöser in aller Regel der Berufsunfähigkeitsgrad von 50 Prozent ist.

Auch der Grund für den Verlust der Fähigkeit spielt keine Rolle: Die Versicherung zahlt unbeachtet der Ursache des Handicaps, sei es durch Unfall, Krankheit oder allgemeinen körperlichen Verfall. Der Leistungsfall ist ausgelöst, sobald eine versicherte Grundfähigkeit verloren geht. Ein überschaubares, klares Versicherungskonzept.

Günstiger und offener

Für die Grundfähigkeitsversicherung spricht zudem, dass sie recht günstig zu haben ist. Das liegt vor allem am begrenzten Versicherungsumfang, dem damit einhergehenden geringeren Leistungsrisiko für den Versicherer und der meist kürzeren Vertragslaufzeit im Vergleich zur BU.

Zudem punktet die Grundfähigkeitsversicherung mit einer verkürzten Gesundheits- und Risikoprüfung. Sie ermöglicht auch Kunden mit Vorerkrankungen einen Zugang ohne Zuschläge oder Leistungsausschlüsse, was an der im Vergleich zur BU höheren Annahmequote deutlich wird. Ein weiterer Grund dafür, dass der Grundfähigkeitsschutz gerade bei Beschäftigten in „körperlichen Berufen“ sehr gut ankommt und zunehmend als echte Alternative zur Berufsunfähigkeitsversicherung wahrgenommen wird.

Schutzpakete für spezielle Zielgruppen

Darüber hinaus zeichnen sich mehrere Trends innerhalb des Marktsegments für Grundfähigkeitsversicherungen ab, die die ohnehin schon steigende Nachfrage künftig noch weiter befeuern dürften. Wegen des Produkterfolgs nehmen immer mehr Anbieter Grundfähigkeitsversicherungen in ihr Portfolio auf. Die wachsende Konkurrenz wiederum belebt das Geschäft: Die Versicherer schärfen ihre Angebote kontinuierlich nach und erweitern ihre Kataloge versicherbarer Grundfähigkeiten um neue, die sich ganz nach Bedarf nach dem Bausteinprinzip miteinander kombinieren lassen.

Und schließlich schnüren die Versicherer immer häufiger spezielle, auf bestimmte Zielgruppen zugeschnittene Schutzpakete. Im Fokus stehen beispielsweise konkrete Berufsbilder sowie immer jüngere Zielgruppen. Damit erweitert sich der Kreis der potenziellen Kunden ganz erheblich, was die Grundfähigkeitsversicherung für immer mehr Menschen attraktiver macht. „Der Markt ist sehr dynamisch“, fasst Experte Bassir die Entwicklung zusammen.

Aber der Reihe nach. In Deutschland werben mittlerweile gut zwei Dutzend Grundfähigkeitsversicherer um Kunden. Damit hat sich die Zahl der Anbieter innerhalb einer Dekade mehr als verdoppelt, die Zahl der Tarife ist geradezu explodiert. Neben „fundamentalen“ Grundfähigkeiten wie Schreiben, Sprechen oder Greifen sind mittlerweile viele weitere Kompetenzen versicherbar.

Die Canada Life hat jüngst die Bedienung von Smartphone oder Tastatur, die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs oder das Fahrradfahren in ihren Grundfähigkeitskatalog aufgenommen. „Eine zeitgemäße Ergänzung, die der Technologie-Nutzung im Alltag und der individuellen Mobilität Rechnung trägt“, begründet André Meissner. Neu versicherbar sind außerdem Herz-, Lungen-, Leber- und Nierenfunktion.

Die Baloise hat seit dem Sommer eine Absicherung für den Verlust des Führerscheins für Schienenfahrzeuge im Programm – eine von insgesamt 42 versicherbaren Grundfähigkeiten des Versicherers. Die Konkurrenz werde sehr bald nachziehen und Ähnliches anbieten, prognostiziert Bassir.

Ganz besonders gefragt ist aktuell die Absicherung psychischer Risiken, darunter Burn-out-Syndrom und Depressionen. Viele Anbieter schließen psychische Erkrankungen mittlerweile in ihre Grundfähigkeitsversicherung ein – und tragen damit der steigenden Zahl solcher Probleme Rechnung.

Kurz: Die Versicherer setzen den Blinker links und überholen sich mit ihren Angeboten gegenseitig. Ein Ende des Überbietungswettbewerbs ist nicht absehbar. Die Zahl der versicherbaren Grundfähigkeiten wächst stetig, der Markt wird immer bunter.

Schutz ist anpassbar

Neben der laufenden Weiterentwicklung der Produkte wird ein weiterer Trend sichtbar: Kunden können sich ihren individuell passenden Schutz je nach Berufs- und Lebenssituation modular aus der breiter werdenden Palette versicherbarer Grundfähigkeiten zusammenstellen und sich umfassend absichern. Gut für die Versicherten. Doch die große Auswahl an ­Bausteinen sowie die Möglichkeit, sie flexibel miteinander zu kombinieren, machen den Markt auch unübersichtlich.

Canada-Life-Experte Meissner betont deshalb die zentrale Rolle von Vermittlerinnen und Vermittlern im Angebotsdickicht: „Es kann passieren, dass sich Kunden im Alleingang Absicherungsprofile zusammenstellen, die nicht sinnvoll sind oder nicht auf ihren Bedarf passen. Darum kommt es auf eine gute Beratung an.“

Und auf die Versicherer. So bietet die Premium-Grundfähigkeitsversicherung der Canada Life einen Kern an versicherten Grundfähigkeiten. Dadurch ist die Gefahr von Versicherungslücken sehr gering. Andere Anbieter konzentrieren sich mit ihren Angeboten immer stärker auf klar definierte Zielgruppen – und schnüren passgenaue Schutzpakete als All-in-One-Lösung für bestimmte Berufsbilder wie Krankenpfleger, Feuerwehrleute oder Industriemechaniker. Matthias Sattler, Leiter Vertrieb bei der Alten Leipziger Lebensversicherung, bestätigt diesen Trend: „Grundfähigkeitsversicherungen werden immer stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten.“

Die Alte Leipziger bietet beispielsweise spezielle Grundfähigkeitspakete für Handwerker, Berufskraftfahrer, Bauarbeiter und viele weitere Tätigkeiten an. Auch die Baloise nimmt mit maßgeschneiderten Grundfähigkeitsangeboten immer neue Zielgruppen ins Visier, darunter Fahrer von Bringdiensten, Metallbauer oder Landwirte.

Marktüberblick ist erschwert

Dennoch ist die Grundfähigkeitsversicherung kein Produkt von der Stange. Denn die Versicherer lassen sich immer neue Extras einfallen, die zwar grundsätzlich vorteilhaft für die Kunden sind, gleichzeitig aber den Marktüberblick erschweren. Dazu zählen beispielsweise bis zu zweijährige Beitragspausen ohne Verlust des Versicherungsschutzes bei der Alten Leipziger oder die Prämiengarantie der Canada Life: Die Beiträge bleiben während der gesamten Versicherungslaufzeit stabil.

Bei vielen Anbietern kommen zudem wie in der BU Nachversicherungsgarantien ohne erneute Gesundheitsprüfung zu bestimmten Anlässen hinzu, darunter bei Heirat, Hauskauf oder Familienzuwachs. Andere Versicherer haben einen Baustein für den Fall der Arbeitsunfähigkeit im Programm. So zahlen beispielsweise Baloise und Alte Leipziger eine Grundfähigkeitsrente, wenn der Versicherte mindestens vier Monate krankgeschrieben ist und die Arbeitsunfähigkeit zwei weitere Monate oder länger bestehen bleibt. Ein interessantes Feature für Arbeitnehmer, um den Wegfall der Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber zu kompensieren und das Krankengeld der Krankenkasse aufzubessern.

Und schließlich sorgt ein weiterer Trend für Bewegung im Markt: Die Angebote der Versicherer richten sich an eine immer jüngere Zielgruppe. So kann das Modul „Arbeitsunfähigkeit“ bereits ab dem zehnten Lebensjahr in die Grundfähigkeitsversicherung der Alten Leipziger eingeschlossen werden. Darüber hinaus bietet die Gesellschaft bereits Kleinkindern ab dem sechsten Lebensmonat die Möglichkeit, Grundfähigkeiten abzusichern.

Die Gesundheitsfragen bei Aufnahme sind sehr überschaubar und beschränken sich auf die Vorlage der Ergebnisse von Früherkennungsuntersuchungen für den jungen Nachwuchs. Der sehr zeitige Grundfähigkeitsschutz kann über die Jahre nach Bedarf erweitert werden und eröffnet Kindern für die Zukunft eine interessante Wechseloption. „Die Grundfähigkeitsversicherung kann mit Eintritt in die weiterführende Schule oder beim erstmaligen Berufseinstieg in einen vollwertigen BU-Schutz umgewandelt werden“, so Sattler. Und zwar ohne erneute Gesundheitsprüfung.

Fazit

Der wachsende Markt der Grundfähigkeitsversicherungen differenziert sich immer weiter aus und bietet beste Voraussetzungen für Vermittler. Ihre Beratungsleistung ist entscheidend, um speziell solche Kunden bedarfsgerecht abzusichern, die in körperlich oder psychisch herausfordernden Berufen arbeiten oder Vorerkrankungen mitbringen, die eine Aufnahme in die BU erschweren oder gar ausschließen. Eine Grundfähigkeitsversicherung kann eine sinnvolle Ergänzung zu einer bestehenden BU sein.

Zudem eröffnet sie Beratern die Möglichkeit, mit jungen Eltern über den Schutz ihrer Kinder ins Gespräch zu kommen und frühzeitig einen Basis-Schutz aufzubauen, der sich später ohne erneute Risikoprüfung in eine BU überführen lässt. Und schließlich kommt Maklern zugute, dass die Versicherer „kontinuierlich neue, attraktive Features entwickeln und auf den Markt bringen“, so Bassir. Sie eröffnen Vermittlern in Zukunft weitere Möglichkeiten, um ihre Kunden gegen den Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten abzusichern.

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Autor

Jens

Lehmann

Jens Lehmann ist diplomierter Publizist und Betriebswirt und arbeitet als freier Journalist und Autor in Hamburg. Er ist thematisch auf Wirtschafts-, Finanz- und Mobilitätsthemen spezialisiert. Seine Beiträge erscheinen in Publikationen großer Zeitungsverlage, Unternehmensveröffentlichungen sowie bei Pfefferminzia.

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